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28.10.2014

Mauerfall und das legendäre Konzert für Berlin '89

Zum historischen Jahrestag der Maueröffnung veröffentlicht "Panorama" zum ersten Mal die Aufnahmen der legendären Veranstaltung "Konzert für Berlin".

Konzert für Berlin '89, Mauerfall und das legendäre Konzert für Berlin '89. Hier gibt's die Infos! © Max Kohr

9. November 1989. Was als trüber Herbsttag in Berlin begann, kulminierte im kollektiven Glücksgefühl. Gegen 19 Uhr wurde im damaligen Ostberlin verkündet, dass die Ausreise über alle DDR-Grenzübergänge ab sofort möglich sei. Plötzlich – nach 28 Jahren.

Die Berliner Mauer, Insignie der bizarren Trennung einer Stadt, bekam Risse. Als die ersten Grenzbäume fielen, folgten auch Lügen und Ohnmacht den Gesetzen der Schwerkraft. Was mehr als zweieinhalb Jahrzehnte lang getrennt war, durfte sich berühren, einander in die Augen schauen und darin die gleiche glückselige Verwunderung lesen. Ist es ein Traum, dass von einem Moment zum anderen alles ganz anders sein soll? Sektkorken knallten unterm Brandenburger Tor, jenem für ganz Deutschland so symbolträchtigen Ort. Überall auf der Welt sah man die Bilder aus Berlin, die ihre emotionale Tragweite bis heute nicht verloren haben: Kraft des Dranges nach Freiheit war der Wunsch der Wiederbegegnung Wahrheit geworden. Unbekannte umarmten sich, Tränen der Erlösung und der Freude wurden zu Sinnbildern der positiven, konstruktiven Energie, die von Berlin aus um die ganze Welt ging. Der Moderator der ARD-Tagesthemen erklärte das Ereignis mit gewohnter Contenance: "Die Tore der Mauer sind weit geöffnet. Dieser 9. November ist ein historischer Tag." Die Rührung in seinen Augen war dennoch beim Formulieren der Nachricht unverkennbar.

Vom Idealismus und der Energie in ihrer Stadt unmittelbar angestiftet, kommen die Redakteure der Jugendsparte des Sender Freies Berlin am Morgen des 10. November 1989 in der Masurenallee zusammen. Man ist sich schnell einig und will den Berlinern etwas Besonderes schenken. Ein "Konzert für Berlin" will man stemmen. Deutsche und internationale Stars sollen bei freiem Eintritt spielen. Und zwar bereits in zwei Tagen. Aber wie? Und wo? Geld ist nicht vorhanden, nur unbändiger Wille. Die Berliner Deutschlandhalle, so viel steht fest, ist am 12. November vakant und sie trägt auch den passenden Namen für das avisierte Konzertereignis. Ein PA-Verleiher will zur Beschallung der Halle kostenfrei seine Anlage und ein Technikerteam zur Verfügung stellen. Was fehlt sind die Bühnenakteure. SFB-2-Musikchef Helmut Lehnert findet sich nach der erhaltenen Konzertgenehmigung durch seine Vorgesetzten in einem Meer von gelben Zetteln wieder. Namen von Wunschteilnehmern werden notiert. Lehnerts Zettelwirtschaft wird zwei Tage später dem Veranstalter des legendären Woodstock-Festivals ungläubiges Kopfschütteln abverlangen. Aber das Vorhaben geht auf. Künstler unterbrechen ihre laufenden Tourneen und reisen trotz verstopfter Autobahnen und anderweitiger Verpflichtungen in die zukünftige Bundeshauptstadt, um am "Konzert für Berlin" teilzunehmen.

12. November 1989, Deutschlandhalle, 13 Uhr. Erst sind es nur wenige, vielleicht 200 Neugierige, die den Weg in die Halle finden. Helmut Lehnert geht ganz schön die Muffe, wie er rückblickend erzählt. Soll all die Mühe umsonst gewesen sein? Seine Sorge ist unbegründet. Als die Halle kurze Zeit später mit mehr als 10 000 Zuschauern gefüllt ist und sich noch viermal so viele Menschen in der unmittelbaren Umgebung einfinden, fällt die wahnsinnige Kraftanstrengung der vergangenen zwei Tage von ihm ab. Auf der Bühne geht es jetzt im Viertelstundentakt durch die bis hierhin vollkommen unterschiedlichen Pop-Sozialisationen von Ost und West. Zum ersten Mal reichen sich ostdeutsche und westdeutsche Popgrößen nacheinander das Mikro. Die Ostberliner der Band Pankow drücken mit Gib mir ein Zeichen die Hoffnung aus, die den friedlichen Widerstand gegen den DDR-Politzirkel bis hin zur Grenzöffnung trug. Die bereits im Westen bekannte Ost-Band Silly mit der inzwischen verstorbenen Sängerin Tamara Danz prophezeit Alles wird besser, bevor Joe Cocker, der eigens seine Europatournee unterbrochen hat, um am "Konzert für Berlin" teilnehmen zu können, mit seiner Band die Bühne betritt.

Getragen von den Wogen der Geschehnisse in der Stadt, wollen jetzt und hier viele Künstler dem Ereignis Mauerfall ihre Stimmen verleihen. Cocker spiegelt schließlich im Klassiker With a Little Help from My Friends, was sich zu diesem Zeitpunkt in ganz Berlin abspielt. Er verbindet kurzerhand alle anwesenden Künstler aus Ost und West zum ersten gesamtdeutschen Background-Sänger-Chor. Spätestens jetzt wird klar, dass es beim "Konzert für Berlin" nicht darum geht, wer auf der Bühne steht, zumindest nicht vorrangig. Es geht um das Fest und darum, dass das Ereignis Mauerfall eine ganze Menge vom Spirit des Rock’n’Roll besitzt, was sich in den Auftritten von BAP, Konstantin Wecker, Melissa Etheridge, Nina Hagen, Pannach und Kunert und den Zöllnern manifestiert. Der Aufforderung, Radios in die Fenster zu stellen, um das vom SFB live übertragene Konzert in ganz Berlin hörbar zu machen, folgen viele tausend Menschen und als Moderator Steffen Simon schließlich verkündet, dass der Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze offiziell für immer aufgehoben ist, überträgt sich die Euphorie von der Halle in die Stadt und wieder zurück.

Einer, der die Hoffnung auf den Mauerfall bereits in den 1970er-Jahren mit seinem Mädchen aus Ostberlin nährte, bringt die greifbare Stimmung dieser Tage nach der Maueröffnung wie kein anderer auf den Punkt. Udo Lindenberg wandelt den Text seines West-Meets-Ost-Kult-Hits Sonderzug nach Pankow spontan ab: "Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug aus Pankow? Wir müssen mal eben da hin, mal eben nach Westberlin. Man glaubt es ja kaum, es ist ja alles wie ein schöner Traum – doch keine Angst vorm Erwachen, wir werden jetzt so weiter machen."

Zum historischen Jahrestag der Maueröffnung veröffentlicht das Universal-Music-Label "Panorama" zum ersten Mal die Aufnahmen der legendären Veranstaltung "Konzert für Berlin". Detektivarbeit im Archiv des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) war notwendig, um die besten und markantesten der bislang unveröffentlichten Mitschnitte des rund elf Stunden dauernden Ereignisses aufzuspüren. Die digital restaurierten Bänder lassen den Spirit des Konzerts wieder aufleben, dessen Kraft auch nach 25 Jahren mitreißt und fesselt.


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