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06.12.2010

Vielseitig verwurzelt

Für ihr viertes Album „Fellowship“ besinnt sich Lizz Wright auf ihre Wurzeln. Mit Gospelklassikern und neuen Spiritsongs von und mit Meshell Ndegeocello, Angélique Kidjo oder Joan As Police Woman.

Für ihr viertes Album „Fellowship“ besinnt sich Lizz Wright auf ihre Wurzeln. Mit Gospelklassikern und neuen Spiritsongs von und mit Meshell Ndegeocello, Angélique Kidjo oder Joan As Police Woman.

Text: Götz Bühler | Foto: Shervin Lainez

„Ich bekomme oft zu hören, ich sei ‚stilistisch so vielseitig’, man fragt mich: Wer oder was bist du eigentlich?“, erzählt Lizz Wright mit einer so bedachten, melodiösen Stimme, dass man sie schon sprechend förmlich singen hört. „Solche Fragen irritieren mich, denn in meiner Wahrnehmung passt alles ganz klar zusammen. Sicher, ich forsche gerne und probiere Dinge aus. Aber nur weil ich immer wieder und überall Gemeinsamkeiten entdecke.“ In allem, was sie sich zu eigen gemacht hat, erklärt Lizz Wright, erkenne sie denselben Kern. Als ihr jemand zum Beispiel erklären wollte, was der Blues sei, sagte sie nach ein paar Takten: „Kenne ich aus der Kirche. Sie singen dort dieselben Changes, die gleichen Harmonien, mit einem sehr ähnlichen Gefühl.“ Soweit sie auch hinaus in die musikalische Welt gegangen sei und so breit ihr Weg auch gewesen ist, es gab immer ganz deutliche Anzeichen für den nächsten Schritt, schon bevor sie ihn machte.

Auch der Weg zu ihrem neuen Album war für Lizz Wright klar: zurück zu den Wurzeln, zu ihren musikalischen Ursprüngen, ohne Umschweife in eine emotionale Kuschelecke. Die be­findet sich für eine Künstlerin ihres Formats, die von der „New York Times“ bis zum „Jazz thing“ als große Jazz-Hoffnung gefeiert und trotzdem immer die Pfarrerstochter aus Hahira, Georgia, bleiben wird, vor allem im Gospel. „Manchmal muss man einfach die Lieder singen, die man mitbekommen hat“, sagt sie. „Ich habe tief in meinem Herzen gespürt, dass ich dieses Album auch für meine Familie machen muss – ohne dabei persönlich zu werden, das ist unnötig. Diese Lieder richten sich an sie, und ich singe sie für sie. Wenn man zeigen will, wie weit man gekommen ist, ohne sich selbst zu vergessen, macht man das am besten mit der Musik, die man von frühester Jugend an kennt. Diese Lieder brauche ich genauso sehr, wie ich meine Familie brauche.“ Lizz Wright sagt neben „family“ auch oft „my people“, was bei ihr eindeutig zweideutig ist: Die Lieder von „Fellowship“ richten sich ebenso sehr an ihre Eltern und die Geschwister wie an die gesamte Schar der ihr Gleichgesinnten und an alle Afroamerikaner. In „I Remember, I Believe“, einer Komposition von Dr. Bernice Reagon, einer Bürgerrechtlerin und der Gründerin des legendären Gospel-Ensembles Sweet Honey In The Rock, heißt es: „I don’t know how my mother walked her trouble down, I don’t know how my father stood his ground, I don’t know how my people served by slavery … I do remember, that’s why I believe“. Diese Zeilen singt Lizz Wright so ruhig und eindringlich, dass es einem Schauer über den Körper jagt, noch oder gerade heute, fünfzig Jahre nach den Greensboro Sit-ins, der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, und kurz vor dem Jubiläum der legendären Freedom Rides, die in den Südstaaten erst 1965 zu einem einigermaßen gerechten Wahlrecht für Afroamerikaner führten. „Fellowship“, das Album, ist eben auch eine Art „emotionales Politikum“. Immer wieder ruft es zum Zusammenhalt auf, zur titelgebenden „Gemeinschaft“ oder „Gemeinde“, ohne marktschreierisch zu sein oder den Zeigefinger zu erheben. So intensiv und universell wirkt Lizz Wrights Mission, dass sie den Zuhörer auch jenseits von Konfessionen oder Glaubensfragen erreicht. Woran auch immer man glaubt, dem spannenden Auf und Ab des „Gospel Medley“, dem innigen „Amazing Grace“ oder dem hypnotischen Chanting von „God Specializes“ kann und will man sich nicht entziehen. Man muss nicht mal glauben, fühlen reicht.

Lizz Wright findet ihren Gospel nicht nur in alten Gesangsbüchern. Im Gegenteil. Neben spirituellen Klassikern aus der Feder von Eric Clapton („Presence Of The Lord“) oder Jimi Hendrix („In From The Storm“), interpretiert diese Personifizierung des Wortbildes „down to earth“, diese Stimme der verzauberten Vernunft, auch Überraschendes aus dem aktuellen Pop-Kanon. Schon der Opener, ein Stück der Sängerin und Bassistin Meshell Ndegeocello, fasziniert mit einer sagenhaften Melodie und klaren Worten zu ewigen Fragen, irgendwo zwischen Folk-Funk und Bob Marley. Die Ballade „Feed The Light“, geschrieben von und gesungen mit Alt-Pop-Star Joan Wasser a.k.a. Joan As Police Woman, wirkt gleichermaßen harmonisch wie aufregend. Und beim kurzen „Oya“, einem Duett von und mit der Vokalistin Angélique Kidjo aus dem westafrikanischen Benin, braucht man nicht einmal Sprachkenntnisse, um den schönen Sinn zu begreifen. Aber wie passen diese neuen Lieder zu den alten Wurzeln? „Man könnte es meine neuen Wurzeln nennen“, meint Lizz Wright mit einem ironisch schmunzelnden Unterton. „Nach den vielen Konzerten und Strapazen des letzten Albums, habe ich mir eine Auszeit gegönnt – und eine Ausbildung am Natural Gourmet Institute in Manhattan gemacht. Das hat mich nicht nur erfrischend raus aus der Welt des Musikgeschäfts gebracht, es hat in mir auch das Bedürfnis nach neuer Musik geweckt.“ Stundenlang fuhr sie mit der Bahn zu ihren Koch- und Confiseriekursen in die Stadt und hörte dabei Musik, die ihr ihre langjährige Kollegin Toshi Reagon empfohlen hatte, dieselbe Singer/Songwriterin (und Tochter von Dr. Bernice Reagon), die jetzt dieses berührende, belebende und begeisternde „Fellowship“ gemeinsam mit dem Norah-Jones- und Cassandra-Wilson-Produzenten Brian Bacchus produziert hat.

„Der Berg erscheint dem Bergsteiger aus der Ebene klarer“, zitiert Lizz Wright den Dichter Khalil Gibran gegen Ende des Gesprächs. Was wohl auch sagen soll, dass sie ein paar Jahre fernab ihrer tiefen Gospel-Wurzeln verbracht hat, abgesehen von ihrer ewigen Zugabe „Amazing Grace“, und dadurch auch den Abstand gewinnen konnte, der sie diese Traditionen jetzt noch besser verstehen und natürlicher transportieren lässt. „Ich befinde mich momentan an einem sehr glücklichen, geerdeten Ort in meinem Leben“, sagt sie. „Ich verdanke meine neue Musik meinen Ahnen, und darüber bin ich sehr froh.”


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