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11.10.2002

Romeo der Bronx

Leonard Bernstein, Romeo der Bronx

Im Januar 1949 rief der Autor Jerome Robbins bei Leonard Berstein an und erzählte ihm seine neueste Idee. Es ging darum, "Romeo und Julia" in das Amerika der Gegenwart zu übertragen. Bernstein war begeistert, vor allem von dem Einfall, "ein Musical zu machen, das eine tragische Geschichte mit den Mitteln und im Stil eines Musicals erzählt und nie Gefahr läuft, in 'Oper' auszuarten. Lässt sich das machen? Bei uns hat das bis jetzt noch keiner zustande gebracht". Die Arbeit an der "West Side Story" begann

Allerdings dauerte es noch weitere acht Jahre, bis aus der Konzeptidee ein musikalisches Werk wurde. Das hatte viele Gründe. Zunächst waren alle Beteiligten voll mit ihren laufenden Projekten ausgelastet. Darüber hinaus aber gab es auch inhaltliche Details, die noch nicht recht passen wollten. Ursprünglich war geplant, der Liebesgeschichte einen sozioreligiösen Überbau zu geben. Julia/Maria als Jüdin, Romeo/Tony als Christ, das bedeutete Konflikte unbeabsichtigter Art, die nicht zur Handlung passte. Erst als dieser Hintergrund verändert wurde, kam die Arbeit richtig ins Rollen. "Uns ist etwas eingefallen, das meinem Gefühl nach den Nagel auf den Kopf trifft: zwei Teenager-Banden, die einen kämpferische Puertoricaner, die anderen selbsternannte "Amerikaner". Plötzlich habe ich alles lebendig vor Augen. Ich höre Rhythmen und Schwingungen und - das ist das wichtigste - ich spüre irgendwie schon die Form". Bernstein begann zu komponieren und fand bald darauf mit Stephen Sondheim den passenden Texter für die Songs. Im August 1957 schließlich wurde die "West Side Story" am Broadway uraufgeführt. Und entfachte gleich die erwarteten Diskussionen.

 

Denn zunächst hatten Kritik und Publikum ihre Probleme mit dem Stück. Das lang an seiner stilistischen Offenheit innerhalb einer traditionellen Form. Bernstein hatte mit den dramatischen Inventarien der Oper gearbeitet, sie aber in den populären Arien/Songs und in der inhaltlichen Fixierung zugleich relativiert. Die verwickelten Vokalpassagen entstammten der Bühnentradition der Alten Welt, ebenso die Leitmotivik und melodische Dramaturgie. Dazu jedoch kamen die Klangfarben des Jazz und der lateinamerikanischen Musik, die cineastischen Übergänge zwischen Sprache und Gesang, das urbane Unterschichtsmillieu als Ort des Geschehens. Das und noch einiges mehr verwirrte die Hörer und Zuschauer, jedoch nicht genug, um den Erfolg der "West Side Story" zu verhindern.

 

Es kam zu einem Prozess schleichender Nobilitierung des Werkes, der es bereits wenige Jahre später fest im Repertoire großer Opernhäuser verankerte. Es war daher auch keine Frage mehr, für die Tonträgerversion von 1984 klassische Koryphäen vor die Mikrofone zu laden. Kiri Te Kanawa sang die Maria, José Carreras ihren geliebten Tony und für die Version von "Somewhere" konnte zusätzlich Marilyn Horne verpflichtet werden. Bernstein selbst stand bei den Aufnahmen in New York am Pult und so wurde die Opernstarvariante zur gültigen und authentischen Einspielung des Klassikers der modernen amerikanischen Musikkultur. Hier finden Sie einen Ausschnitt aus der gleichlautenden DVD.

 

Die Referenz:

"Wenn eine 'Crossover'-Aufnahme die Aufgabe hat, auf beiden Seiten einer wie auch immer gearteten musikalischen Tennlinie Vorurteile zu zerschlagen, dann ist dies die Beste aller Zeiten ... Ausgezeichnete  Unterhaltung und großartige musikalische Leistung in jeder Hinsicht." (Edward Greenfeld, Gramophone, April 1985)


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