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12.11.2013

"Er hatte immer solches Lampenfieber…": Die deutsche Star-Sopranistin Edda Moser über Luciano Pavarotti

Die deutsche Sopranistin Edda Moser sprach mit KlassikAkzente-Chefredakteur Andreas Kluge über ihren Kollegen und Freund, den italienischen Star-Tenor Luciano Pavarotti.

Luciano Pavarotti, Er hatte immer solches Lampenfieber… © Privat

Edda Moser kennt nicht jeder. Muss er ja auch nicht. Aber eines sollte jeder wissen: Sie ist der deutsche Exportschlager für den Fall, dass es irgendwann einmal zur Begegnung mit Außerirdischen im All kommt. Denn eben hat eine vor Jahrzehnten gestartete Raumkapsel mit ihrer Aufnahme der Arie "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen" aus Mozarts "Die Zauberflöte" an Bord die Grenzen unseres Sonnensystems durchbrochen und befindet sich auf dem Weg in die Unendlichkeit… Nun muss man wissen, dass Edda Moser und diese Arie auf ewig untrennbar miteinander verbunden sind: keine vor ihr und keine nach ihr hat diese Arie mit mehr Brillanz, Expressivität und stählerner Härte bis in die höchsten der hohen Spitzentöne gesungen! Doch Edda Moser war auch in anderer Hinsicht ein deutscher Exportschlager: ihre Auftritte an der New Yorker MET, der Wiener Staatsoper, in London, Paris oder Mailand sind legendär und unter den zahlreichen Größen der Sangeszunft, mit denen die Moser auf der Bühne gestanden hat, darf natürlich auch Luciano Pavarotti nicht fehlen. So lag es nahe, die charmante, witzige und lebenskluge Sängerin nach ihren Erfahrungen mit Luciano Pavarotti zu fragen anlässlich der Veröffentlichung des neues Albums "Pavarotti: The 50 Greatest Tracks" - ein Gespräch.

KlassikAkzente: Frau Moser, wann sind Sie erstmals mit dem Namen Luciano Pavarotti in Berührung gekommen?

Edda Moser: Irgendwann hatte ich gehört, dass es da einen jungen Tenor gäbe, der von der Sutherland protegiert würde. Und man erzählte sich, dass er in irgendeiner Oper - fragen Sie mich jetzt nicht, in welcher – 6 hohe Cs zu stemmen hätte, was er angeblich mit links getan hätte. Und es ist ja so, bis heute ist das so, wenn eine solche Stimme da ist, dann spricht jeder davon. Viele kennen dann gar nicht einmal den Namen, aber das Gerücht macht die Runde, dass es da einen gäbe, der einfach toll sei und den man unbedingt hören müsse… Und als ich ihn dann das erste Mal gehört hatte, wann das genau war, weiß ich nicht mehr, war mir schlagartig klar, warum die Sutherland so begeistert von ihm gewesen ist! Ich freue mich ja auch immer, wenn ich eine neue, wirklich besondere Stimme entdecke – egal, ob das nun ein Sopran oder ein Tenor oder was weiß ich ist… Bei den Aufnahmeprüfungen an der Kölner Musikhochschule, wenn man dann beim 170. Kandidaten und schon längst halb weggedämmert ist, ist man in dem Augenblick sofort hellwach, wenn sich eine neue, schöne und eben besondere Stimme präsentiert. So eine "schöne Stimme" ist eine Stimme im Sinne  des mythischen Sängers Orpheus – eine, die sofort ins Herz geht. Und genau das war auch bei Pavarotti der Fall.

KlassikAkzente: … und in diesem Moment war Ihnen dann bereits klar: Mit dem möchte ich unbedingt mal singen!

Edda Moser: … ach was, nie im Traum habe ich damals daran gedacht, diesem Herrn einmal persönlich zu begegnen, geschweige denn mit ihm irgendwann einmal auf derselben Bühne zu stehen!
KlassikAkzente: Wenn einem heutzutage so etwas passiert, dann schaut man unter google, youtube oder spotify nach, um sich diese Stimme, von der alle Welt schwärmt, auch einmal anzuhören. Ganz einfach eigentlich. Aber wie hat man das damals, in den 70er Jahren gemacht?
Edda Moser: Tja, da gab es nun diese Stimme, von der alle sprachen wie von einem Wunder. Da machte man sich so seine Vorstellungen… aber richtig gehört habe ich Pavarotti eigentlich erst, als ich dann schon an der MET war…

KlassikAkzente: …und Sie mit ihm gesungen haben…

Edda Moser: .. also das war ja so. Ich war damals in New York für "Don Giovanni", und die Proben wurden einem ja meistens nicht bezahlt. Also musste man sich selbst darum kümmern, dass man in den 6 Wochen Probenzeit nicht noch nebenbei als Taxifahrer hätte unterwegs sein müssen… deshalb bin ich zum Management gegangen und habe gesagt, dass ich mich ja geehrt fühlte, hier die Donna Anna singen zu dürfen, aber von irgendetwas müsste ich ja auch leben, was sie mir denn noch an Rollen anbieten könnten? Na, was wollen Sie denn singen, lautet dann die Antwort. (Das war wie auf einem Basar!) Ich wieder: Na, was haben Sie denn? Sie wieder: Also, wir hätten hier noch 6mal Musetta in der "Bohème" im Angebot. Darauf ich: Na, das mache ich doch sofort!

KlassikAkzente: …und dann war da also die schicksalhafte Begegnung…?

Edda Moser: … ach was, da kamen erst mal die Proben, und da hat er mich gar nicht beachtet. Ich war ja damals auch so ’ne kleine, in Amerika unbekannte Maus... außerdem kam er immer eine Stunde zu spät! Aber das wussten die da alle schon, waren überhaupt nicht nervös und meinten nur, wenn der Maestro nicht käme, dann würden sie eben erst mal was andres proben… das war damals eben so, Pavarotti war nie pünktlich, auch nicht  Domingo – der war immer nur beim Stierkampf pünktlich, genauso übrigens wie Pilar Lorengar. Jedenfalls war Pavarotti, glaube ich, sowieso nur ein einziges Mal bei den Proben da, hat mich anfangs wie gesagt überhaupt nicht wahrgenommen… und dann kam die erste richtige Probe. Und da kam ich dann plötzlich auf die Bühne getobt, war so schön, mit roten Federn an meinem Kostüm, richtig hübsch und süß… ha!, und auf einmal hat er mich dann auch wahrgenommen, als ich bei meiner Auftrittssarie "Quando m’en vo"  da so herumgetöst bin… von da an war ich dann seine "bella" und er begrüßte mich immer mit "Ciao bella!"…

KlassikAkzente: Dann kommt man sich ja als Sänger doch sehr nahe auf der Bühne… erstirbt man dann quasi vor Ehrfurcht an der Seite eines solchen "Wundertenors"?

Edda Moser: Bei Pavarotti vibrierte immer der ganze Körper, wenn er sang. Er war dann stets ganz Emotion, Strahlen, Charisma… aber ehrlich gesagt: viel haben wir damals nicht miteinander gesprochen, denn er sprach nur italienisch und ich konnte zu dem Zeitpunkt nicht wirklich italienisch sprechen…aber kaum hatten wir die erste Vorstellung hinter uns, ist er dann nach Hamburg gefahren zu einer anderen "La bohème"… und da bekam ich plötzlich einen Anruf vom Management der MET, Herr Pavarotti hätte hier eben anrufen lassen und verlangt, dass ich sofort nach Hamburg kommen solle, um dort auch mit ihm die Musetta zu singen… denn die, die dort mit ihm singen sollte, würde ihm nicht gefallen.

KlassikAkzente: … das war dann ja sozusagen die Wiedergutmachung der Nichtachtung in den Proben…

Edda Moser: Wenn Sie so wollen, ja.  Ich erinnere mich noch, dass er schallend gelacht hat, wie ich da als Musetta auf die Bühne geschossen kam und herumgekreischt habe mit meinem Opern-Verehrer und einfach alle Register gezogen habe… das hat ihm richtig gefallen. Und deshalb wollte er mich eben in Hamburg auch dabei haben.
KlassikAkzente: Das heißt, Sie sind mal kurz über den Großen Teich gejettet, weil Pavarotti das so wollte?
Edda Moser: Nein, nein, das hat dann nicht geklappt. Die MET hat mich nicht rausgelassen, sie singt hier Donna Anna, da kommen solche Extrawürste gar nicht in Frage… aber das hätte ich an deren Stelle auch nicht erlaubt. Aber es war natürlich ein großes Kompliment für mich…

KlassikAkzente: …waren Sie trotzdem traurig, dass es nicht geklappt hat?

Edda Moser: Aber nein, denn da kam dann plötzlich ein Anruf von der Miami Opera, wo die MET gerade auf Tournee war und dann sangen wir eben dort, mit einer Ausnahme, in derselben Besetzung wie an der MET auch die "Bohème"… da hat er sich dann am Strand einen fetten Sonnenbrand geholt und seine Bühnenpartnerin und engste Freundin, Mirella Freni, die in der Produktion die Mimi sang, musste ihn kräftig einschmieren…

KlassikAkzente: …das heißt, man kam auch außerhalb des Opernbetriebs enger miteinander in Berührung in solchen Momenten…

Edda Moser: Schon, man bekommt das dann schon mit, wenn man gemeinsam am Strand liegt… aber er hat mich dann auch nach den Vorstellungen eingeladen, was ich von mir aus nie selbst angesprochen oder gar getan hätte! Aber man saß eben noch zusammen nach den Vorstellungen, und sprach miteinander… wobei die Tenöre nach den Vorstellungen ja nicht sprechen, also haben wir anderen geredet, und Pavarotti hat eisern geschwiegen und zugehört.

KlassikAkzente: Aber gab es da nicht diese Diskrepanz der Bühnenpräsenz zwischen ihnen beiden: Sie als das "Bühnentier" und er viel mehr der statische Sänger?

Edda Moser: Ach, wissen Sie, in solchen Fällen war es natürlich klar, dass sich die Inszenierungen in erster Linie nach den Tenören richtete… an der MET herrschte damals eine solche Ehrfurcht, dass man z.B. – übrigens bis auf den heutigen Tag! – von den Tenören als den "maestri" sprach bzw. spricht… da hieß es dann eben nicht Mr. Pavarotti, sondern Maestro Pavarotti… die Kollegen waren sich da alle einig: der Tenor ist immer das Wundertier. Das waren einfach Respektpersonen. Aber sie waren eben auch wieder nur Menschen…einmal haben wir uns hinter der Bühne der MET vor einer Aufführung umarmt und geherzt und Küsschen verteilt, da bemerkte ich, das die Epauletten auf seinem Kostüm klitschnass waren vor Aufregung und Lampenfieder… und da habe ich eines begriffen: das sich Pavarotti selbst nämlich der größte Konkurrent war. Dabei war er einfach nur ein grandioser Sänger… selbst später noch, als er dann krank wurde… natürlich hat er sich dann am Schluss selber lächerlich gemacht mit seinen schlecht gefärbten Haaren und weil er so fett geworden war, dass er nicht mehr stehen konnte. Aber er hat, wie wir alle, einfach aus Angst gefressen. Nur, wenn er "Che gelida manina" sang, dann konnte man im ganzen Haus, ob hinter der Bühne oder im Zuschauerraum, eine Stecknadel zu Boden fallen hören: alle, vom Portier bis zur Garderobiere hörten einfach zu und erwiesen dem Sänger ihre Reverenz… am Schluss jeder "Bohème"-Aufführung standen alle in den Kulissen, sogar die auf der Bühne!, und haben geheult, wenn er sein "Mimi! Mimi!" so herzzerreißend gesungen hat. Man stand da und es liefen einem die Tränen übers Gesicht.

KlassikAkzente: Glauben Sie eigentlich, dass man heutzutage noch einmal eine solche Karriere machen kann, wie sie Pavarotti gemacht hat?

Edda Moser: Auf  j e d e n  Fall! Wenn man die Stimme dazu hat, ganz klar. Schauen Sie sich den Kaufmann an, das ist für mich der momentan allerbeste unter den Tenören… und was macht der gerade für eine phantastische Karriere!  Es gibt keinen, der dem Kaufmann das Wasser reichen könnte. Weil der ja auch so intelligent ist…

KlassikAkzente: … was man Pavarotti ja nicht unbedingt nachgesagt hat…

Edda Moser: … also man hat immer behauptet, Pavarotti hätte sich die Texte in der Hand oder auf der Manschette notiert, um sie dort abzulesen… aber das kann ich nicht beurteilen. In Salzburg hatte er Idomeneo gesungen und man hat behauptet, dass er sich die Texte an die Bühnenwände geschrieben hätte… das glaube ich nicht. Böse Nachrede gab – und gibt! – es immer, aber wissen Sie, das ist ja nur Neid.

KlassikAkzente: Nun haben Sie ja nicht nur in "La bohéme" mit ihm zusammen gesungen…

Edda Moser: Nein, nein, wir haben zum Beispiel auch in Hamburg "Lucia di Lammermoor" zusammen gemacht. Da hat er ja so gelitten, denn diese Arie am Schluss ist so verdammt schwer. Aber wenn man sich dann einigermaßen kennt, versteht man sich ja auch nur durch Blicke. Man begrüßt sich und dann  hat sich’s. Ich glaube, dass er mich so geschätzt hat, weil ich einfach mühelos gesungen habe. Das war die Wertschätzung, die ich von ihm empfangen habe. Und natürlich waren das Begegnungen, die auch mich geprägt haben.

KlassikAkzente: In welcher Hinsicht hat er Sie geprägt?

Edda Moser: Pavarotti hat mich in meinen Maßstäben, meinen Ansprüchen an Sänger geprägt. In dem Sinne, dass ich mir dann immer gesagt habe: was der kann, in all seiner Professionalität, dass müssen doch auch andere können, abgesehen von der Genialität, die natürlich nicht jedem gegeben ist… aber das Arbeiten, das gemeinsame Singen mit solchen Ausnahmekünstlern, das macht anspruchsvoll. Keine Frage.

KlassikAkzente: Nun haben Sie ja Ihre Erfahrungen außerhalb der "strengen" Klassik in der Operette gemacht, Pavarotti aber ist noch einen Schritt weiter gegangen und hat sich bei "Pavarotti & friends" ganz dem populären Genre verschrieben…

Edda Moser: Ja, aber das war meiner Meinung nach bereits zu dem Zeitpunkt, als das andere nicht mehr so funktioniert hat. Ich fand das alles unnötig… aber das ist meine ganz und gar private Meinung, und Pavarotti war ja nicht der einzige damals, der das gemacht hat. Denken Sie nur an Peter Hofmann… bei dem war es dann umso tragischer, weil ihn danach weder die E- noch die U-Musik weiter ernst genommen hat. Aber warum Pavarotti das gemacht hat… ich weiß es nicht, vielleicht hat es ihm ja einfach nur Spaß gemacht… aber sehen Sie, Musik hat ja auch was mit Erotik zu tun, mit dem Anreizen bestimmter Nerven…und wenn Männer älter werden, dann versuchen sie vielleicht etwas, dass sie nicht mehr zu haben glauben, mit etwas anderem zu kompensieren… vielleicht war das ja der Fall bei Pavarotti. Auf jeden Fall wird er einen Haufen Geld damit verdient haben… nur, ich habe das dann nicht mehr so verfolgt oder überhaupt registriert, weil es mich einfach nicht interessiert hat.

KlassikAkzente: Was bleibt Ihnen von Pavarotti im Ohr?

Edda Moser: Alles, einfach alles. Natürlich sein Timbre, das sehr besonders war und auch immer wieder Gegner und Befürworter gefunden hat. Im Gegensatz zu Corelli oder Domingo hatte Pavarotti ja dieses sehr helle, strahlende Timbre, wie eine Engelstrompete! Aber im Ohr ist mir einfach alles geblieben… seine Phrasierung, seine Spitzentöne, einfach alles.

KlassikAkzente: Für die meisten Menschen verbindet sich der Klang von Pavarottis Stimme vor allem mit dem hohen H in Puccinis "Nessun dorma"-Arie: womit verbinden Sie den Klang seiner Stimme?

Edda Moser: Ich habe ja auch als Liù neben ihm in der "Turandot" gestanden und gesehen, wie er diese Arie singt… das war technisch perfekt, und er hat dabei nie den Mund aufgemacht… das blieb immer ein Mirakel für mich. Wenn ich heute bei meinen Schülern, meinen Tenören merke, dass sie ins Wackeln kommen, dann sage ich ihnen immer: Reißt doch um Himmels willen den Rachen nicht so weit auf, dann klappt das auch mit der Phrase oder dem hohen Ton. Und plötzlich sind die Schwierigkeiten weg und es funktioniert…man muss es natürlich technisch perfekt beherrschen, wie es eben Pavarotti beherrscht hat. Und weil ich während dieser Arie dicht neben ihm gestanden habe, konnte ich das sehr genau beobachten… er hatte einfach immer die perfekte Kontrolle, bewundernswert!

KlassikAkzente: Sie haben also in Ihrer Karriere in drei Opern mit Pavarotti gesungen: "Turandot", "La bohème" und "Lucia di Lammermoor". Hätten es mehr sein können, mehr sein sollen?

Edda Moser: Na klar, aber es hat sich einfach nicht ergeben. Aber das lag wohl auch an meinem übergroßen Respekt vor anderen Partien… die Norma zum Beispiel, die hätte ich problemlos singen können…

KlassikAkzente: Was wäre denn Ihre Traumrolle an der Seite von Pavarotti gewesen?

Edda Moser: Ach, das ist schwer zu sagen, da müsste ich jetzt erst mal nachdenken… aber klar, die Traviata.. das wäre die Traviata gewesen. Wenn Pavarotti seinen Einfluss geltend gemacht hätte, wären wir sicher öfter nebeneinander auf der Bühne gestanden, aber er hatte ja seine "Sandkastenfreundin" Mirella Freni, mit der er häufig aufgetreten ist… und das kann ich auch gut verstehen. Sie war ja wirklich bezaubernd, eine großartige Sängerin und entzückende Person… aber wissen Sie, diese drei Partien an der Seite von Luciano Pavarotti, die habe ich gehabt, die kann mir keiner mehr nehmen.

Luciano Pavarotti: 50 greatest Tracks. Decca, 2 CDs
Edda Moser: "Ersungenes Glück”, Henschel Verlag


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