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Klaus Kinski, Klaus Kinski BACKSTAGE EXCLUSIV

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06.02.2004

Kinski spricht

Klaus Kinski, Kinski spricht

Bevor Klaus Kinski zum größten deutschen Charakterdarsteller seiner Zeit aufstieg, war er als Deklamator ein Straßenfeger. Jetzt erscheinen seine Sprachaufnahmen auf CD.

Machen wir uns nichts vor: "Die toten Augen von London", "Die seltsame Gräfin", "Das Gasthaus an der Themse" - die "Edgar Wallace"-Filme waren keine Kunstwerke. Eddi Arent und Joachim Fuchsberger stoplerten durch immer gleiche Kulissen, und wahlweise als Bösewicht oder russischer Undercoveragent mit dabei: Klaus Kinski. Aus heutiger Sicht wirkt der große Mime, der letzte hierzulande, der diesen Titel wirklich verdient, seltsam deplatziert zwischen Arent und Lowitz, Fuchsberger und Pfitzmann, jenen Meistern der leichten Muse: So als würde Vladimir Horowitz mit den No Angels auftreten. Aber 1961, als "Die toten Augen von London" anlief, war Kinski schon ein Superstar. Seine Schauspielkarriere sollte erst beginnen, aber als Deklamator genoss er uneingeschränkte Popularität. Zwischen 1957 und 1962 nahm der 1926 geborene Kinski 30 Sprechplatten auf. 1961 widmete ihm "Der Spiegel" sogar eine Titelgeschichte , über eine Million Menschen hatten zu diesem Zeitpunkt Kinskis Platten, Radioaufnahmen und vor allem Lesungen im gesamten deutschsprachigen Raum gehört. Er spreche, so sagte Kinski damals, für sie Straße, und so waren es vor allem die Boulevardblätter, die ihn in den Himmel hoben.

 

Die "Hamburger Morgenpost" etwa schrieb: "Kinski spricht, wie die Callas singt." So resümierte "Der Spiegel: "Die Ovationen für Kinski pflegen 15 bis 45 Minuten anzuhalten. Der Applaus der Presse dauert nun schon bald ein Jahrzehnt." Allein in den Jahren von 1959 bis 1961 trat Kinski 200-mal in Wien auf, 65-mal in West-Berlin, 24-mal in Hamburg und über 100-mal in West- und Süddeutschland. Eine beispiellose Karriere, die sich radikal von den üblichen "Buchladen- und Volksbücherei-Dichterlesungen" zweitklassiger Schauspieler unterschied: Nachdem der gebürtige Pole zweieinhalb Stunden lang mit Schaum vor dem Mund "wie ein wilder Urfaun" ("Der Tagesspiegel") Verse deklamiert und das Publikum diffamiert hatte, verschwand er schnell hinter der Bühne und wickelte sich in einen Teppich, "um den Beifall nicht hören zu müssen". ("Kurier", Wien)

 

Jetzt endlich sind Kinskis Schallplatten und etliche Liveaufnahmen, darunter auch bisher unveröffentlichte, auf CD erschienen. Die Verzögerung hatte auch rechtliche Gründe. Denn wenn ein Text ihm nicht gefiel, weil "die Sprache nicht mehr stimmt", dann wurde der Deklamator zum Terminator, kürzte und schrieb um. Schiller musste diese Behandlung noch klaglos hinnehmen, und auch Brecht erlebte die Kinski-Behandlung nicht mehr, wohl aber Helene Weigel, Brechts Witwe. Und die ließ die Verbreitung der verstümmelten Texte verbieten, vielleicht auch provoziert durch einen Kommentar Kinskis: "Ich verändere die Texte, wenn es mir nötig erscheint. Ich verändere Schiller und Goethe, warum nicht auch Tucholsky und Brecht, wenn ihre Sprache nicht mehr stimmt. Wenn einer von den Leuten noch leben und es mir verbieten würde, dann würde ich sagen: Hau ab mit deinem Text, er ist in dieser Form schlecht, ich spreche was anderes."

 

19 CDs erscheinen jetzt in 16 Einzelausgaben. Zusammen mit einer Bonus-CD (mit den beiden Hörspielen "Sechs Gramm Caratillo" und Die Nacht allein") sowie einem 48-seitigen Booklet sind sie auch als 20-CD-Box erhältlich sind. Die Sammlung umfasst das gesamte Spektrum Kinskischer Erzählkunst, von Brecht und Dostojewskij über Oscar Wilde und Jack London bis zu seinem Lieblingsdichter François Villon, dessen Textzeile vom Erdbeermund seitdem untrennbar mit Kinski verbunden ist. Jahrelang haben Kinskis Sohn Nikolai und Peter Geyer, Chef der Klaus Kinski Productions, mit Rechteinhabern verhandelt und längst verschollen geglaubten Aufnahmen nachgespürt. Rechtzeitig zu Kinskis 77. Geburtstag erscheinen nun also erstmals "Kinski singt und spricht Brecht", eine Liveaufnahme aus dem Jahre 1959 sowie Evelyn Waughs Hörspiel "Wiedersehen mit Brideshead". "Kinski spricht Werke der Weltliteratur" heißt die 20-CD-Box, und der Titel ist irreführend, denn Kinski spricht nicht. Er beißt, zerreißt die Laute, bellt und brüllt, flüstert und faselt. "In Kinski spürt man Gewalten, wie wir sie aus dem Mythos, aus der Bibel, aus der frühen Antike kennen", schrieb der Wiener "Bildtelegraph" über einen seiner Auftritte. Die (Wieder-) Veröffentlichung des Sprechplatten Kinskis als Hörbücher ist aber nicht nur ein Denkmal für einen der größten Künstler des deutschen Sprachraums. Sie ist auch - und das ist vielleicht noch wichtiger - ein weiterer Beweis dafür, dass populär nicht unbedingt trivial bedeutet.

 

Unter allen Einsendern, die eine E-Mail mit dem Stichwort "Kinski-Poster" an gewinnspiel@klassikakzente.de senden, verlosen wir 2 x 2 Klaus Kinski Poster. Die Motive finden Sie im DG-Literaturshop unter shop.dg-literatur.de.

Weitere Infos zu Klaus Kinski unter www.kinski.de.

Veröffentlichungen:

Klaus Kinski
Kinski spricht Goethe und Villon
Deutsche Grammophon Literatur
CD 9800386 (2)
ISBN 3-8291-1368-4
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

 

Klaus Kinski
Kinski spricht Strindberg und Baudelaire
Deutsche Grammophon Literatur
CD 9800388 (6)
ISBN 3-8291-1370-6
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

Klaus Kinski
Kinski spricht Schiller
Deutsche Grammophon Literatur
CD 9800390 (9)
ISBN 3-8291-1371-4
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

 

Klaus Kinski
Kinski singt und spricht Brecht
Deutsche Grammophon Literatur
CD 9800391 (6)
ISBN 3-8291-1372-2
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003
Bisher unveröffentlicht!

 

Klaus Kinski
Kinski spricht Hauptmann und Nietzsche
Deutsche Grammophon Literatur
CD 9800392 (3)
ISBN 3-8291-1373-0
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

 

Klaus Kinski Büchner und Majakowskij
Deutsche Grammophon Literatur
CD 9800393 (0)
ISBN 3-8291-1374-9
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

 

Klaus Kinski
Kinski spricht Dostojewskij
Deutsche Grammophon Literatur
1 CD 9800394 (7)
ISBN 3-8291-1375-7
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

 

Klaus Kinski
Kinski spricht Oscar Wilde I
Deutsche Grammophon Literatur
CD 9800396 (1)
ISBN 3-8291-1376-5
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

 

Klaus Kinski
Kinski spricht Jack London und Stéphane Mallarmé
Deutsche Grammophon Literatur
CD 9800398 (5)
ISBN 3-8291-1378-1
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

 

Klaus Kinski
Kinski und Ensemble: "Shakespeare I: Hamlet"
Deutsche Grammophon Literatur
2 CDs 9800402 (9)
ISBN 3-8291-1380-3
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

 

Klaus Kinski
Kinski und Ensemble: "Shakespeare II: Romeo und Julia"
Deutsche Grammophon Literatur
2 CDs 9800405 (0)
ISBN 3-8291-1381-1
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003

 

Klaus Kinski
Kinski und Ensemble: "Wiedersehen mit Brideshead"
Deutsche Grammophon Literatur
2 CDs 9800408 (1)
ISBN 3-8291-1382-X
Gesprochen von Klaus Kinski
Veröffentlichung: 29.09.2003
Bisher unveröffentlicht!

 

Außerdem ab dem 29.09.2003 erhältlich:
Kinski spricht Villon, CD 9800385 (5) • Kinski spricht Rimbaud, CD 9800387 (9) •
Kinski spricht Oscar Wilde II, CD 9800397 (8) • Kinski spricht aus der Amerikaballade und der Dichtung afrikanischer Völker, 9800399 (2)


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