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Krystian Zimerman BACKSTAGE EXCLUSIV

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08.02.2011

Polnische Impressionen

Der Pianist Krystian Zimerman blickt zurück, in die musikalische Geschichte seiner Heimat. Er verbeugt sich von Grazyna Bacewicz, eine Ahnherrin der polnischen klassische Moderne

Krystian Zimerman, Polnische Impressionen © Felix Broede / DG

Tatsächlich war Grazyna Bacewicz eine Ausnahmegestalt der neuen polnischen Musik. Geboren 1909 in Lodz bewies sie schon früh enormes musikalisches Talent. Zunächst ausgebildet von ihrem Vater, lernte sie Klavier und Geige, konzertierte und komponierte noch in Kindertagen, war aber auch in anderen künstlerischen Gebieten bewandert. Sie studierte Philosophie in Lodz, Klavier, Geige und Komposition in Warschau und verfeinerte schließlich ihre Kompetenzen ab den frühen Dreißigern in Paris unter anderem bei Nadia Boulanger. Grazyna Bacewicz unterrichtete am Konservatorium von Lodz, wandte sich nach dem Krieg nach Warschau, bis 1955 häufig aktiv als Geigerin, danach hauptsächlich als Komponistin und Autorin von Erzählungen und Romanen. Ihr Stil gilt als klassizistisch mit folkloristischen Einflüssen, von 1959 an zunehmend auch seriell geprägt. Es entstanden über die Jahre mehrere Ballette, vier Symphonien, sieben Violinkonzerte, Kammermusik, darunter auch ihre sieben Streichquartette und mehrere Lieder. Grazyna Bacewicz starb bereits 1969, international geachtet als wichtige Komponistin der polnischen Gegenwartsmusik.

Für Krystian Zimerman ist es daher eine Mischung aus Neugier und Traditionspflege, sich mit den Werken von Grazyna Bacewicz auseinanderzusetzen. Nach fünfjähriger Studiopause ist er gemeinsam mit renommierten Kollegen wie dem Streichquartett um die Geigerin Kaja Danczowska wieder vor den Mikrofonen erschienen, um anlässlich der 100.Todestags der Komponistin zwei ihrer Klavierquintette und die eindrucksvolle zweite Klaviersonate festzuhalten, die er zuvor bereits 2008 beim Salzburg Festival dem Publikum vorgestellt hatte. Es ist eine sehr emotionale Verbeugung vor dem Schaffen einer hierzulande in Vergessenheit geratenen Meisterin der ausgewogenen Klangbalance, die Krystian Zimerman nun ins richtige musikalische Licht setzt.

Es ist seine dritte Einspielung mit Kammermusik, die in den vergangenen Jahren für die Deutsche Grammophon entstanden ist, und sie dokumentiert einmal mehr, dass der außergewöhnliche Pianist zu den zentralen Interpreten spätromantischer und tonaler zeitgenössischer Klaviermusik der Gegenwart zählt, dessen Gespür für das richtige Verhältnis von Pathos und Distanz den Werken von Grazyna Bacewicz die passende Gestalt gibt. Die Komponistin selbst kommt mit dieser Einspielung übrigens auch zu Gehör. Denn als Bonustrack kann man sie mit einer Violinsonate erleben, die sie bereits 1960 für den polnischen Rundfunk aufgenommen hat. Zeit für eine Wiederentdeckung mit Krystian Zimerman als Führer in die Klangwelt der Grazyna Bacewicz!


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