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10.12.2008

Jahresrückblick 2008 Teil 1 - Von Kaufmann bis Karajan

Jonas Kaufmann, Jahresrückblick 2008 Teil 1 - Von Kaufmann bis Karajan

Alle Jahre wieder kommt die Krise. Zeitungen sind voll von schlechten Nachrichten, fast möchte man meinen, das letzte Stündlein des Abendlandes habe geschlagen. Dabei reicht ein Blick auf die Kultur, um die Skeptiker vom Gegenteil zu überzeugen. Denn gerade 2008 hat eine künstlerische und vor allem musikalische Vielfalt geboten, die den Trend der vergangenen Jahre hin zu einer neuen Begeisterung für Konzert, Oper & Co mehr als bestätigte. Es war das Jahr großer Jubiläen von Herbert von Karajan bis Giacomo Puccini. Es war das Jahr neuer Stars wie Jonas Kaumann oder Danielle De Niese und es war auch das Jahr technischer Innovationen vom boomenden digitalen Markt bis hin zum High End Video Format Blue Ray. Da gibt es viel zu erzählen und berichten, zu staunen und zu loben. Ein kleiner Jahresrückblick mit reichlich Pressestimmen erinnert daher an einige der Höhepunkte.

Der Januar begann mit einem Paukenschlag. Nachdem die Wiener Philharmoniker in gewohnter Bravour ihr Neujahrskonzert präsentiert hatten und mit dem 83-jährigen Georges Prêtre zum ersten Mal in der Geschichte der Reihe einen französischer Dirigent an das Pult des Kulturereignisses geladen hatten, erlebte die Opernwelt eine ungemein spannende Premiere. Jonas Kaufmann, der charmante Tenor aus München, gab mit „Romantic Arias“ seinen Einstand bei der Deutschen Grammophon. Das Echo auf das Album mit Melodien von Weber bis Bizet war gewaltig. Kaufmann galt schnell als „Shootingstar der deutschen Opernszene“ (Morgenpost am Sonntag) und wurde neben den Fachorganen auch ausführlich in der Tagespresse gefeiert, als jemand der „die Herzen zum Schmelzen“ (Mannheimer Morgen) bringe und „13 Zauberstücke der Operngeschichte in Klang-Magie verwandelt“ (Bild am Sonntag).
Etwas sperriger, dafür eine Musik, die „den Hörer wie in einer Kathedrale umherführen“ (taz) kann, stellte der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard mit seiner Interpretation von Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ vor. Die Einspielung gelang ihm derart nachhaltig, dass sich die Rezensenten selbst inspiriert fühlten. Das Album sei „eine Erzählung von abenteuerlicher Versunkenheit in Klang und Mensch“ (Berliner Zeitung), die „absolute technische Beherrschung mit fast meditativer Versenkung verbindet“ (Partituren), „ein kompliziertes Sudoku“ (Die Zeit), das die „Einsamkeit in der Höhe des Gipfels“ (Musikforum Berlin) erahnen lässt.

Der Februar ist der Monat der Masken und Verkleidungen. Im Karneval werden die bösen Geister vertrieben und das Fauré Quartett setzte mit einer spektakulären Einspielung der Klavierquartette von Johannes Brahms Maßstäbe. Tatsächlich muss man lange suchen, um ein Kammermusikensemble zu finden, das mit vergleichbarer Verve sich dieser großen Werke annimmt. Dementsprechend meinte auch die Neue Züricher Zeitung in Übereinstimmung mit zahlreichen Kollegen, das sei eine „restlos packende Aufnahme“ und der Rezensent der Fachzeitschrift Partituren schwärmte von „delikatestem Fingerspitzengefühl“  und der „Transparenz und Detailgenauigkeit“ der Aufnahme.

Neues gab es auch aus dem Hause Wunderlich zu vermelden. Mit Sorgfalt werden inzwischen die musikalischen Erbstücke des früh verstorbenen genialen Tenors ediert und so wurde unter anderem ein Album präsentiert, das Fritz Wunderlich als Bach-Interpreten mit Passagen aus der „Matthäus-Passion“, dem „Magnificat“, der „Osterkantate“ und dem „Oster-Oratorium" in Erinnerung rief. Im Sommer folgte dann mit Verdis „Requiem“ ein "Kultobjekt für die Nachwelt" (Crescendo), von dem man in der Neuen Frankfurter Presse lesen konnte. "Es ist ein einmaliges Dokument der Musikgeschichte ... weil es die einzige Aufnahme dieses großartigen Werkes mit dem legendären Tenor Fritz Wunderlich".

Er war kein wirkliches Comeback, denn genau genommen hatte sich der Startenor Rolando Villazón nur eine kurze Auszeit gegönnt. Um so begeisterter reagierte die Klassikwelt, als sich der Stimmvirtuose im März mit seinem neuen Album „Cielo e mar“ auf der Bühne zurückmeldete. Voll frischer Kraft wandte „der mexikanische Wundertenor“ (Freundin) mit der „Traumstimme“ (Bild am Sonntag) sich heute vergessenen Komponisten wie dem Brasilianer Antônio Carlos Gomes, dessen italienischen Kollegen Saverio Mercadante, Giuseppe Pietri oder auch selten gesungenen Arien wie aus Gaetano Donizettis „Poliuto“ zu und entführte mit „leidenschaftliche[m] Sichverströmen“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) die Opernfans auf „eine emotionale Reise“ (Neue Züricher Zeitung).
Ein großer Wurf gelang der amerikanischen Geigerin Hilary Hahn. Sie hatte sich vom ungewöhnlichen Spiel der Farben, Stimmungen und Ausdrucksmöglichkeiten von Arnold Schönbergs Violinkonzert begeistern lassen und es nach mehreren Jahren auf der Bühne mit dem Schwedischen Radio-Symphonieorchester unter Esa-Pekka Salonen auf CD festgehalten, zusammen mit einem weiteren Klassiker des anspruchsvollen Konzerterlebens, dem Violinkonzert von Jean Sibelius. Aus aller Welt kam das Lob für Hahns gelungene Interpretation und die ersten Preise bekam sie dafür bereits zugesprochen. So war sie die Nummer eins der Leserwahl „Choc des Lecteurs“ des einflussreichen französischen Magazins Le Monde de la Musique und wurde gleich für zwei Grammys nominiert, die im Februar 2009 entschieden werden.

Der April stand ganz im Zeichen Herbert von Karajans, der am 5. des Monats seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Bereits von Jahresbeginn an wurde die Musiköffentlichkeit durch zahlreiche Veröffentlichungen aus dem Hause Universal Classics & Jazz von den frühen Decca-Recordings über Brahms und die Kompilation „Gold“ bis hin zu Eliette von Karajans Hörbuch „Mein Leben an seiner Seite“ auf diese Jubiläum eingestimmt. Es sei daher „kein Gedenkjahr, sondern ein Festjahr“, konstatierte die Augsburger Allgemeine. „Der Mythos lebt weiter“ meinte die Badische Zeitung, der Tagesspiegel feierte Karajan als „Generalmusikdirektor Europas“ und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hieß es knapp und prägnant „Karajan ist und bleibt das Nonplusultra“. „Karajan Gold“ mit den populärsten Aufnahmen aus der DG Diskografie auf zwei CDs erwies sich als Bestseller und kletterte sogar bis auf Platz 31 der Popcharts. „Karajan - das Portrait“ von Robert Dornhelm führte auf DVD mit Proben- und Interview-Auschnitten Karajans und zahlreichen Statements von Anne-Sophie Mutter, Helmut Schmidt, Simon Rattle und Christa Ludwig in Werk und Leben des Dirigenten ein und die Biografie von Richard Osborne „Karajan Mensch und Mythos“ als Hörbuch mit Joachim Król als Sprecher komplettierte das Angebot.

Trotzdem hatte der Monat noch mehr zu bieten. Danielle de Niese zu Beispiel. „Es lässt sich nicht leugnen; de Niese ist ein Star“, meinte die ehrwürdige The Times und sagte der jungen australisch-amerikanischen Sopranistin eine glorreiche Zukunft voraus. Mit ihrem Debüt bei der Deutschen Grammophon „Handel Arias“ wurde sie diesem Anspruch gerecht, zeigte eine „strahlend-zauberhafte Stimme“ und „sensationell perfekte Koloraturen wie aus dem Opernbilderbuch“ (Neue Württembergische Zeitung), „stimmliche Butterkrem“, wie die Hannoversche Neue Presse süffisant anmerkte.

Ein weitere, konstanter Höhepunkt war außerdem die Präsentation der sechsten Folge des Beethoven-Zyklus' des ungarischen Klaviermeister András Schiff bei ECM New Series. Sie stellte einen vorläufigen Höhepunkt der achtteiligen Gesamteinspielung des Sonatenwerks dar und die wurde schließlich im September mit den letzten Volumes abgeschlossen. Inzwischen vielfach international prämiert führt Schiff damit den Beweis, dass er nicht nur zu internationalen Spitze der Klavierelite gehört, sondern darüber hinaus durch die feinsinnige Kraft seine Spiels selbst einem Monument wie Beethovens Sonatenzyklus neue Dimensionen abgewinnen kann.

Alles neu macht der Mai und im Fall von Gustavo Dudamel scheint das Sprichwort zuzutreffen. Denn der venezolanische Dirigent und sein Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela stellte mit „Fiesta“, flankiert von der DVD-Doku „The Promise Of Music“, viel ungewöhnliches Repertoire aus Südamerika vor  und traf damit den Nerv der Zeit. „Ein echter Kracher! Dampfende Rhythmen, schäumende Bläser, schmachtende Streicher“, jubilierte der Rezensent in Partituren. Der Kollege von Stereoplay schwärte, es sei „ein wunderbarer Einstieg in die bunte Welt der lateinamerikanischen Musik“ und Dudamels Orchester klinge „herrlich vital und zugleich beseelt, elegant und präzise, funkensprühend und transparent“. Er spiele „mit vollem Risiko, wild, ekstatisch, furios“ brachte es schließlich die Besprechung im Hifi-Magazin Audio auf den Punkt.

Oper hieß das Zauberwort in der neuen Folge der Infotainment-Serie „Der kleine Hörsaal, die vor allem junge Hörer an die Geheimnisse der klassischen Musik heranführt. Diesmal lies sich die Theaterfrau und Bayreuth-Spezialistin Katharina Wagner von den neugierigen Kindern im Studio Löcher in den Bauch fragen und kam damit auch bei der Presse gut an. "Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die kluge Gesprächsführung Katharina Wagners oder die hellwachen Einwände und Anmerkungen der Kinder, von denen die Regisseurin spürbar beeindruckt ist“, konnte man in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung lesen. „Beeindruckt sein wird auch so manch erwachsener Hörer, der ebenfalls einen unbeschwerten, vielleicht sogar den entscheidenden Zugang zur klassischen Musik erhält." Diese Meinung konnte sich sogar bei den gestrengen Kollegen der Fachzeitschrift Opernglas durchsetzen, die da urteilten: "So ist diese fünfte Folge des 'Kleinen Hörsaals' ebenso unterhaltsam wie informativ und eignet sich für Erwachsene wie für Kinder, um mehr von 'Hänsel und Gretel', aber auch über das Regieführen zu erfahren - inklusive der Feststellung Katharina Wagners: 'Eine richtige Regie gibt es nicht!'"

Die wirkliche Überraschung des Monats, ja sogar des ganzen Klassiksommers waren aber die Mönche des Stifts Heiligenkreuz im Wienerwald. Denn die musikalischen Zisterzienser hatten im Anschluss an einen Wettbewerb eine CD mit liturgischen Gesängen und dem schlichten Titel „Chant – Music For Paradise“ aufgenommen, die international die Hitparaden hinauf wanderte. Es war ein „überirdischer Klang“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung), den Pater Karl und seine Brüder präsentierten und der offenbar ein Bedürfnis vieler Menschen nach Spirituellem traf. „Die Liturgie als Chill Out“ zu verwenden verwunderte das Hamburger Abendblatt, das sich aber ebenso wie viele Kollegen von denn „betörende[n] gregorianische[n] Litaneien“ faszinieren ließ.

Zurück ins Weltliche, ja ins prall gefüllte Klangerleben führte im Juni der Pianist Wladimir Horovitz.  Am 21. Juni 1987 war der umschwärmte Meister der Goldenen Ära des Klavierspiels im Rahmen seiner Abschiedstournee in der Hamburger Laeiszhalle zu Gast. Der Norddeutsche Rundfunk zeichnete den Abend auf und verwahrte daraufhin die Bände sorgsam in seinem Archiv. Im Juni 2008 nun, im 100. Jahr des Bestehens der Hamburger Konzerthalle, wurden die Aufnahmen wieder hervorgeholt und wurden zu einer kleinen Sensation des Klassiksommers. So konnte man stellvertretend für viele Kollegen die Juni-Ausgabe des Magazins KulturSpiegel  lesen: „Der Altmeister war, anders als etwa vorher in Berlin, gut in Form. Schon das Eingangsstück, Mozarts Rondo K 485, wurde dank subtil gedämpfter Vorschlagnoten und artiger Launenwechsel zum Kabinettstück, ähnlich wie vor der Pause Liszts 'Soirées de Vienne'; dazwischen gelang Mozarts B-Dur-Sonate K 333 inniger als vorher im Studio. Schumanns 'Kinderszenen', einen seiner Paradezyklen, tauchte Horowitz ins milde Licht der Weisheit; mit einer Chopin-Mazurka im schwebenden Piano und der legendär herben As-Dur-Polonaise (trotz kleiner Fehler hier geradezu eine Etüde über die Möglichkeit des Klavierspielens selbst) endete der offizielle Teil. Mit einem 'Moment musical' von Schubert und der hinreißenden Piano-Akrobatik von Moszkowskis 'Feuerfunken' verabschiedete der 83-Jährige dann sein Publikum“.

Neues gab es auch von Juan Diego Flórez zu hören. Der peruanische Startenor versammelte auf „Bel Canto Spectacular“ nicht nur einige der schönsten Arien des Genres von Rossini, Donizetti und Bellini auf einer CD, sondern mit Partnerinnen wie Anna Netrebko, Patrizia Ciofi und Daniela Barcellona und für einen Bonus Track sogar Placido Domingo herausragende Künstler, die an seiner Seite die Opernwelt betörten. Er sei ein „melancholieumdüsterter Märchenprinz wie aus einer anderen Epoche“ räsonierte daraufhin Die Welt, die Stuttgarter Zeitung lobte die „vokalartistische Meisterleistung“ und der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meinte treffend: „Für die Stimme von Florez gibt es die Gesetze der Schwerkraft nicht“. Ein Magier gab sich die Ehre.

(Fortsetzung folgt)


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