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30.11.2005

Intuition

Leonard Bernstein, Intuition © Arthur Umboh / DG

Im Jahr 1852 lernte Richard Wagner den Kaufmann Otto Wesendonck kennen, der bald zu seinem wichtigsten Förderern zählen sollte. Weitaus inspirierender noch war aber die (unerfüllte) Liebe zu Mathilde Wesendonck, der Gattin seines Mentors, die für den Komponisten zu einer Art Grundmotivation der Schaffenskraft auf der einen und reflektierenden Kritikerin auf der anderen Seite wurde. Diese asymmetrische Gefühlssituation ließ Wagner auch immer wieder zu unkonventionellen Mitteln greifen, das Thema Liebe bis an die Grenzen auf der Bühne zu erforschen. So begann er 1857 in einer Schaffenspause der "Ring"-Ära einen mittelalterlichen Versroman Gottfried von Straßburgs aus dem Jahren um 1210 in eine Oper zu fassen. Es entstand "Tristan und Isolde", Wagners bis dahin radikalste Arbeit, die der Musik als handlungstragendem Element eine zentrale Rolle einräumte.

Allerdings bedurfte es auch der Erläuterung. In einem Brief an Mathilde Wesendonk vom 19. Dezember 1859 versuchte Wagner, seiner Traumfrau die Geschichte zu erklären: "Ein altes, unerlöschlich neu sich gestaltendes, in allen Sprachen des mittelalterlichen Europa nachgedichtetes Ur-Liebesgedicht sagt uns von Tristan und Isolde. Der treue Vasall hatte für seinen König diejenige gefreit, die selbst zu lieben er sich nicht gestehen wollte, Isolden, die ihm als Braut seines Herrn folgte, weil sie dem Freier selbst machtlos folgen mußte. Die auf ihre unterdrückten Rechte eifersüchtige Liebesgöttin rächt sich: den, der Zeitsitte gemäß für den nur durch Politik vermählten Gatten von der vorsorglichen Mutter der Braut bestimmten Liebestrank läßt sie durch ein erfindungsreiches Versehen dem jugendlichen Paare kredenzen, das, durch seinen Genuß in hellen Flammen auflodernd, plötzlich sich gestehen muß, daß nur sie einander gehören. Nun war des Sehnens, des Verlangens, der Wonne und des Elends der Liebe kein Ende: Welt, Macht, Ruhm, Ehre, Ritterlichkeit, Treue, Freundschaft - alles wie wesenloser Traum zerstoben; nur eines noch lebend: Sehnsucht, Sehnsucht, unstillbares, ewig neu sich gebärendes Verlangen, Dürsten und Schmachten; einzige Erlösung: Tod, Sterben, Untergehen, Nichtmehrerwachen!".

Bereits 1857 hatte Wagner das Libretto geschrieben und den 1. Akt komponiert. Den 2. Akt beendete er in Venedig, den dritten 1859 in Luzern. Uraufgeführt wurde das Werk schließlich am 10. Juni 1865 in München, nachdem es zuvor vor allem von der Wiener Kritik für unspielbar erklärt worden war. Seitdem gehört es zur Kür jedes Sängers und Dirigenten, ist es doch nicht nur eine Oper, sondern zugleich die Umsetzung eines komplexen theoretischen Systems, mit dem Wagner sich "in die Tiefen der inneren Seelenvorgänge" versenkte und "aus diesem intimsten Zentrum der Welt ihre äußere Form" gestaltete. Im Rahmen der Reihe mit historischen Aufführungen Classic Opera ist nun eine legendäre Einspielung auf CD erhältlich, die Anfang der achtziger Jahre von Leonard Bernstein erarbeitet wurde. Der umtriebige und impulsive Dirigent gab der in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk entstandenen Aufnahme dabei eine sehr persönliche, zugleich lebendige wie textfundierte Note, die durch die hervorragende Besetzung noch unterstrichen wurde. Denn als Tristan hatte er den Tenor Peter Hoffmann zur Verfügung, die Isolde sang Hildegard Behrens und Chor und Orchester des BR liefen aufgrund der großen Ehre der Zusammenarbeit zur Höchstform auf. Das Resultat war eine zeitlose, weil keinen Moden unterworfene Interpretation, die aufgrund ihrer Intuition und Individualität zu den besten zählt, die von Wagners Meisterwerk gemacht worden sind.


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