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23.08.2006

Der genarrte Tyrann

Juan Diego Flórez, Der genarrte Tyrann

Verschiedene Gerüchte eilten der Oper voraus. Sie sei unspielbar, zu kompliziert, zu lang, überhaupt zu verworren für das geneigte Publikum. Vorher diese Vorurteile kamen, ist nicht wirklich nachzuvollziehen, jedoch sorgten sie dafür, dass "Matilde di Shabran" für rund ein Jahrhundert in der Versenkung verschwand. Sie wurde von der Popularität anderer Opern Gioacchino Rossinis verdrängt und erst in den 1990er Jahren für die Bühne wiederentdeckt. Einen wesentlichen Beitrag zu dieser verspäteten Würdigung leistete Juan Diego Flórez, der als 23jähriger beim Rossini-Festival in Pesaro für den erkrankten Bruce Ford einsprang und einen herausragenden Tyrannen Corradino sang. Ein knappes Jahrzehnt nach diesem Erfolg war er mit dieser Rolle erneut in Pesaro zu Gast. Und diesmal hielten die Mikrofone seine Kunst für die Opernwelt fest.

Nach heutiger Sprachregelung würde man Corradino als einen dämlichen Macho bezeichnen. Denn der spanische Regionalpotentat gefällt sich in herrischer Pose und versucht mit plumpen Mitteln, möglichst gefährlich zu wirken. Dazu gehören die Warntafeln auf seiner Burg, auf denen zu lesen ist "Dem ungebetenen Eindringling wird der Schädel zertrümmert" und "Wer die Ruhe stört, wird verhungern und verdursten", ebenso wie sein impulsives und kurzsichtiges Verhalten, mit dem er mal eben die noch kurz zuvor geliebte Matilde in den Tod schickt (was der schlaue Dichter Isidoro vorsorglich verhindert). In jedem Fall wird er nach Strich und Faden übertölpelt, mal von der Gräfin von Arco, die die eifersüchtige Intrige um die Waise Matilde spinnt, mal von Matilde selbst, die lediglich ein paar weiblichen Reize ausspielen muss und schon schmilzt Corradino dahin wie Butter in der Sonne. Bis es schließlich zum Happy End kommt, bliebt reichlich Platz, um die Register der komischen Oper zu ziehen, und Rossini beschränkt sich dabei nicht nur auf die Charakteristik der Figuren an sich, sondern behandelt auch die Regeln der Bühnenwerke seiner Zeit an sich, die er durch den kapriolenreichen Plot und durch die beachtliche Länge des Stücks von rund drei Stunden unterwandert. Ganz abgesehen von den Details der Entstehung, denn Rossini machte es Spaß, die um ihn konkurrierenden Bühnen in Rom und Neapel zwar nicht gegeneinander auszuspielen, aber doch immerhin im Unklaren zu lassen. So kam es zu einer Uraufführung in einer noch unvollständigen Version am 24. Februar 1821 am Teatro Apollo in Rom und zu einer überarbeiteten Zweitpremiere in Neapel am Teatro del Fondo am 11. November desselben Jahres.

Allerdings musste Rossini selbst sehr eilig arbeiten, da das Melodramma giocoso noch in der Karnevalszeit in Rom gespielt werden sollte, und hatte es außerdem mit einem ungewöhnlichen komplexen Libretto seines Freundes Giacomo Ferretti zu tun. So erklären sich die verschiedenen Versionen der Oper, wobei die überarbeitete neapolitanische Fassung inzwischen als Grundlage der Aufführungen gilt. Nach rund einem Jahrhundert Bühnenpause wurde "Matile di Shabran" im Jahr 1996 für Pesaro wieder ausgegraben und bot dem damals noch blutjungen peruanischen Tenor Juan Diego Flórez die Möglichkeit, mit einer Blitzbesetzung der Rolle des Corradinos seine Kompetenz zu beweisen. Er tat dies mit derartiger Überzeugungskraft, dass diese Aufführungen zum Starschuss für seine internationale Karriere wurden und ihn zugleich als hervorragenden Rossini-Tenor einführten. Als er acht Jahre später gefragt wurde, ob er noch einmal diese Rolle am selben Ort übernehmen wollte, sagte Flórez spontan zu, und so konnte im August 2004 die Neuaufnahme dieser Oper entstehen. Sie dokumentiert nun in einer aufwändig edierten 3CD-Box die faszinierende musikalische Ausstrahlungskraft des juvenilen Opernstars, dessen Charme und Chuzpe die ganzen Aufführungen mitzureißen vermochte. Neben Flórez waren unter anderem Annik Massis in der Titelrolle, Bruno Taddia als Corradinos Widersacher Raimondo und Bruno de Simone als Dichter Isidoro zu hören, es spielte das Orquesta Sinfonica de Galicia unter der Leitung von Riccardo Frizza. Und es entstand eine ungemein lebhafte und betörende Aufnahme eines mittleren Rossini-Klassikers, die es unerklärlich erscheinen lässt, warum diese Oper so lange in Vergessenheit geraten konnte.


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