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22.04.2005

Basic Bernstein

Leonard Bernstein, Basic Bernstein

Neunzehnhundertdreiundfünfzig wird Elisabeth II. gekrönt und Josef Stalin stirbt. Sir Edmund Hillary bezwingt als erster Mensch den Mount Everest, die Bürger der DDR revoltieren erfolglos gegen das kommunistische SED-Regime, Konrad Adenauer erringt bei den Wahlen zum zweiten deutschen Bundestag die absolute Mehrheit. Und Leonard Bernstein verwirklicht die erste große Serie symphonischer Einspielungen für die Decca, die nun in einer Box zusammengefasst im Rahmen der Reihe Original Masters erstmals vollständig auf CD erhältlich sind - einschließlich der erklärenden Kommentare, die er kurz darauf im Auftrag des Book-of-the-Month-Clubs festhielt.

Aus heutiger Sicht wirkt es exotisch, dass Komponisten wie Robert Schumann oder Johannes Brahms vor einem halben Jahrhundert noch als fragwürdige Symphoniker galten. Doch für den Hörer der frühen Fünfziger war Beethoven der Maßstab, der heroische Genius, und dessen kritische und in sich zerrissene Nachfolger der Romantik wurden oft milde lächelnd in die zweite Liga verbannt. So ist es auch zu verstehen, dass Leonard Bernstein in seinen künstlerischen Erklärungen, die er der ersten umfangreichen Aufnahme-Session für die "Gold Label"-Klassikreihe der Decca beifügte, vehement für die unterschätzten Komponisten eintrat. Tschaikowskis "Pathétique", der man nachsagte, sie sei eigentlich gar keine richtige Symphonie, wurde von ihm als komplexes Geflecht systematisch verfolgter Motividee und -bearbeitungen gewürdigt.

 

Dvoraks "Aus der neuen Welt" stellte er kritisch in ihren eigentlichen Klangzusammenhang, der nicht in den Indianerweisen Amerikas, sondern der musikalischen Tradition Böhmens und den symphonischen Ideen von Johannes Brahms ihre Ursprünge hat. Aus dessen vierter Symphonie wiederum destillierte er einen raffiniert verschiedene Transformationstadien durchlaufenden Themenstrang, den er als ungewöhnlich kunstvoll gestaltet präsentierte. Und Schumanns Zweite adelt er beiläufig in den orchestralen Olymp, indem er ihr Gestaltungsmethoden zuordnet, die mühelos auf dem Niveau von Beethovens Strategien bestehen können. Lediglich beim Schöpfer der "Eroica" selbst spielte er nicht den rhetorisch geschickten Anwalt der Verteidigung und beschränkte sich auf eine Motivanalyse mit reichlich akustischen Querverweisen auf die Partitur.

 

Die Einspielung der fünf großen Symphonien, die die Decca 1954 auf den Markt brachte, erntete zunächst nur gedämpftes Lob. Sie wurde von der Kritik an den Elaboraten berühmter Zeitgenossen gemessen und stellenweise für zu leicht empfunden. In Union mit den Kommentaren allerdings bekamen die Interpretationen eine neue Qualität. Denn mit einem Mal wurde klar, warum Bernstein an bestimmten Stellen zur Emphase neigt, andere wieder klar und nüchtern spielte oder mit ungewöhnlichen Tempi experimentierte. Am Broadway und in den Medien ebenso zu hause wie am Pult oder am Notenblatt daheim, offenbarte sich nun ein sorgfältiger Detailarbeiter, der sehr wohl über die vielen Aspekte der einzelnen Werke Bescheid wusste. So bekommen seine Aufnahmen mit dem New York Stadium Symphony Orchestra - das eigentlich das New York Philharmonic Orchestra unter Pseudonym war - ein weiteres, faszinierendes Gewicht.

 

Sie präsentieren nicht nur fünf Meilensteine der Konzertgeschichte in nachdrücklicher, vitaler und juveniler Interpretation, sondern dokumentieren in einzigartiger Weise die Verständnisstrukturen, die einem Dirigenten die Erarbeitung eines Notenkorpus' erst ermöglichen (wobei Bernstein mit Rücksicht auf ein Publikum aus interessierten Laien wohlweißlich harmonische Fragen außen vor ließ). Die 5CD-Box in der Reihe Originals Masters: Leonard Bernstein - The Complete 1953 American Decca Recordings ist daher ein ungewöhnliches Konvolut herausragender Aufnahmen, dessen künstlerische Tragweite sich über die seltene Union von Interpretation und Kommentar erschließt. Ein echter Bernstein.


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