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14.02.2001

Dem Leben verfallen: Leonard Bernstein

Leonard Bernstein, Dem Leben verfallen: Leonard Bernstein

"Es ist mir unmöglich, eine endgültige Wahl unter meinen verschiedenen musikalischen Tätigkeiten zu treffen - ob Dirigieren, Komponieren, für das Theater schreiben oder Klavier spielen." Leonard Bernstein entschied sich nicht, er tat alles.

"Was immer mir im gegebenen Moment als richtig erscheint, muss ich tun, wenn auch auf Kosten anderer musikalischer Aufgaben. Ich werde keine einzige Note komponieren, solange mein Herz an einer Konzertsaison hängt; andererseits bin ich nicht bereit, wegen einer Aufführung von Beethovens Neunter einen Schlager, der mir gerade durch den Kopf geht, ungeschrieben zu lassen", schrieb der Maestro im November 1946. Und an diese Maxime hat er sich gehalten, 54 Jahre lang bis zu seinem Tod im Oktober 1990. Herbert von Karajan brachte man Bewunderung und Verehrung entgegen, Lenny aber wurde geliebt. War Karajan ganz Pflichtbewusstsein und Disziplin, so setzte Bernstein seinerseits ganz auf Gefühl und Spontaneität. In der Musik wie im richtigen Leben.

 

So verwundert es nicht, dass Lennys Liebe den Liveaufnahmen seiner Konzerte galt. "Aus dem Zusammenschnitt von meist zwei Aufführungen und eventuellen Nachaufnahmen entstehen dann Bernsteins Einspielungen, die somit die Live Atmosphäre bewahren, ohne fehlerhafte Stellen, die zumindest bei mehrfachem Anhören als störend empfunden würden.", wusste sein langjähriger Produzent Hanno Rinke über die Arbeit mit ihm zu berichten. Kaum einer, der mit ihm in Berührung kam, konnte sich seinem Charme, seiner musikalischen und menschlichen Attraktivität entziehen, wie es einer seiner ehemaligen Studenten in Tanglewood auf den Punkt brachte: "Mich interessiert nicht, mit wem er ins Bett geht, was er anhat oder wie er redet. Aber wenn er das Podium betritt, weiß ich wieder, warum ich Musiker werden wollte."

 

Bis auf den heutigen Tag geraten Musiker ins Schwärmen, wenn man sie nach ihren Erfahrungen mit Bernstein fragt. Wie beispielsweise Peter Brem, heute Geschäftsführer der Berliner Philharmoniker: "Ich erinnere mich nur an ein einziges Mal [...], wo eine ähnliche Atmosphäre zwischen Orchester und Dirigent evoziert wurde. Das war, als Leonard Bernstein zu seinem ersten und einzigen Gastspiel bei uns erschien und Mahlers Neunte einstudierte. [...] Bernstein hat uns im besten Sinne des Wortes gepiesackt, hat geprobt und gepaukt, dazwischen Geschichten erzählt ... ." Möglicherweise sogar die folgende. Von einem befreundeten Dirigentenkollegen um Rat in Sachen Mahlers Neunter gefragt, öffnete Bernstein seine Aufführungspartitur - übersät mit seinen Bemerkungen, Anstreichungen und Ergänzungen. "Mahler war ein großer Dirigent, der acht seiner Sinfonien aufführte und uns zeigte, wie man sie spielen soll", erklärte er. "Die Neunte zu dirigieren, war ihm nicht mehr vergönnt. Die schrieb er für mich."

 

Am 15. Oktober gedenkt die Musikwelt seines zehnten Todestages. 1975, in einer Rede im Curtis-Institute, hatte Bernstein sein künstlerisches und menschliches Credo formuliert: "Ich bin mittlerweile recht alt geworden und dennoch nicht viel klüger, als ich vor dreißig Jahren war. Ich weiß vielleicht mehr als früher, aber ich habe weit mehr vergessen, als ich je wusste. Nur eines weiß ich noch immer: Schönheit ist Wahrheit und Wahrheit Schönheit."

 

Und aus jedem einzelnen Takt seiner vielen Aufnahmen tritt uns dieser tiefe Glauben entgegen. Die Deutsche Grammophon widmet Bernsteins Vermächtnis die Neuaufnahme seiner "White House Cantata" sowie die Erstveröffentlichung von Mozarts Klavierkonzert Nr. 17, KV 453 mit Bernstein als Solist und Dirigent im Rahmen ihrer 6-CD-Memorial- Edition. Die letzten Worte in einer Grabrede aber, die Lenny 1973 auf die Sängerin Jennie Tourel hielt, könnten ebenso gut auf ihn selbst gemünzt sein: "Woraus bestand Jennies Leben? Wo immer sie sang: Die Bühne war das Heiligtum der Heiligtümer. Sobald sie ihren Mund zum Lobgesang auf die Musik öffnete, war sie eine Hohepriesterin, und in diesem Augenblick brach der Tag der Versöhnung an. War Jennie Tourel unglücklich? Die alten Griechen haben gesagt, man könne nie wissen, ob ein Mensch glücklich sei, ehe er stirbt. Nun, jetzt wissen wir es: Jennie sang den Namen Gottes bis zum allerletzten Augenblick." And so did Lenny.


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