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21.07.2011

Biografie 2011

Als KIZ im Jahr 2005 ihr Debütalbum „DasRapDeutschlandKettensägenmassaker“ veröffentlichten, war die Rap-Welt geschockt: „Darf man wirklich wieder lachen, im Deutschen Hip Hop?“, war die erstaunte Frage und erst vorsichtig, dann immer lauter und befreiter erlag die ansonsten düstere und harte Deutsche Szene der Humoroffensive der vier Berliner. KIZ wurden gefeiert als neue Heilsbringer und Erneuerer einer Jugendkultur, die sich durch Messerstiche und Kokainmissbrauch aufs Abstellgleis eines gestörten jungen Mannes am Rande der Tanzfläche manövriert hatte.

„Iiieeehh, da steht Deutscher Hip Hop. Das ist der, der immer nur mit dem Kopf nickt und böse durch den Club schielt. Schnell weg.“ Plötzlich durfte gegrölt, gesungen und gesprungen werden. KIZ erlösten diesen Jungen aus seiner Starre und brachten den Punk zurück. Ausverkaufte Konzerthallen waren die logische Konsequenz und mit „Hahnenkampf“ kam dann 2007 auch das stark erwartete Major-Debüt der Band, mit dem man die Top Ten knacken konnte. Platz 9 hieß es zuletzt und der Mob lügt nicht.

Die Konzertarenen wurden größer und größer. KIZ spielten eine komplette Tour nur für diejenigen, die ansonsten immer draußen bleiben müssen, abseits der großen Städte in Dorfdiskos und Städten unter 100.000 Einwohnern und auch diese Maßnahme war von Erfolg gekrönt. „Sexismus gegen Rechts“ das nächste Album der Band errang dann Platz 7 in den deutschen Albumcharts und wäre unter Umständen sogar noch höher eingestiegen, hätte da nicht der King Of Pop beschlossen abzuleben und schnell noch drei Best Of Alben vor den Kannibalen In Zivil zu positionieren - kleine Anekdote am Rande.

KIZ gründeten eine Sekte mit jeder Menge Jüngerinnen und Jüngern, und alle tragen dieselben Jacken und sind damit beschäftigt den abstrusen Humor der Band und ihre Lieder zu feiern. Denn mittlerweile haben KIZ den Status von unantastbaren Popstars erreicht und lassen sich in goldenen Sänften von ihren arbeitslosen Freunden durch die Hauptstadt tragen – angemeldet beim Arbeitsamt als 1-Euro-Job.

Denn eins darf man nicht vergessen, bei all dem Klamauk und der aufgesetzten Witzigkeit: KIZ sind keine Clowns. KIZ sind Propheten und alles, was sie sagen ist wahr. Das Lachen dürfte den meisten in der Zwischenzeit im Hals stecken geblieben sein, denn was sich bei Nico, Tarek, Maxim und DJ Craft so locker flockig, flauschig weich und sympathisch anhört, ist bitterer ernst. Das ist auf dem neuen Album „Urlaub fürs Gehirn“ nicht anders.

So beschreibt „Lach mich tot“ die Einsamkeit des modernen Stadtnomaden, der zwar den Arm voller Stempel für alle möglichen angesagten Szeneschuppen hat, aber eine Leere im Herzen verspürt, dass man sich letztendlich nur noch von der Dachterrasse des Weekend stürzen möchte.

Mit „Doitschland schafft sich ab“ liefern sie genug Material für eine neues Thilo Sarrazin Buch, das mit Erkenntnissen aufwartet, über die sich tatsächlich einmal lohnt nachzudenken. Warum sind 90% der Knastinsassen männlich? Warum dürfen Frauen in der Küche stehen, während die Männer nach Afghanistan zum Kämpfen müssen? Das sind die Fragen mit denen man sich mal wirklich einmal beschäftigen sollte. KIZ tun es und haben den Mut, Themen anzusprechen, die nicht einmal Horst Seehofer anpacken will.

„Fleisch“ beschreibt die verzweifelte Nahrungsbeschaffungsmaßnahme eines Mannes, der seinen unterbezahlten Job in einer Schnellrestaurantkette verliert und seinem kleinen Jungen trotzdem eine gesunde und nahrhafte Mahlzeit auf den Tisch bringen möchte. Was tun, wenn der Kühlschrank leer ist und die Taschen ebenfalls? Tarek schlägt in seinem Song etwas ungewöhnliche Lösungsansätze vor und manch einer aus dem verweichlichten Bürgertum wendet sich mit Grausen ab, doch das ist die Realität und witzig ist das nicht.

Mit „Abteilungsleiter der Liebe“ greifen Maxim, Nico und Tarek wiederum ein Grundproblem der herrschenden Klasse auf. Wohin mit all der Zuneigung und den Gefühlen, wohin mit all der Fürsorglichkeit und Herzenswärme, die man seinen Untergebenen entgegenbringt und sie dann doch letztendlich gehen lassen muss? Andere nennen es „Rausschmiss“ oder „Feuern“, im Endeffekt aber ist es doch so, als würde man sich selbst ein Bein abschneiden. Die Schmerzen sind unerträglich, aber keiner will es sehen. Bedauert werden letztendlich nur diejenigen, die in die Freiheit entlassen werden. KIZ lenken unseren Blick auf diejenigen, die zurückbleiben in den Chefetagen. Einsam, allein, verhöhnt vom einfachen Volk, das nichts versteht und begreift und sie tun gut daran, auch einmal die andere Seite zu zeigen.

Wenn KIZ zusammen mit jeder Menge Freunde das Hohelied des Kiffens anstimmen, dann mag das in Bayern zwar immer noch anstößig sein, doch setzt die Band auch hier ein Zeichen. In Zeiten, in denen es zum guten Ton gehört – gerade auch in den sogenannten besseren Kreisen – Kokain zu konsumieren, dicht gefolgt von Ketamin, und Gerüchten zufolge soll ja auch Heroin wieder auf dem Vormarsch sein, ist es durchaus mutig, sich hinzustellen und zu sagen: „Kiffen ist super.“ In Zeiten, in denen es nur darum geht immer besser, immer schneller und immer erreichbarer zu sein, sprechen sich KIZ für die Langsamkeit aus Tüten aus und verweigern sich so, einmal mehr, dem Mainstream.

Insofern ist „Urlaub fürs Gehirn“ der kluge Kommentar zu einer völlig verrückten Welt und KIZ gelingt es auf diesem Album, diese Welt in einem Zirkus zu bündeln, in einer einzigartigen Revue einzufangen und als vollkommen durchgedrehte Roadshow wieder aufs Publikum loszulassen.

Ein ums andere mal möchte man lachen, obwohl man nicht genau weiß, ob man das überhaupt darf, so böse ist der Humor. Schließlich lacht man doch, aber der Schmerz im Herz bleibt – das ist KIZ im Jahr 2011. Das ist „Urlaub Fürs Gehirn“! – Unterhaltung geht anders.


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