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07.12.2001

Der Tenor vom großen P.

Luciano Pavarotti, Der Tenor vom großen P.

Die Stimme von Luciano Pavarotti liebt Donizetti, seine Seele Verdi, und sein Publikum ist vernarrt in Puccini. Aber keiner kommt bei der neuen, zehn CDs umfassenden Porträt-Edition zu kurz.

Noch bevor er 20 wurde, hatte er seinen ersten TV-Auftritt. Allerdings weit entfernt von einer Personality-Show: Es handelte sich um eine vom italienischen Fernsehen RAI organisierte Sendereihe, die die Möglichkeiten des neuen Mediums zeigen wollte und dafür Amateuren aller Sparten eine Bühne bot. Luciano Pavarotti sang "Nessun dorma" aus Puccinis "Turandot". "Ein Tenor mit einem sehr jugendlichen Gesicht intonierte lächelnd und mit großer Leichtigkeit die ersten Phrasen", berichtete Leone Magiera von der ersten Begegnung mit seinem späteren Schüler Pavarotti. So begann die Karriere des Luciano Pavarotti - nicht die des Sängers, der sein Operndebüt erst mit 26 gab, sondern die beeindruckende Laufbahn des medialen Tausendsassas.

 

Heute wünschen sich viele, das Fernsehen wäre eher am 29. April 1961 im Theater von Reggio Emilia zur Stelle gewesen, als Pavarotti zum ersten Mal in einer Solorolle auf der Opernbühne stand. Schlank und muskulös - schließlich dribbelte und kickte er den Fußball, lange bevor er zu singen begann - wärmte er an diesem Abend zum ersten Mal als Rodolfo in Puccinis "La bohème" das eiskalte Händchen von Mimì. Und allen Anwesenden mehr als die Hände. Als leidenschaftlich liebender Rodolfo, dem die schwindsüchtige Geliebte unter der Hand wegstirbt, hatte Luciano Pavarotti zwar nicht allzu viel zu lachen. Aber beim Schlussapplaus grinste er schon damals mit der noch heute vollendet blitzenden Perlenreihe, die jeden Zahnarzt stolz machen würde, von der Bühne.

 

Noch im selben Jahr nahm Pavarotti zwei Verdi-Rollen ins Repertoire, die ihn für Jahre begleiteten: Er debütierte in "La traviata" und zeigte einen verliebten Alfredo, der jung und wach neben der glamourösen Violetta durchaus bestehen konnte. Mehr noch identifizierte man Pavarotti mit seiner Rolle des Herzogs in "Rigoletto". Er sah gut aus in den Kostümen des Renaissance-Duca, aber vor allem waren Verdis Arien genau das Richtige für den jungen lyrischen Tenor. Eine Herausforderung, aber keine Überforderung. Obwohl er immer damit rechnen musste, dass sich das Publikum eine Wiederholung von "La donna è mobile" erklatschte.

 

Er hätte stolz und zufrieden sein können, neben La Stupenda auf der Bühne zu stehen. Stattdessen beobachtete er minutiös Sutherlands Atemtechnik. "Sie ist eine fantastische Kollegin. Sie hat mich dazu gebracht, das ganze Thema Atmung noch einmal neu zu überdenken", erzählte er anschließend seinem Lehrer und Pianisten, Leone Magiera. Das war es, was die Amerikaner an ihm von Anfang an liebten: Er hörte nie auf, der Welt mit Neugier zu begegnen. Voller Begeisterung, extrovertiert und spontan gewann er sein Publikum von San Francisco bis zur New Yorker MET.

 

Das italienische Fernsehen hätte natürlich auch jenen berühmten Abend des 2. Juni 1966 in der Londoner Covent Garden Opera aufgezeichnet, als Pavarotti gemeinsam mit Joan Sutherland in Donizettis "Regimentstochter" als französisch singender Tiroler auf der Bühne stand. Im Saal waren Mitglieder des Königshauses, aber das hinderte keinen der Zuschauer nach der Arie "Pour mon âme" in euphorisches Trampeln und Johlen auszubrechen. Bis dahin kannte man die "Regimentstochter" als eine Sopranoper. Aber Pavarotti stahl an diesem Abend selbst der Sutherland die Show. Die Arie des Tonios mit ihren neun hohen C hatte selten jemand mit so viel Glanz, Elan und Charme zugleich gesungen. Erst 20 Minuten später konnte die Opernaufführung fortgesetzt werden. Wer bis dahin noch gezweifelt hatte, ob sich dieser Tenor auch außerhalb des heimischen Italien bewähren würde, wurde mit einem Schlag eines Besseren belehrt. Quasi über Nacht etablierte sich Pavarotti mit der "Regimentstochter" als einer der ganz Großen im internationalen Showbusiness.

 

Für sein Debüt bei den Salzburger Festspielen stand er wieder als Rodolfo in der "Bohème" auf der Bühne. Seine Mimì war diesmal eine alte Freundin, Mirella Freni, die wie er aus Modena stammte. Es dirigierte Herbert von Karajan und als man in dieser Besetzung auch ins Studio ging, entstand eine Aufnahme, die bis heute herausragend ist. Aus dieser Zeit stammt auch die Einspielung von Verdis "Luisa Miller" mit Montserrat Caballé. Aber die vielleicht noch größere Sensation ist die Tatsache, dass der Name Pavarotti gleich zweimal auftaucht: "Ein Landmann", eine winzige Rolle, die erst ganz am Schluss ihren Auftritt hat, wurde von Fernando, Lucianos Vater, gesungen. Luciano Pavarotti erzählte natürlich auch in seiner Autobiografie (My Own Story, New York 1981), dass er sonntags in Modena mit dem Vater vor dem Radio hing und die Arien der großen Tenöre hörte und wie toll der Vater selbst gesungen habe. Jenseits familiärer Schwärmerei erinnerte sich aber auch Dirigent Richard Bonynge an einen Abend, als Fernando Pavarotti in einem Restaurant aufstand, sang und "einen wunderbaren Klang" hören ließ, vollendet mit einem hohen C. Luciano Pavarotti ist ein echter Familienmensch und diese Familie kann gelegentlich sehr groß werden.

 

"Pavarotti stahl an diesem Abend selbst der Sutherland die Show."

 

Einmal im Jahr lädt er Freunde und Bekannte aus dem Pop- und Showgeschäft zu einem Riesenbenefizkonzert in seine Heimatstadt Modena ein und lässt anschließend den Klingelbeutel für die Kinderhilfsorganisation "War Child" kreisen. Millionen sind über die Jahre zusammengekommen und haben unter anderem das "Pavarotti Music Center" in Mostar ermöglicht, in dem Kinder Instrumente spielen, Musiktherapie erhalten und, wie Pavarotti mit seinem Vater, gemeinsam im Chor singen.

 

Selbst Pavarottis Leinwanddebüt scheint auf Jugendträume zurückzugehen. Als Teenager sah Luciano Mario Lanza in "The Great Caruso" und war tief beeindruckt. 1982 spielte Pavarotti in "Yes, Giorgio" mehr oder weniger sich selbst. Aber die eigentlich dürftige Geschichte eines Opernsängers, der sich in seine HNO-Ärztin verliebt, hatte auf jeden Fall einige der schönsten Arien von Verdi, Donizetti und Puccini für sich. Trotzdem fragte mancher Opernfan: Was treibt einen Sängerstar auf dem Höhepunkt der Karriere zu nervenaufreibenden Filmarbeiten? "Das Bewusstsein, dass man so etwas von ihm wollte, ja verlangte - eine Mischung aus Pflicht, Ehrgeiz und echtem Vergnügen: rauszugehen und die Leute in ihrem tiefsten Inneren zu erreichen", erklärt es J. B. Steane. Kaum einer hat das so perfekt erreicht wie Pavarotti im Trio mit seinen Tenorfreunden Plácido Domingo und José Carreras. Dass dabei immer auch die populären italienischen Arien ihren Platz bekamen, dafür sorgte der Belcanto-Botschafter und leidenschaftliche Vermittler italienischer Sangeskunst. Und die Millionen von Zuschauern im Londoner Hyde-Park, im New Yorker Central Park oder in den Caracalla-Thermen von Rom feierten einen Künstler, der mit Stil selbst Gassenhauer zu adeln versteht.


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