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14.09.2010

Ganz ehrlich - Jonas Kaufmanns neues Album "Verismo Arias"

Um Gefühle geht es, große Dramen im Inneren des Menschen. Das macht die Ära des Verismo auf den Bühnen so beliebt und beschert dem Tenor Jonas Kaufmann ein Programm voller Glanzstücke

Jonas Kaufmann, Ganz ehrlich - Jonas Kaufmanns neues Album Verismo Arias © Deutsche Grammophon

Der Verismo, meint das Lexikon, sei ein ab etwa 1890 in Italien präsenter Opernstil, der sich am naturalistischen Drama anlehne und der romantischen Bühnentradition und deren historischen, idealisierten und oft mythisierten Gestalten à la Richard Wagner eine möglichst zeitnahe, zuweilen sozialkritischen, vor allem aber menschlich-leidenschaftliche Darstellung gegenüberstelle. Puccini gehörte zu dessen Vorreitern, ebenso Leoncavallo, Mascagni, Cilèa, Giordano oder auch Alfano, sowie ein Großteil der Bühnenmusik, die sich unmittelbar an Verdis Glanzzeit in Italien anschloss. Das macht den Verismo auch so reizvoll für Sänger und tückisch zugleich. Denn es geht nicht um das Gelernte, Schematische, mit dem man beispielsweise beim Belcanto schon recht weit kommt, sondern um das persönliche Erleben der Musik, die zumindest eine Zeitlang zum Teil der eigenen Künstlerpersönlichkeit werden muss.

Jonas Kaufmann, der musikalische Senkrechtstarter aus München, der zur Zeit zu den gefragtesten Sängern auf den internationalen Bühnen gehört und erst im April dieses Jahres als erster deutscher Tenor seit 103 Jahren die Ehre hatte, den Caravadossi an der New Yorker Met zu singen – unter großem Beifall von Publikum und Kritik übrigens -, Jonas Kaufmann also hat sich entschlossen, nach seinem Programm mit deutschen Arien sich auf eben diese intensiven Figuren einzulassen, die dem Darsteller Herzblut abverlangen: „Beim Verismo geht es nur um Seele und Leidenschaft, doch gerade das liebe ich so daran“, meint er im Gespräch mit dem Musikjournalisten Roger Pines. „Diese Arien sind mit Gefühlen aufgeladen, die einen zu Tränen rühren können. Ich habe das Album mit deutschen Arien aufgenommen, weil in der Musik und in den Charakteren so viel geschieht. Aber die enthusiastischste Musik – die ekstatischste Musik – ist die des Verismo“.

Die Ära bietet außerdem immer noch Überraschungen. So finden sich auf „Verismo Arias“ auf der einen Seite die Klassiker der Epoche, der Canio aus dem „Bajazzo“, der Faust aus Boitos „Mefistofele“, der Andrea aus Giordanos „Andrea Chenier“ oder auch Turiddu aus der „Cavalleria Rusticana“. Darüber hinaus aber singt Jonas Kaufmann den Osaka aus Mascagnis „Iris“, den Marcello aus Leoncavallos alternativer „La Bohème“ oder auch eine Arie des Romeo in Zandonais „Giuletta e Romeo“, die für ihn selbst zu einer der bewegendsten des ganzen Programms wurde: „Ich glaube nicht, dass man noch mehr Emotion in Musik packen kann. Romeo trauert um Giulietta, aber auf eine schockierend realistische Weise. Wenn man ihm zuhört, ist das, als würde man in jemandes Privatleben herumschnüffeln“. Diese Intensität zu erreichen, ist zum einen das Verdienst des Interpreten, aber auch Resultat der produktiven Kooperation von Jonas Kaufmann mit dem hervorragenden Orchester der Accademia Nationale Di Santa Cecilia unter der Leitung von Antonio Pappano, „einem der besten Dirigenten der Welt, der zudem die Sänger liebt“ (Kaufmann). So konnte ein herausragendes Programm entstehen, das zum einen einen pointierten Überblick über eine komplexe Opernepoche bietet, darüber hinaus aber einen der beeindruckendsten Tenöre unserer Zeit in Bestform präsentiert.


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