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19.10.2005

Schelm am Pult

Leonard Bernstein, Schelm am Pult

Manchmal scheint sich alles verschworen zu haben. Als das Aufnahme-Team der Unitel gemeinsam mit Leonard Bernstein und den Wiener Philharmonikern im Anschluss an das Edinburgh Festival in der Ely Cathedral einfand, um Mahlers zweite Symphonie mit Bild und Ton festzuhalten, war es reihenweise mit Problemen konfrontiert. Ein Kamerakran brach zusammen, eine Bombendrohung verhinderte die Generalprobe, während des Konzertes flogen ausdauernd Fledermäuse durch den Vierungsturm des Kirchenschiffs und kollidierten zuweilen mit den Scheinwerfern. Trotzdem wurde es eine der besten Mahleraufnahmen, die Bernstein je dirigierte. Zusammen mit den neun anderen Symphonien des Meisters der Moderne, ist sie nun auf DVD erschienen und ermöglicht ein Wiedersehen und Neuentdecken der berühmten Einspielungen im faszinierenden DTS 5.1 Surround-Format.

Üblicherweise wird Leonard Bernsteins Schallplattenkarriere in drei Phasen eingeteilt. Die erste reicht bis zu seiner Berufung als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker 1958. Sie ist geprägt von Aufnahmen für verschiedene Labels unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, denn der Komponist, Pädagoge und Pultstar hatte von der populären 'Omnibus'-Serie bis hin zu zeitgenössischen Werken durchaus vielschichtige Interessen. Dann verband er sich mit der amerikanischen Columbia (später CBS), mit der allein er etwa 200 Alben veröffentlichte. Schließlich wandte er sich während der dritten, europäischen Phase der Deutschen Grammophon zu und verwirklichte vor allem in den Achtzigern weitere, wegweisende und weit gefächerte Einspielungen wie etwa der unlängst in drei CD-Boxen re-edierte späte Mahler-Zyklus.

 

Allerdings gab es dazwischen noch einen weiteren Zeitraum, den er mit ungewöhnlichen Aufnahmen füllte. Bernstein unterschrieb nämlich im Jahr 1971 einen Vertrag mit der Münchner Fernsehfirma Unitel, die sich verpflichtete, wann immer es möglich sein sollte seine Konzerte mit Kameras und mobilen Studios festzuhalten. Das war für beide Seiten ein spannendes Arrangement, denn Bernstein ging ein höheres Risiko der Interpretation ein - Bildaufnahmen lassen sich nur außerordentlich schwer nach musikalischen Kriterien nachbearbeiten, Fehler also sind im Unterschied zum Tonstudio kaum zu korrigieren. Dafür sammelten die Spezialisten für Konzert-Filme und Opern-Verfilmungen umfassendes Material, das sie zunächst im Fernsehen zeigen konnten und nun auch auf DVD präsentieren können.

Dabei kam im besonderen die Verbundenheit Bernsteins mit seinem Wiener Spitzenorchester zum Tragen. Mit Ausnahme des "Liedes von der Erde", das er 1972 mit den israelischen Kollegen in Tel Aviv festhielt, beruhten alle Aufnahmen auf der Zusammenarbeit mit den Philharmonikern, die er zu einem seiner Lieblingsorchester auserkoren hatte. Während der 24 gemeinsamen Jahre spielten sie gemeinsam 197 Konzerte und waren auf diese Weise maßgeblich an der Umsetzung des mittleren und späten Stils des Dirigenten beteiligt, der noch mehr noch als die ersten Perioden von der Betonung der Individualität zehrte. Kritiker sprachen bei manchen seiner Symphonie-Aufführungen von "Konzerten für Dirigent und Orchester", ein Bonmot, das Bernsteins Rolle am Pult verdeutlichte. Was sie damit meinten, lässt sich besonders prägnant an den DVD-Versionen der Mahlerschen Orchesterwerke nachvollziehen.

 

Hier ist kein finsterer Maestro, kein ernster Titan bei der Arbeit, sondern ein großer Junge, der sich bei aller Erfahrung und Professionalität seinen Spaß und seine Neugier nach unerhörten Klängen erhalten hat. Bernsteins Begeisterung für die Materie, sein kenntnisreicher Umgang damit, aber auch die kreative Frechheit, mit der er sich manche interpretatorische Freiheit nimmt, werden sofort verständlich, wenn man ihm zuschauen kann, wie er die Musik auf das Orchester überträgt, wie er Stars wie René Kollo, Hermann Prey, Christa Ludwig, Edda Moser oder Janet Baker in die musikalische Gesamtheit integriert, überhaupt, wie er scheinbar aus dem Nichts etwas erschafft, was die Menschen bewegt. Aufgenommen in für ihre Akustik berühmten Räumen wie dem Musikvereinssaal und dem Konzerthaus in Wien oder der Berliner Philharmonie entstand so ein Mahler, über den die New York Times einst befand, er sei sein bester überhaupt.


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