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13.07.2012

“Belonging”-Quartett auf dem Zenit seiner Kreativität - Keith Jarrett & Jan Garbarek

33 Jahre lang schlummerten diese Live-Aufnahmen von Keith Jarretts bahnbrechendem “Belonging”-Quartett in den Tonarchiven. Nun erscheinen sie endlich auf der Doppel-CD “Sleeper”. Und besser hat man dieses inspirierte Ensemble noch nie zuvor gehört!

Keith Jarrett, Auf dem Zenit seiner Kreativität © Terje Mosnes/ECM

In den 1970er Jahren stieg Keith Jarrett endgültig zu einem der ganz großen Stars der globalen Jazzszene auf. Das verdankte er zum einen natürlich seinen atemberaubenden, improvisierten Solokonzerten, die er bei dem jungen Münchner ECM-Label auf Platte herausbrachte, aber auch der Zusammenarbeit mit zwei auf den ersten Blick gar nicht so verschiedenen Ensembles. Das eine war sein amerikanischem Quartett mit Dewey Redman, Charlie Haden und Paul Motian, das andere das europäische Gegenstück mit Jan Garbarek, Palle Danielsson und Jon Christensen. Von letzterem kamen nur vier Alben heraus, die natürlich auch Jarretts norwegische Partner - allen voran Jan Garbarek - ins internationale Scheinwerferlicht katapultierten. Jetzt bringt ECM auf der Doppel-CD “Sleeper” Live-Aufnahmen heraus, die 33 Jahre lang in den Tonarchiven geschlummert hatten.

Freies und ausgelassenes Spiel innerhalb der melodischen und rhythmischen Strukturen

Durch “Sleeper” wird die schmale Diskographie des Quartetts, die bisher aus den Alben “Belonging” (1974), “My Song” (1977), “Nude Ants” (1979) und “Personal Mountains” (aufgenommen 1979, veröffentlicht aber erst 1989) bestand, bedeutend erweitert. Die Nummern, die das Quartett am 16. April 1979 im Nakano Sun Plaza in Tokio spielte, waren bis auf eine Ausnahme Kompositionen, die Jarrett eigens für diese Besetzung geschrieben hatte: “Personal Mountains”, “Innocence”, “Oasis”, “Chant Of The Soil”, “Prism” und ”New Dance”. “So Tender” hatte der Pianist schon 1972 zu Airto Moreiras Album “Free” beigesteuert. “Prism” und “So Tender” nahm Jarrett später auch noch einmal mit seinem “Standards”-Trio auf. Hier werden sie alle nun mit enormer Verve interpretiert. Das Quartett war dafür bekannt gewesen, dass es verstand, innerhalb der melodischen und rhythmischen Strukturen, die Jarretts Kompositionen vorgaben, sehr frei und ausgelassen zu spielen, mit einem außerordentlichen und ungezwungenen Sinn für musikalischen Fluss. “Ich selbst, als so genannter Leader, wünsche mir sehr, sehr oft mit den anderen drei Musikern zu verschmelzen und die Konstellation [der ‘Belonging’-Band] erlaubt mir das, weil hier niemand gegen den anderen ankämpft. Jeder versucht einfach nur, die ganze Sache transparent und klar zu machen und sich wohl zu fühlen.”

Jan Garbarek über seine Zusammenarbeit mit Keith Jarrett: “Ich habe davon unglaublich profitiert.”

Auf “Sleeper” findet man jede Menge außergewöhnlicher improvisatorischer Austausche, dynamische Episoden von aufbrandender Energie und lyrische Passagen von wilder Schönheit. Das Zusammenspiel zwischen Jarrett und Garbarek ist geradezu unheimlich, und das Danielsson/Christensen-Rhythmusgespann swingt kühn und wunderbar. In den Linernotes zu seiner “Selected Recordings”-Kollektion schrieb Jan Garbarek vor ein paar Jahren: “Es war eine äußerst wichtige Zeit für mich, da ich als junger und relativ unerfahrener Musiker so eng mit jemandem zusammenarbeiten konnte, der musikalisch so fortgeschritten war wie Keith. Ich habe davon unglaublich profitiert. Sein Anschlag, seine Akkordprogressionen, der stets präsente Rhythmus, die überraschenden melodischen Wendungen, die Fähigkeit, sein Klavier in solch einer einzigartigen Weise singen zu lassen... Komplexität und Einfachheit sowie Abstraktion und Natürlichkeit gingen bei ihm Hand in Hand...Ich musste damals aufpassen, dass ich nicht in Ehrfurcht vor ihm erstarrte. Manchmal wollte ich mich gar nicht in die Dinge einmischen, die Keith, Palle und Jon spielten. Mir machte es einfach unglaublich viel Freude, ihnen zuzuhören! Doch da gibt es eine Sache, die sich ganz besonders in mein Gedächtnis eingegraben hat: das war die Art, wie wir Melodien unisono spielten. Tatsächlich fühlte ich mich vollkommen in Einklang mit der Art, wie Keith generell Musik machte... es war, als ob ich dazugehörte...”

Die Entstehungsgeschichte des “Belonging”-Quartetts

Das “Belonging”-Quartett wurde eigentlich nur für das gleichnamige Album zusammengestellt. Aber die musikalische Kompatibilität zwischen den einzelnen Musikern war auf Anhieb so beeindruckend, dass man beschloss, das Projekt danach fortzusetzen. Jarrett kannte die Musiker bereits seit den späten 1960er Jahren und hatte mit Palle Danielsson und Jon Christensen schon in Norwegen gespielt. Seine Bewunderung für Jan Garbareks Saxophonspiel brachte den Pianisten auch dazu, die Musik für das Album “Luminiscence” zu schreiben, auf dem Garbarek als Solist mit dem Südfunk-Sinfonieorchester zu hören ist. Aufgenommen wurde dieses Album nur wenige Tage nach der Einspielung von “Belonging”.

Weniger ein festes Ensemble als vielmehr ein “besonderes Event”

In den fünf Jahren zwischen dem ersten Album und dem Schlussakkord der Band spielte das “Belonging”-Quartett relativ selten live. Deshalb äußerte Jarrett seinerzeit gegenüber einem Journalisten auch einmal, dass es weniger ein festes Ensemble war als vielmehr ein “besonderes Event”. Der Pianist hatte damals andere Projekte, die sie seine Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Dazu gehörten Tourneen mit seinem amerikanischen Quartett, das sich in der Endphase befand, und das florierende Konzertleben als populärer Soloimprovisierer. Das “Belonging”-Quartett packte er irgendwie dazwischen. Jarrett schrieb Musik, die auf die Stärken der einzelnen Instrumentalisten und den Sound, den sie als Einheit kreierten, zugeschnitten war. Das brillante Album “My Song” entstand 1977 nach einer Serie von neun Konzerten im Rahmen des Festivals “Evenings Of Improvised Music”, auf dem ECM ein paar seiner Künstler in verschiedenen Städten präsentierte.

Auflösung des Quartetts, als es den Zenit seiner Kreativität erreicht hatte

Im April 1979 unternahm das Quartett eine Japan-Tournee, in deren Rahmen das Live-Album “Personal Mountains” und die Aufnahmen von “Sleeper” entstanden. Im darauf folgenden Monat gastierte das Ensemble im New Yorker Village Vanguard, wo das Live-Album “Nude Ants” aufgezeichnet wurde. Danach war die Geschichte des Quartetts abgeschlossen. In seiner Keith-Jarrett-Biographie “Keith Jarrett: The Man And His Music” schrieb Ian Carr 1991: “Der Einfluss dieses Quartetts steht seiner Kurzlebigkeit diametral gegenüber. Musiker aller Instrumentengattungen wurden von Keith Jarretts Arbeiten im Allgemeinen beeinflusst und inspiriert, aber auch ganz besonders von diesem Quartett. Das europäische Quartett löste sich auf, als es den Zenit seiner Kreativität erreicht hatte.” Und das Album “Sleeper” ist der beste Beweis dafür, dass dies wirklich der Fall war.


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