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20.09.2006

Kayhan Kalhor & Erdal Erzincan - The Wind

Kayhan Kalhor, Kayhan Kalhor & Erdal Erzincan - The Wind

Nach "The Rain", seinem für einen Grammy nominierten Album mit der Gruppe Ghazal, kommt nun "The Wind", eine Dokumentation der ersten musikalischen Begegnung zwischen dem Iraner Kayhan Kalhor und dem Türken Erdal Erzincan. Das Album bietet fesselnde Musik, die von den unermüdlichen Protagonisten in neue Höhen katapultiert wird. Dennoch es ist auch eine Musik, die stark in den Traditionen der folkloristischen und klassischen Musik Persiens und der Türkei verankert ist.

Der iranische Kamancheh-Virtuose Kalhor (Anm.: die Kamancheh ist eine traditionelle persische Geige, die wie ein Cello gespielt wird) nimmt seine transkulturellen Projekte nicht auf die leichte Schulter. Bevor er gemeinsam mit dem Sitar-Spieler Shujaat Husain Khan die persisch-indische Gruppe Ghazal gründete, suchte er fünfzehn Jahre lang den Dialog mit nordindischen Musikern, um wirklich den richtigen Partner für diese Band zu finden.

"Da die Musik, mit der ich aufgewachsen bin und die ich studiert habe, weitgehend auf der Improvisation basiert, mag ich es wirklich, dieses Element mit Musikern verschiedener, aber miteinander verwandter Traditionen zu erforschen, um zu sehen, was wir gemeinsam entdecken können", meint Kalhor. "Ich prüfe das Wasser, indem ich meinen linken Fuß - wenn ich es einmal bildlich so ausdrücken darf - in die Türkei setze und meinen rechten Fuß nach Indien. Ich befinde mich so zwischen den beiden Ländern. Geographisch, physisch, musikalisch. Und ich versuche zu verstehen, wodurch wir uns unterscheiden. Worin unterscheiden sich Shujaat und Erdal? Welcher Unterschied ist größer? Und wo wird eine Zusammenarbeit hinführen?"

Vor seiner Zusammenarbeit mit dem türkischen Baglama-Meister (Anm.: die Baglama ist auch unter dem Namen Saz bekannt) Erdal Erzincan unternahm Kayhan Kalhor, über einige Jahre hinweg verteilt, mehrere Forschungsreisen nach Istanbul, bei denen er Material sammelte und sich nach Stücken umsah, die er mit Erdal spielen könnte. Auf seinen Reisen begleitete ihn der Musikwissenschaftler und Musiker Ulas Özdemir, der auch als Dolmetscher fungierte und schließlich auf diesem Album eine Begleitrolle bei der Zusammenarbeit zwischen Kalhor und Erzincan übernahm. Auf "On Wind" spielt er eine Divan-Baglama (oder auch Baß-Saz), die den beiden Meistermusikern eine Basis für ihre Improvisationen und Soli bietet.

In der Türkei wird Erdal Erzincan von vielen als der herausragende Vertreter der anatolischen Tradition betrachtet. Er hat oft mit dem legendären Baglama-Spieler Arif Sag zusammengearbeitet und trat mit ihm in der ganzen Welt auf. Einige seiner eigenen Platten waren in der Türkei Bestseller. Er ist ein außergewöhnlicher Baglama-Spieler, der sich auf eine Tradition beruft, die bis in die Zeiten der herumreisenden Sufi-Poeten, die mit ihrer Musik einst spirituelle Meditationen begleiteten, zurückverfolgt werden kann.

Kayhan Kalhor: "Zunächst einmal weiß ich es natürlich zu schätzen, daß Erdal ein sehr guter Musiker und wirklich ernsthafter Baglama-Spieler ist - aber er ist normalerweise den Zwängen der heutigen türkischen Musikszene unterworfen. Das heißt, daß die Lieder, die er vorträgt, recht strikten Regeln folgen müssen und er vielleicht pro Lied eine Minute lang die Möglichkeit hat, frei zu spielen. Danach muß er dann auch schon mit dem nächsten Lied beginnen. Wenn man in der Türkei eine CD auf den Markt bringen möchte, muß man vierzehn Lieder aufnehmen und Gesang dabei haben. Ich bat Erdal nicht darum, zu singen. Ich erklärte ihm: 'Ich möchte etwas machen, das im Nichts beginnt und sich dann entwickelt und schließlich zur wirklichen Improvisation übergeht. Vielleicht streben wir einen melodischen und energischen Höhepunkt an und belassen es einfach dabei... mir schwebt vor, so rund eine Stunde Musik zu machen'. Er antwortete mir: 'So etwas habe ich schon gemacht, das gefällt mir.' Und dann bewies er mir, daß er tatsächlich sehr gut dazu in der Lage war, so zu spielen. Viele der Sachen, die er spielte, überraschten mich auf sehr angenehme Weise."

"Bei diesen Projekten - ob mit Shujaat oder nun mit Erdal - versuche ich, die Musik meiner Partner zu erlernen und die Welt durch ihre Augen zu betrachten. Ich versuche nicht, das, was sie tun, zu ändern, ich möchte ihnen vielmehr eine andere Vorstellung von dem, was sie machen, vermitteln. In der Türkei basiert die Musik im wesentlichen auf komponierten Liedern. Improvisationen, wie Erdal und ich sie hier unternehmen, oder die Weiterentwicklung des Ausgangsmaterials - das sind Dinge, die man dort kaum kennt..."

Kayhan Kalhor kam 1963 in Teheran zur Welt. Im Alter von sieben Jahren begann er unter dem Meister Ahmad Mohajer Musik zu studieren. Als Wunderkind auf der Kamancheh erhielt er mit dreizehn Jahren eine Einladung, im iranischen Radio- und Fernsehorchester mitzuspielen. Fünf Jahre trat er mit dem Orchester auf.

Mit siebzehn Jahren wurde er Mitglied des Shayda Ensembles des Chavosh-Kulturzentrums, der damals angesehensten Kulturorganisation des Iran. Neben seinem Engagement bei Shayda setzte er aber unter verschiedenen Meistern auch seine Studien des klassischen iranischen Radif-Repertoires fort. Außerdem assimilierte er bei seinen Reisen durch den Iran regionale Stile und Stücke, etwa die aus Khorasan im Nordosten und jene aus Kurdistan im Westen.

In Rom und an der Carleton University in Ottawa/Kanada studierte Kalhor danach klassische westliche Musik. Er komponierte Werke für einige der bekanntesten iranischen Vokalisten - darunter Mohammad Reza Shajarian und Shahram Nazeri - und trat mit den größten Musikern des Iran auf, etwa mit Faramarz Payvar und Hossein Alizadeh. 1991 war er Mitbegründer des bekannten Ensembles Dastan, das klassische persische Musik spielt, und gemeinsam mit Shujaat Khan formierte er 1997 Ghazal.

Erdal Erzincan wurde 1971 in Erzurum geboren und begann schon in ganz jungen Jahren, sich für die Volksmusik dieser ostanatolischen Region zu interessieren. Er lernte Baglama spielen und zog 1985 nach Istanbul, um an der Arif Sags Musikschule zu studieren. Während seines Studiums an der Technischen Universität von Istanbul in den späten 80er Jahren begann er Zupftechniken auf der Baglama auszuprobieren. Gewöhnlich wird das Instrument mit einem Plektrum gespielt.

Erzincans erstes Soloalbum "Tore" erschien 1994 und war der Auftakt zur Veröffentlichung einer ganzen Reihe erfolgreicher Platten, die ihm den Weg zu internationalen Auftritten ebneten. 1996 trat er an der Seite von Arif Sag mit dem Kölner Philharmonikern auf, 2004 mit dem Ambassade Orchester Wien, einem Ensemble der Wiener Symphoniker. Erdal Erzincal unterrichtet heute außerdem an einer Musikschule, die seinen Namen trägt, und leitet ein Baglama-Orchester, das aus 25 seiner Studenten besteht.


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