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03.05.2006

Keith Jarrett - Tokyo Solo

Keith Jarrett, Keith Jarrett - Tokyo Solo

Die DVD "Tokyo Solo" setzt dort wieder an, wo die CD "Radiance" endete. Die letzten vier Stücke von Keith Jarretts 2005 erschienenem Bestseller "Radiance" präsentierten schon Musik aus dem 150. Konzert des Pianisten in Japan, einer Solo-Performance in Tokios Metropolitan Festival Hall.

Die DVD, die unter der Regie von Kanama Kawachi entstand und von Video Arts Japan lizensiert wurde, enthält nun das komplette Solokonzert und neben den vier bereits erwähnten Titeln noch über eine Stunde bis dato unveröffentlichter Jarrett-Improvisationen. Es ist der erste Film eines Jarrett-Konzerts, der von ECM herausgegeben wird (zwei in den 80er Jahren aufgezeichnete Videos von Soloaufführungen Jarretts erschienen bei anderen Firmen).

Jarrett besucht Japan nun schon seit 1974 regelmäßig. Das erste Mal war er dort mit seinem "amerikanischen Quartett" (mit Dewey Redman, Charlie Haden und Paul Motian), gab aber noch im selben Jahr auch sein erstes Solokonzert in Tokio, das ihn in Japan auf Anhieb zum Star werden ließ. 1976 wurde gleich eine komplette Japan-Tournee mitgeschnitten und in der zehn LPs umfassenden Box "The Sunbear Concerts" auf den Markt gebracht (im Jahr 2000 wurden die Gesamtaufnahmen in einer Box mit sechs CDs wiederveröffentlicht). Mit seinem "europäischen Quartett" (mit Jan Garbarek, Palle Danielsson und Jon Christensen) nahm Jarrett dann 1979 in Tokio das Live-Album "Personal Mountains" auf. Als Jarrett 1981 im Budokan-Stadion spielte, wohnten dem Solokonzert sage und schreibe 24.000 japanische Fans live bei. In den 80er und 90er Jahren trat Jarrett in unterschiedlichsten Kontexten immer wieder in Japan auf: Mal als improvisierender Solist oder mit dem ebenfalls ungemein populären Standards-Trio (mit Gary Peacock und Jack DeJohnette), dann wieder als Interpret klassischer Werke oder zeitgenössischer Kompositionen. Auch Alben wurden dort immer wieder aufgezeichnet: z.B. Jarretts auf dem Cembalo eingespielte Interpretationen von Johann Sebastian Bachs "Goldberg-Variationen" (1989 aufgenommen in Nagano), das Standards-Trio-Album "Tokyo '96" oder "Always Let Me Go" (2001), auf dem sich das Standards-Trio von seiner frei improvisierenden Seite zeigte.

Es steht außer Frage, daß die äußerst konzentrierte Aufmerksamkeit des extrem loyalen japanischen Publikums Keith Jarrett stets zu herausragenden Darbietungen inspiriert hat. Bei seiner Tournee im Jahr 2002 wandte sich Jarrett in einem Programmheft mit folgenden Worten an die Konzertbesucher: "Das japanische Publikum hat meine Musik immer mit offenem Geist und Herzen willkommen geheißen. Ich fühle mich geehrt, daß mein Werk mit so viel Respekt behandelt wird. Ich habe in keinem anderen Land, das von der Größe her mit Japan vergleichbar wäre, 150 Konzerte gegeben. Mir kommt es immer so vor, als wäre dies hier für mich ein großer, offener Musik-Workshop. Danke für's Zuhören."

Ähnlich wie die Musik von "Radiance" baut auch die Musik von "Tokyo Solo" auf diskreten "Episoden" oder "Kapiteln" auf, die zwar von einander unabhängig sind und für sich allein stehen können, sich aber auch zu einem größeren musikalischen Bild zusammenfügen. Die Stimmung der Musik ändert sich dabei mehrfach. Jarretts improvisatorische Instinkte verleiten ihn immer wieder dazu, neue Formen zu kreieren und Kompositionen wirklich aus dem Stegreif heraus zu erschaffen.

 

Das Konzert beschloß Jarrett mit drei Standards: dem irischen Traditional "Danny Boy", Jerome Kerns "Old Man River" und "Don't Worry 'Bout Me" von Rube Bloom und Ted Koehler (ein Stück, das vor allem mit Art Tatum und Count Basie - zwei sehr verschiedenen Jazzgrößen - assoziiert wird).

Zwischen Himmel und Erde bewegt sich Jarrett ständig", schrieb Guido Fischer in der Jazzthetik. "Nicht nur musikalisch, sondern auch körperlich. Wenn es ihn plötzlich nicht mehr auf dem Klavierstuhl hält, weil er wieder auf eine Goldader in Form einer neo-barocken Aria gestoßen ist. So strategisch anonym die einzelnen Passagen bezeichnet sind, mit denen Jarrett seinen Solo-Klavierabend bestritt, so steht jede für einen Schöpfungsakt von Musik, die sich in den Zwischenwelten von Jazz und Klassik bewegt. Als Jarrett 2002 zu mehreren Klavierabenden in Japan auftrat, fand er somit wieder zurück in jenes musikalische Leben, aus dem er von einer langen Krankheit geworfen worden war. Doch den Instinkt für die Sogkräfte, für die sich auftürmenden Modulationsberge und die Ruhepausen, in denen ganz einfache Standards ausgekostet werden, hatte er bis dahin nie verloren. Im Gegenteil, wie der DVD-Mitschnitt dokumentiert.

Aufnahme am 27. Oktober 2002 (DVD Veröffentlichung Mai 2006) - Weitere Veröffentlichungen der Soloprojekte von Keith Jarrett finden Sie hier


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