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24.09.2004

Feuerwerk

Lang Lang, Feuerwerk

Ein Konzertsaal wie die Carnegie Hall wird inzwischen von zahlreichen Mythen umgeben. Nahezu jeder Star der klassischen Musikszene hat hier einen der Höhepunkte seiner Karriere erlebt und die Magie des besonderen Ortes gespürt, die über das technische Können hinaus inspiriert. Aus der Warte eines Kamerateams allerdings ist die Carnegie Hall ein besondere Herausforderung. Denn so hoch die Ansprüche an die Künstler sind, so ausgefallen sind sie auch an die Profis hinter den Kameras. Wenn es dann doch gelingt, ein Konzert wie das des chinesischen Wunderpianisten Lang Lang in Perfektion zu archivieren, dann ist das ein Zusammenspiel von Glück und Können auf oberstem Niveau.

Die Probleme beginnen bereits bei der Vorbereitung. Die horrenden Gewerkschaftskosten in den USA machen es zum Beispiel nahezu unmöglich, vor der Carnegie Hall einen Übertragungswagen zu postieren. Für eine hochqualitative Aufnahme sind aber mindestens fünf Kameras nötig: zwei für verschiedene Perspektiven der Hände, zwei für Blicke von der Seite, eine für die Totale. Sie müssen geräuschlos und aus großer Distanz mit gestochen scharfem Bild funktionieren und darüber hinaus auch noch untereinander und mit dem 5.1-Sound der Audio-Spur synchronisiert werden. Benedict Mirow und sein Münchner Team hatten daher reichlich Stress, bis alle Unwägbarkeiten eingerechnet und abgesichert waren. Allerdings hatten sie es auch mit einem Künstler zu tun, der sie nicht nur unterstützte, sondern auch noch Spaß an der Arbeit mit den Kameraprofis hatte. Der technische Direktor des Projektes Florian Rettich erinnert sich daher gerne an die Vorbereitung: "Lang Lang war äußerst entgegenkommend, und seine grenzenlose Energie und Begeisterung machten die Zusammenarbeit zu einer wahren Freude für das Videoteam. Bei unseren Kameraproben spielte er praktisch das ganze Programm. Dabei gewannen wir fantastisches Material, das wie später einfügen konnten, z.B. Fahrten um das Klavier herum".

 

Überhaupt schien Lang Lang bei aller Nervosität vor dem Auftritt an der berühmten Adresse mühelos einen kühlen Kopf zu bewahren. Der Kritiker Jed Distler, der die Aufnahmen ebenfalls begleitete, fand das mehr als bemerkenswert: "Er schien unbeeindruckt von den zahlreichen Mikrofonen und dem aufwändigen Arrangement modernster Videokameras. Für den mikrofonscheuen Swjatoslaw Richter etwa wäre all dies seinerzeit in den 1960er Jahren undenkbar gewesen, doch Lang Lang (der schließlich ein Kind des Informationszeitalters ist) zeigt sich begeistert von der DVD-Veröffentlichung seines Konzertes und deren zahlreichen 'Extras'". Und das liegt sich auch daran, dass der inzwischen 22jährige Pianist von Anfang an zu den Ausnahmegestalten seines Fachs gehörte. Geboren 1982 in Schenyang, bekam er mit drei Jahren Klavierunterricht und spielte mit fünf bereits sein erstes Recital anlässlich eines lokalen Piano-Wettbewerbs. Mit neun wurde er an das Konservatorium in Peking zu Professor Zhao Ping-Guo empfohlen, vier Jahre später präsentiert er sich mit sämtlichen Chopin-Etüden im Pekinger Konzertsaal und gewann darüber hinaus den renommierte Tschaikowski-Wettbewerb in Tokio. Weiter ging es im Laufschritt durch die Instanzen der öffentlichen Anerkennung, bis er 1999 in letzter Minute für den erkrankten André Watts bei der "Gala Of The Century" des Ravinia Festivals einsprang. Er spielte mit den Chicagoer Symphonikern Tschaikowskis "Klavierkonzert Nr.1" und begeisterte Orchester und Publikum.

 

Seitdem ging es Schlag auf Schlag, bis hin zu seinem Recital-Debüt in der Carnegie Hall am 7.November 2003. Lang Lang wählte das Repertoire sorgfältig aus - von Schumanns "Abegg-Variationen, op.1" über Schuberts "Wanderer-Fantasie" bis hin zu Liszts "Réminiscences du Don Juan de Mozart, S.418" - und vervollständigte es mit Musik aus seiner Heimat ("Eight Memories In Watercolor, op.1", Tan Dun). Und da er ein traditionsbewusster Mensch ist, bat er außerdem seinen Vater Guo-ren Lang auf die Bühne, einen Virtuosen der zweisaitigen Erhu-Geige, mit dem er ein chinesisches Volkslied anstimmte. So gab es in der Carnegie Hall reichlich Grund zum Jubeln. Und für die Musikfreunde, die es nicht mehr nach New York schafften, bleiben die wunderbaren Aufnahmen, als Doppel-CD, Doppel-SACD mit fantastischem Surroundsound und als DVD, für alle, die gerne dem Künstler beim Spielen zusehen und mit den Bonus-Interviews noch ein wenig mehr über den Interpreten und das Repertoire des Konzerts erfahren möchten. Denn Lang Lang ist nicht nur einer der besten Pianisten seiner Generation, sondern auch ein Schelm und ein Ästhet, ein Berserker und ein Charmeur, ein Profi und nicht zuletzt ein neugieriger Sinnsucher, für den die Lust an der Gestaltung eng zum Ausdruckswert der Musik gehört. All das kann man eben nur über die Bilder miterleben.


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