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22.02.2006

Der Filou

Leonard Bernstein, Der Filou

Das Original wird nie wirklich rekonstruiert werden können. Mozart hatte es im Frühling 1782 zwischen Tür und Angel geschrieben, wie so oft und auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters. Denn ein Freund der Familie names Siegmund Haffner sollte im Juli des Jahres in den Adelsstand erhoben werden und Leopold Mozart wollte ihm eine Sinfonie des Sohnes zum Geschenk machen. Wie flüchtig das Werk war, merkt man an einer historischen Fußnote. Denn als Wolfgang Amadeus die Sinfonie im folgenden Februar für eine Aufführung in Wien zurück erhielt, konnte er sich bereits nicht mehr an die Partitur erinnern. Deshalb arbeitete er sie um, strich einen Satz und ergänzte sie um neue Orchesterstimmen. Ihren Namen allerdings durfte sie behalten und ging daher als "Haffner-Sinfonie" in die Musikgeschichte ein.

Um Mozarts Werke wirklich zu verstehen, muss man wohlmöglich ein Menge Ballast hinter sich lassen, den die Wissenschaft und musikalische Archäologie im Laufe der Jahrhunderte aufgehäuft hat. Denn so sehr auf der einen Seite die Erkenntnisse der Forschung etwa auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis Irrtümer der Vergangenheit vor allem in Bezug auf die Gültigkeit des Notentextes ausgeräumt und korrigiert haben, so deutlich ist eine gute Interpretation doch noch immer von dem abhängig, der die spezielle Aura einer Komposition zu erfassen und herauszustellen vermag. Leonard Bernstein war so ein Mensch, auf der einen Seite Charismatiker, ein Getriebener mit immensem musikologischem Wissen, aber zugleich auch einer, der mit einer Form von lausbübischer Unbekümmertheit einem Stück seinen Lauf lassen konnte.

 

Das passte zwar nicht zu allem, dessen er sich annahm. Aber im Fall von Mozart sind ihm einige Meisterwerke gelungen, die von einer sympathetischen Energie getragen werden, wie sie nur ein melodisch orientierter Komponist einem Kollegen gegenüber entwickeln kann. Man nehme nur den ersten Satz der berühmten g-moll Sinfonie, dieses flirrend traurige Thema mit einer Ahnung von Schwermut, die Mozart im Auge mancher Biographen bereits zum depressiven Melancholiker werden ließ. Bernstein versteht ihn als ein Kontrastspiel der Emotionen anhand der sich ständig gegenseitig kommentierenden Melodien. Das nimmt ihm die Schwere und Bedeutungsmacht, die früheren Interpretationen wie etwa von Karl Böhm innewohnte, und macht sie zu einem schillernden, aber nicht eitlen Gemenge der Motivstränge, das trotz der dunklen Tonart seine Leichtigkeit behält.

Überhaupt versteht Bernstein seinen Mozart im positiven Sinne als populär. Denn alle drei Sinfonien, die im Rahmen der Mozart Collection auf einer CD zusammengefasst wurden, haben diesen Flow des Juvenilen, der selbst den schwersten Passagen noch einen Hauch der Verschmitzheit verleiht. Man mag über Tempi streiten, wohlmöglich auch über den Sinn seiner speziellen Darstellungen aus dem Blickwinkel der Tradition, sie unterschieden sich in jedem Fall deutlich von den meisten anderen dieser Dirigentengeneration. Denn Bernstein war ein Filou. Er war an der Vermittelbarkeit der Musik interessiert, an der Verständlichkeit für ein großes Publikum, und schon deshalb faszinierten ihn vor allem die melodischen, sangbaren Komponenten eines Stückes. Egal ob "Haffner" oder "g-moll" - im Falle der "Linzer" ist es ein wenig komplizierter, weil die motivischen Vorgaben nüchterner sind - im Mittelpunkt steht die konkret angesprochene Emotion, die Menschlichkeit der Komposition. Schon allein deshalb ist diese Folge der Mozart Collection ein Juwel der Serie. Denn nur wenige Interpreten können in ähnlicher Weise für sich in Anspruch nehmen, kongenial zu sein, wie Leonard Bernstein.


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