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04.06.2004

Der Doppeldeutige

Leonard Bernstein, Der Doppeldeutige

Der Geburtstag von Johannes Brahms jährte sich 1983 zum 150. Mal. Aus diesem Anlass setzte eine eingehende Beschäftigung mit dem Werk des Komponisten ein, die auch berühmte Dirigenten einschloss. Im Rahmen der Collectors Editions sind nun alle Live-Aufnahmen, die Leonard Bernstein im Umfeld dieses Jubiläums zusammen mit den Wiener Philharmonikern verwirklichte, in einer 5-CD-Box zusammengefasst erschienen.

Bernsteins Kunst bestand nicht nur im Dirigieren und Komponieren, sondern auch im Vermitteln seiner Ideen an ein großes Publikum. Als einer der ersten Pultstars nützte er konsequent die Möglichkeiten, die ihm vor allem das boomende Fernsehen bot, um beständig Werbung für die Kunst zu machen. Er war als Pädagoge ebenso aktiv wie als Botschafter des klassischen Geschmacks, blickte neugierig nach allen Seiten über die Mauern seines Business und schaffte es auf diese Weise, viele Menschen zu erreichen, die sonst für die von ihm verehrte Musik wenig Interesse entwickelt hätten. So auch im Fall von Brahms. Als er Anfang der Achtziger gebeten wurde, sich gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern mit Brahms zu beschäftigten, rief er das renommierte Orchester nicht nur zu zahlreichen Proben zusammen, sondern reflektierte auch publizistisch den Vorgang der Beschäftigung mit dem Werk des klassischen Romantikers.

 

Sein Fazit war ebenso pointiert wie eindeutig: "Mein Kopf ist voll von Brahms, voll von Fragen über ihn, auf die ich meist nur durch seine Musik eine Antwort finden kann". Und er denkt sich konsequent voran: "Nehmen wir zum Beispiel den letzten Satz seiner Vierten Symphonie in e-moll, der glorreichen Krönung seines symphonischen Schaffens. Welch ein leidenschaftlicher Zorn in den ersten acht Takten, welch eine rasante Verzweiflung! Und trotzdem ist dieser letzte Satz - Brahms' Vermächtnis und letzter Wille - seine formal wohl am strengsten durchorganisierte Komposition. Finden sie das nicht auch außerordentlich paradox: Zorn und Ordnung in einem? Aber gerade dieser Widerspruch zeigt uns die Doppelnatur von Johannes Brahms".

 

Bernsteins Verhältnis zur Musik war trotz aller Analyse zunächst einmal organisch und intuitiv. Er wollte Klang erlebbar machen, für sich selbst und die Zuhörer, die ihm folgten. Das wiederum setzte voraus, dass er einen Komponisten auch als Mensch verstand, dessen individuelle Auseinadersetzungen sich in der Musik wiederspiegelten. Im Falle von Brahms kam er zu dem Schluss: "Er war genial genug, um sein eigener Psychiater zu sein - unbewusst natürlich. Er machte sich selbst zum Wächter über die musikalische Ordnung in einer Ära romantischer Unordnung, aber in Wirklichkeit musste er Wächter sein über seine eigenen Gefühle, über die Konflikte, die ihn zu zerreißen drohten. Deshalb 'erfand' er jene Persönlichkeit - mit Bart, Bauch und allem -, die den Menschen damals so vertraut war wie uns heute. Diese erstaunliche Fähigkeit zur Selbstkontrolle, Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung rettete wahrscheinlich sein Leben, seine geistige und seelische Gesundheit und die begnadete Kraft, mit seiner Musik die Welt zu bereichern und zu adeln."

 

Und vor diesem Hintergrund muss man auch Bernsteins emphatischen Umgang mit Brahms verstehen. Ob er sich nun die vier Symphonien, die "Haydn-Variationen" oder zwei seiner Konzerte mit großartigen Solisten wie dem Geiger Gidon Kremer und dem Cellisten Mischa Maisky vornimmt, im Zentrum steht das Bedürfnis, die Person des Komponisten von innen heraus zu verstehen und deren Werke den genialischen Touch zu erhalten, der ihnen von Anfang an mitgegeben war. Insofern pflegt auch Bernstein die Camouflage, indem er sich behutsam der Remythisierung großartiger Musik widmet. Im Fall von Brahms ist das ein echter Gewinn.


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