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11.01.2006

Kraft der Erinnerung

Lang Lang, Kraft der Erinnerung

Während der vergangenen zwei Jahre hat Lang Lang den Sprung vom bestaunten Newcomer zu einem der neuen Stars der internationalen Klassikszene geschafft. Die Kritiker, die ihn zunächst als Wunderknaben aus Fernost beäugten und dessen profunde musikalische Reife in Frage stellten, verstummten angesichts eines Künstlers, der mit Konzertreisen und unterschiedlichen Veröffentlichungen bewies, dass er schon als Twentysomething über mehr interpretatorische Tiefe verfügt, als manch betagterer Kollegen. Inzwischen steht fest: Lang Lang ist ein Phänomen. Und mit "Memory", seinem ersten Studioalbum mit Solo-Klavierwerken, lässt er sich ein wenig über die Schulter blicken.

Es gab noch Zeiten, da hatten Cartoons einen gewissen künstlerischen Anspruch. Man denke nur an Disneys "Fantasia" oder auch die frühen Tom und Jerry. Da konnte es schon vorkommen, das zur nimmermüden Hetzjagd des genarrten Katers Musik erklang, die großen Vorbildern entlehnt war. Als Kind irgendwann hat Lang Lang einen dieser Cartoon gesehen und dazu lief Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2, eine Kombination, die den hoch begabten Knaben natürlich entzückte. Bis heute erinnert er sich daran, genauso wie an Robert Schumanns "Kinderszenen", die ihm als Schlaflieder vorgespielt wurden. Andere berühmte Kompositionen wie die h-moll-Sonate von Frédéric Chopin oder Mozarts Sonate C-Dur K. 330 gehörten zu den Wegbegleitern seiner Zeit als Wunderkind, als er die chinesischen Fachleute und bald darauf die internationale Konkurrenz auf sich aufmerksam zu machen begann. So stellte sich vor seinem geistigen Auge ein Programm zusammen, das zunächst zufällig erscheint, durch die persönlichen Empfindungen und Erinnerungen aber einen inneren Zusammenhalt erhält.

Die Stücke entstammen unterschiedlichen Epochen und Schwierigkeitsgraden und sie hatten für Lang Lang auch verschiedene Funktionen. Mozarts Sonate zum Beispiel half ihm über eine Phase der Entmutigung als Neunjähriger hinweg, die er nach einen langen Gespräch mit einem strengen Lehrer durchlief: "Ich merkte plötzlich, wie gern ich Klavier spielte. Seit damals hat dieses Werk von Mozart besondere Bedeutung für mich, denn es gab mir die Hoffnung wieder". Dabei gehört es trotz oberflächlicher Simplizität der Gestaltung durchaus zu den anspruchsvollen Stücken: "Bei Mozart kommt man so leicht aus dem Tempo, weil die Stimmung ständig wechselt! Er scheint jede Minute tausend neue Ideen zu haben. Auch das macht ihn so einzigartig. Mozarts Musik ist so kostbar, man muss sie sehr behutsam in die Hand nehmen". Wie übrigens auch Robert Schumanns "Kinderszenen", die Lang Lang in der passenden Balance von Emotion und Klarheit zu halten versteht.

Die andere Seite seiner "Memory" ist bestimmt von Kraft und Pathos, ob in Chopins h-Moll Sonate oder - erst recht - in Liszts zweiter ungarischer Rhapsodie. Vom Komponisten im Anschluss an die musikalischen Begegnungen während einer Ungarn-Reise 1846/7 komponiert, stellt sie bereits in dessen Deutung den Versuch einer Conclusio der Klangempfindung dar, denn er meinte, die ihr zugrunde liegende Volksmusik sei "ein wundervolles Kaleidoskop: Traurigkeit, Kummer, Leiden, geistige Tiefe, Inbrunst, Anmut, Träumerei, Ernst, Launenhaftigkeit, Melacholie, Langeweile - ein ganzes Spektrum von Gefühlszuständen". Nach Meinung Lang Langs kamen diese schillernden Eigenschaften aber erst wirklich nach der Bearbeitung des Stückes durch Vladimir Horowitz zum Tragen. Und deshalb orientiert er sich in seiner Interpretation an den gestalterischen Vorgaben, die sein berühmter Kollege vor einem halben Jahrhundert formulierte und macht daraus ein eigenes, großartiges, als Bonus CD dem "Memory"-Recital beigefügtes Meisterwerk.


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