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26.06.2013

Die große Serie zum Jubiläum: Folge Nr. 15 - 'My Foolish Heart'

In dieser Folge präsentieren wir Ihnen das Album 'My Foolish Heart', erschienen im Jahr 2007. Die Serie begleitet die Veröffentlichung des neuen Albums 'Somewhere'.

Keith Jarrett, Die große Serie zum Jubiläum: Folge Nr. 15 - 'My Foolish Heart' © ECM Records

Vor genau 30 Jahren, im Jahr 1983, hat das Keith Jarrett Trio sein erstes Album für das Label ECM veröffentlicht. Unvergesslich ist die Vielzahl an Veröffentlichungen, die weltweit Millionen von Musikfans begeistert haben. Grund genug für uns, eine kleine Retrospektive auf die Alben des Trio zu schreiben. Neben dem, was uns mit dem Trio verbindet interessiert uns aber besonders Ihre Meinung. Deshalb haben wir eine Leseraktion gestartet bei der Sie auch etwas gewinnen können. Einfach unten auf den Link klicken.

“Dies ist ein Konzertmitschnitt, den ich zurückhielt, bis ich den richtigen Augenblick für gekommen hielt”, schrieb Keith Jarrett in den Linernotes zur Doppel-CD “My Foolish Heart”. “Er zeigt das Trio von seiner launigsten, swingendsten, melodischsten und dynamischsten Seite. (...) Wenn es im Jazz um Swing, Energie und die persönliche Ekstase der Musiker und Hörer geht, dann fällt mir kein anderes Einzelkonzert des Trios ein, das diese Qualitäten so vollständig und umfassend zum Ausdruck gebracht hätte.”

“My Foolish Heart” dokumentiert einen Auftritt, den Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack DeJohnette im Juli 2001 beim Montreux Jazz Festival im Strawinsky-Auditorium gaben. Selbst für den Maßstab dieses Trios war es eine außergewöhnlich enzyklopädische Darbietung, bei der die Hörer in mitreißender Manier durch die Geschichte des Jazz geführt wurden. Ihrem Namen als Standards-Trio gerecht werdend interpretierten die drei Ausnahmemusiker bekannte Jazzstandards wie “What’s New?”, “The Song Is You”, “Guess I’ll Hang My Tears Out To Dry”, “On Green Dolphin Street”, “Only The Lonely” und den Titelsong. Auf dem Programm standen aber auch einige Stücke von modernen Meistern: “Four” von Miles Davis, “Straight, No Chaser” von Thelonious Monk, “Oleo” von Sonny Rollins und “Five Brothers” von Gerry Mulligan. Verblüffend sind wie immer die stets neuen Ansätze, die Jarrett und seine beiden Kompagnons finden, um den altbekannten und zeitlosen Schmuckstücken des Jazz frischen Glanz zu verleihen.

Ein absoluter Höhepunkt des Konzerts war der Programmteil, der aus drei Stücken im Stride- und Ragtime-Stil bestand, die das Trio mit so viel Verve spielte, dass man den Eindruck gewinnen konnte, der Geist von Fats Waller habe mit auf der Bühne gestanden. Von dem nämlich stammten zwei der drei Nummern dieses fulminanten Zwischenspiels: die beiden unvergesslichen Ohrwürmer “Ain’t Misbehavin’” und “Honeysuckle Rose”. Der dritte Song, “You Took Advantage Of Me”, wurde von Richard Rodgers und Lorenz Hart 1928 für das Musical “Present Arms” komponiert. Nachdem es sich mehr als zwanzig Minuten in der Ragtime-Zone getummelt hat, kehrt das Trio mit Monks “Straight, No Chaser” in modernere Jazzregionen zurück. Aber auch dieses Stück ist natürlich ein Paradebeispiel für die im Jazz so typische Balance zwischen Freude, Kreativität und eigenwilligem Humor.

In den ersten Jahren seiner Solokarriere, noch bevor er den Weg zu ECM fand, versetzte Keith Jarrett seine freieren Stücke und Kompositionen schon manchmal mit Ragtime-Elementen (sein 1968 erschienenes Atlantic-Album “Somewhere Before” enthält beispielsweise solche Momente), und einem Interviewer erzählte der Pianist einst, dass Scott Joplin für ihn erste Wahl wäre, wenn er Musik für die berühmte einsame Insel zusammenstellen müsste. Aber der klassische frühe Jazz und die Harlem-Stride-Tradition sind musikalische Aspekte, die Jarrett mit dem mehr am Bebop orientierten Standards-Trio noch nie zuvor auf einem Album angeschnitten hatte. Als Meister des improvisierten Spiels besitzen Bassist Gary Peacock und Schlagzeuger Jack DeJohnette freilich die Gabe, Jarrett in jede musikalische Richtung zu folgen. Kraftvoll swingen sie mit dem Pianisten durch “Ain’t Misbehavin’”. Peacock lässt sich auf dem für ihn ungewohnten Terrain sogar zu einem stoischen Basssolo hinreißen. Und in den letzten Takten dieses Ragtime-Interludiums verändern Jarrett und DeJohnette, sehr zur hörbaren Freude des Publikums, in ständigem Wechsel die rhythmische Grundstruktur.

“Dass wir diese Ragtime-Stücke nicht einfach nachgeahmt haben, ist ein perfekter Beweis dafür, wie ernsthaft wir uns dem Jazz verpflichtet fühlen”, meint Jarrett zufrieden. “Als wir sie spielten, waren sie für uns so real und lebendig wie alles andere, was wir vorher und nachher spielten. Dieses Konzert zeigte wirklich beinahe die ganze Bandbreite von dem, was wir mit dem ‘Standards’-Trio seit annähernd 25 Jahren machen. Und jetzt war einfach die Zeit gekommen, dies auf einem Album zu demonstrieren.”


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