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26.11.2004

Fan und Missionar

Leonard Bernstein, Fan und Missionar

Leonard Bernstein war immer auch ein wenig Missionar. Er wollte die Menschen vom Wert der Musik überzeugen und ging dafür unterschiedliche Wege. Da war zunächst die Interpretation selbst als Kernstück seiner Bemühungen. Darüber hinaus aber gab er Vorlesungen und Seminare nicht nur für Spezialisten, und machte sich sogar Medien wie das Fernsehen zunutze, um noch mehr potentielle Musikfans zu erreichen. Die Original Masters Box mit den Aufnahmen der fünf großen klassischen Symphonien von 1953 ist daher durch eine ebenso bekannt gewordene Vortragsreihe mit Analysen der Werke ergänzt. Alles zusammen ergibt eine Form von symphonischer Propädeutik, die aber auch für den Spezialisten noch reichlich neue Facetten des Epochenverständnisses bereit hält.

In einem offenen Brief, den er dem Essayband "Von der unendlichen Vielfalt der Musik" voranstellte, bekannte sich Leonard Bernstein als Überzeugungstäter: "Ich liebe die Musik fanatisch. Ich kann keinen Tag leben, ohne Musik zu hören, ohne zu spielen, mit Musik zu arbeiten, über sie nachzudenken. Und all dies ganz unabhängig von meinem Beruf als Musiker. Ich bin ein Fan, ein der Öffentlichkeit verpflichtetes Mitglied". Als solcher ging Bernstein auch an seine Interpretationen heran. Er ließ sich auf der Basis seiner Professionalität von der Neugier und Emphase leiten, die ein Fan dem Gegenstand seiner Verehrung gegenüber zu entwickeln vermag. Im Jahr 1953 machte er sich gemeinsam mit der Decca daran, den zentralen Korpus klassischer Symphonik zu archivieren.

 

Dabei handelte es sich um fünf Schlüsselwerke, die er gemeinsam mit dem New York Stadium Symphony Orchestra einspielte: Beethovens Nr. 3, genannt "Eroica", Dvoraks "Aus der Neuen Welt", Schumanns "Symphonie Nr. 2", Brahms "Symphonie Nr. 4" und Tschaikowskis "Pathétique". Mit der ihm eigenen Unmittelbarkeit gab er allen fünf Werken eine Gestalt, die sich möglichst wenig von der persönlichen Eitelkeit des Interpreten leiten, dafür aus der Wirkung der Musik selbst heraus entwickeln sollte. Dem 35jährigen Dirigenten gelang dabei das Kunststück, allen fünf doch sehr verschiedenen Symphonien die passende Mischung aus Feuer und Distanz, Nachdruck und Größe zuzueignen.

Wer allerdings meinte, das sei ein Glücksgriff gewesen, wurde im Anschluss daran durch Bernsteins Werkanalysen eines anderen belehrt. Sie entstanden vier Jahre später für den Book-Of-The-Month-Club und stellten eine gelungene Mischung aus musikwissenschaftlicher Untersuchung und populärer Vermittlung dar. Denn es ging dabei zwar auch um die motivische und interpretatorische Arbeit, vor allem aber um die zeitgenössische Einschätzung eines Werkes. Zu Dvoraks Symphonie konnte man da zum Beispiel vernehmen: "Hie und da findet man Melodien darin, die wie Indianer- oder Negermusik oder wie beides tönen, Melodien, die vielleicht auf authentischen Volksmusikthemen beruhen, obschon Dvorak deren originalen Ursprung bestritt und behauptete, er habe nur im 'Geist' dieser Volksmusk geschrieben. Doch die symphonische Musik, die daraus entstanden war, ist böhmisch oder zentraleuropäisch oder 'Brahmsisch' oder, wenn man will, sogar 'Dvorakisch'; aber sie ist keinesfalls, mit noch so viel Phantasie, als amerikanische Musik zu bezeichnen".

 

So und ähnlich dezidiert ging Bernstein die Analysen an, unterstrich seine Bemerkungen mit kurzen Musikauszügen, zum Teil selbst am Klavier vorgeführt, und schuf auf diese Weise eine profunde Einführung in die Welt der klassischen Symphonik, wie man sie sonst in der englischsprachigen Medienwelt kaum fand. Insofern ist es ein besonderer mentalitäts- und musikhistorischer Leckerbissen, dass diese noch immer brillanten Ergänzungen zu den Werken nun zusammen mit Bernsteins Einspielungen in einer 5-CD-Box erhältlich sind. Damit wird nicht nur ein Stück kulturelle Zeitgeschichte erstmals auf CD zugänglich gemacht, sondern auch ein Beispiel dafür präsentiert, wie man mit Esprit und Überzeugung komplexe Inhalte an breite Publikumsschichten vermitteln kann.


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