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07.12.2016

Joy Denalane, "Gleisdreieck", 2017

Joy Denalane hat den deutschen Soul erfunden und damit den deutschen Pop geprägt. Sie hat mit Freundeskreis und Max Herre gearbeitet und ihre ganz eigene Stimme gefunden. Viele ihrer Songs sind für die Ewigkeit. Mit ihrem ersten neuen Album "Gleisdreieck" seit sechs Jahren macht sie sich auf die Suche nach ihrer Identität und zeichnet dabei fast beiläufig ein Bild ihrer Heimatstadt Berlin im Hier und Jetzt.

Das Gleisdreieck in Berlin ist ein seltsamer Nicht-Ort, morbides Brachland zwischen Ost und West, mitten in der Stadt und gleichzeitig am Rande. Für Joy Denalane ist dieser Ort dennoch voller Bedeutung. Hier ist sie aufgewachsen und hier ist sie geworden, wer sie heute ist: Eine von Deutschlands ausdrucksstärksten, einflussreichsten und mithin besten Sängerinnen der letzten 20 Jahre.

Noch mal kurz zur Erinnerung: 1999 nahm Joy Denalane mit Max Herre das Duett "Mit dir" auf. Der Rest ist Geschichte. 2002 erschien ihr Debüt "Mamani", die erste ernstzunehmende Soul-Platte in deutscher Sprache. Als Teil der FK Allstars half sie mit, deutschsprachigem HipHop und Pop den Weg in jene Selbstverständlichkeit zu ebnen, in der er heute aufgeht. Es folgten zwei weitere Top-10-Alben, "Born & Raised" und "Maureen". Auftritte in den USA, Frankreich, Südafrika, Japan, England.

Ihr neues Album führt sie nun zurück nach Berlin, zurück ans Gleisdreieck, das sich plötzlich auch als Symbol lesen lässt: eine Gabelung ins Ungewisse, in die Vergangenheit und die Zukunft. "Ich habe mich gefragt: Was sind die Gedanken, die mich gerade wirklich umtreiben? Was habe ich zu sagen? Wer bin ich eigentlich?" Auf diesen Fragen gründen die Songs auf "Gleisdreieck". Einige von ihnen berühren persönliche Erfahrungen: Tod, Trennung, Neuanfänge, das Muttersein. Andere kommen eher aus der Perspektive einer Beobachterin. Wieder andere sind Hybride aus Erlebtem und Aufgeschnapptem. Allen gemein aber ist eine lyrische Klarheit, die manchmal mondän und gelassen wirkt, manchmal fragil. Immer ist sie direkt und ehrlich. Es ist keine Kulisse mehr zwischen Joy Maureen Denalane aus Kreuzberg 61 und Deutschlands Soul-Diva No. 1, keine Kapriolen in der Stimme, die notfalls als Auffangnetz herhalten könnten. "Ich habe diesmal bewusst nicht das gesamte Sängerspektrum ausgepackt. Mir waren andere Dinge wichtiger: Ein Wort zu transportieren, eine Geschichte zu erzählen und vor allem ein Gefühl zu vermitteln."

Das emotionale Gerüst des Albums aber bilden die dezidiert autobiografischen Stücke. Gemeinsam mit ihren Songwriter-Kollegen Maxim, Tua, Jasmin Shakeri, Alexander Freund, Ali Zuckowski, David Jürgens, Martin Fliegenschmidt und Max Herre hat Joy Denalane für "Gleisdreieck" einige der prägendsten Erlebnisse ihrer jüngeren Vergangenheit aufgearbeitet. So singt sie unter anderem über den Tod ihrer Mutter, ihre Beziehung zur außerehelichen Tochter ihres Mannes Max Herre, Begegnungen mit dem neuen Alltagsrassismus, oder das Gefühl, den eigenen Sohn aus den Armen zu lassen, obwohl man doch gefühlt selbst gerade noch ein trotziger Teenager war.

"Diese Platte ist auch deswegen so ehrlich, weil sie geprägt ist vom Austausch mit Freunden und Kollegen, die mir ganz unbefangen Fragen über mein Leben gestellt haben, auch unbequeme. Ich bin eigentlich ein Typ, der sein vertrautes Umfeld braucht. Mit Leuten, die ich bis dahin nicht so gut kannte, über Dinge zu reden, die ans Eingemachte gehen, war neu und nicht immer einfach für mich. Wenn du über deine Verletzungen sprichst, findest du sie wieder. Aber im Resultat hat es der Platte gut getan und es hat auch mir gut getan."

Das zeigt sich nicht nur im Inhaltlichen, sondern auch in der Musik selbst. Der klassische Joy-Sound, mit seinen Wurzeln im Gospel, Afrobeat und 70s-Soul, wird auf "Gleisdreieck" ergänzt und stellenweise ersetzt von einem entwaffnend eleganten Future R&B. Die Produktion von KAHEDI (alias Samon Kawamura, Max Herre und Roberto Di Gioia), Tua, Alex Freund und Ben Bazzazian ist unbedingt im Moment und schwebt doch über den Trends, die einem Woche für Woche in den Feed schwappen. Es sind Nuancen: der Hall auf einer Bassline, eine leicht manipulierte Stimme, die Ahnung eines Drops. Doch sie geben den Songs ihre Dringlichkeit, machen aus klassischer Schönheit echte Hits fürs Heute. Immer wieder tauchen auf dem Album auch Rap-Strophen auf, wie flüchtige Begegnungen in einer überfüllten Nacht. Der junge Berliner Chima Ede ist ebenso zu hören wie Deutschlands kommender Trap-King Rin, die talentierte Hamburgerin Eunique, Megaloh, Ahzumjot, Marteria. Sie alle ergänzen Joys Geschichten mit ihren persönlichen Perspektiven und verorten sie noch klarer im Hier und Jetzt.

 


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