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07.02.2007

Der Flow der Dinge

Ludovico Einaudi, Der Flow der Dinge

Es begann im Jahr 2002. Die Organisatoren des Festivals "I Suoni delle Dolomiti" gaben bei Ludovico Einaudi eine Komposition in Auftrag. Sie sollte auf einem Hochplateau in den Bergen aufgeführt werden, eine ungewöhnliche Atmosphäre und genau das Richtige für den Meister der Stimmungen. Eine Suite für Klavier, zwei Harfen und Orchester entstand, inspiriert von drei Gemälden zu den Themen Natur, Leben und Tod des Schweizer Künstlers Giovanni Segantini aus dem 19. Jahrhundert. Die Premiere vor dem faszinierenden Panorama wurde für Einaudi und sein Publikum zu einem faszinierenden Erlebnis an der Schwelle von Emotion, Intuition und der besonderen Einheit des Einzelnen mit der Welt um ihn herum.

Es war ein Erleben des Flows und es brachte den Künstler auf die Idee, dieser Einheit auch in seinem bisherigen Werk nachzuforschen. Schritt für Schritt entstand die Vorstellung eines Albums, das zum einen den Lebenszyklus im weiteren Sinne, auf der anderen Seite aber auch das Moment des Unerwarteten, des Grenzüberschreitenden in Klänge fasst. Einaudi machte sich an die Arbeit, fand Partner im Royal Liverpool Orchestra  und dessen Crossover erfahrenen Leiters Robert Ziegler, der schon mit David Gilmour (Pink Floyd) und Jonny Greenwood (Radiohead) gearbeitet hatte. So entstand "Divenire".

Ludovico Einaudi mag keine stilistischen Schubladen. Als Minimalisten allerdings darf man ihn bezeichnen. Das habe für ihn mit Begriffen wie Offenheit und Eleganz zu tun und die wiederum verstehe er als Kompliment. Denn er komponiere seine wirkungsvoll reduzierten Melodien nicht aus Prinzip, sondern aus Überzeugung. Einaudis musikalische Welt ist von einem Bedürfnis nach Klarheit und Verständlichkeit geprägt, das seine Kraft aus der Schlichtheit bezieht. Das hat er von seinem Lehrer Luciano Berio gelernt, auch wenn er schließlich einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat, als sein früherer Mentor. Probiert hat er jedenfalls einiges. Im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte ist Einaudi mit vielen berühmten Persönlichkeiten der klassischen Moderne zusammengetroffen. Wenn man so will, wurde ihm die kulturelle Laufbahn in die Wiege gelegt, denn er stammt aus einer der einflussreichsten Familien Italiens. Geboren 1955 in Turin, wuchs er zwischen Politikern und Künstlern, Medienschaffenden und Autoren auf. Sein Großvater Luigi war Italiens erster Staatschef nach dem zweiten Weltkrieg, der andere Großvater legte als Komponist und Dirigent viel Musik in die Waagschale. Das von der Familie gegründete Verlagshaus Einaudi wiederum gehört bis heute zu den wichtigen Institutionen des literarischen Lebens im Lande.
 
Der kleine Ludovico kam daher schon in Kinderjahren mit Persönlichkeiten wie Italo Calvino zusammen und in der Bildersammlung seines Vaters fand man Popart-Künstler, bevor der Rest der Welt wusste, wer eigentlich Andy Warhol war. Diese freigeistige Stimmung übertrug sich auf den Pubertierenden, der seine künstlerische Liebe allerdings nicht in Schrift und Sprache fand, sondern in der Musik. Wochenlang spielte er auf seiner Gitarre, versunken in eine Welt der Klänge, die ihm mehr und mehr magisch vorkam. Daher entschloss er sich, Musik zu studieren, schrieb sich am Verdi-Konservatorium in Mailand ein und schaffte es über ein Stipendium, am Tanglewood Music Center in Massachusetts studieren zu können. Er traf auf Komponisten wie Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio, als dessen Assistent er mehrere Musik- und Theaterproduktionen begleitete. Das Resultat dieser engen Zusammenarbeit war Einaudis Beschluss, eben nicht den Weg der komplexen Tonschichtungen und Konstruktionen zu gehen, sondern sich vielmehr der Einfachheit zu widmen. Erste Erfolge feierte er zunächst als Filmkomponist. Nachdem er 1988 für Andrea De Carlos "Das große Geld" einen hoch gelobten Soundtrack geschrieben hatte, folgte in den kommenden Jahren ein weiteres Dutzend ähnlicher Projekte, mit denen sich Einaudi einen hervorragenden Ruf als Spezialist für Atmosphären erarbeitete.
 
Dazu kamen von Mitte der 90er Jahre an seine Solo-Klavierprogramme, die er auch selbst als Künstler in die Welt trug. Stilistisch orientiert er sich an Kollegen wie Ryuichi Sakamoto, Philip Glass, Didier Squiban oder auch Erik Satie und deren feinsinnigen Meditationen mit Esprit und Emotion. So entstanden Alben wie Le Onde, das 1998 den Weg in die britischen Pop-Hitparaden fand, aber ebenso von den Spezialisten des Genres als Meisterwerke der Ausgewogenheit gefeiert wurde. Einaudi suchte unermüdlich nach neuen Klängen, etwa in Duoprojekten mit dem Kora-Virtuosen Ballaké Sissoko aus Mali, den Electronic-Freaks von To Rococo Rot oder Djivan Gasparian und seiner Duduk. Nach dem Decca-Debüt Una Mattina (2004) war für ihn der Schritt zu "Divenire" nur konsequent. Einaudi erweiterte sein Solo-Konzept um Eindrücke aus seinen anderen Projekten, integrierte behutsam Loops und elektronische Klangeffekte, kontrastierte sie zu orchestralen Passagen etwa aus der ursprünglichen Dolomiten-Suite, zu solistischen Momenten und modernen Nocturnes wie "Ritornare", das Shane Meadows für seinen unlängst auf Festivals gefeierten Film "This Is England" (2006) entlieh. So entstand ein vielfarbiges Selbstportrait in zwölf Kapiteln, das die klanggestalterischen Kompetenzen Einaudis suitenhaft verdichtet und zugleich eine Offenheit und Harmonie ausstrahlt, die über die alltägliche musikalische Welt weit hinausreicht. 
 
Tourneedaten Ludovico Einaudi:
 
21.05.07  Berlin, Babylon
22.05.07  Hamburg, Laiszhalle
23.05.07  Mainz, Frankfurter Hof
24.05.07  Karlsruhe, Tollhaus


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