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30.08.2006

Madeleine Peyroux - Half The Perfect World

Madeleine Peyroux, Madeleine Peyroux - Half The Perfect World

Madeleine Peyroux interpretiert nicht einfach Songs, sie nimmt sie in Besitz... und wird von ihnen in Besitz genommen. Das zeigte sich schon 1996, als sie ihr Debütalbum "Dreamland" herausbrachte, ein bemerkenswert cleveres Werk, auf dem die damals 22jährige Sängerin Klassiker von Billie Holiday, Bessie Smith und Patsy Cline in einer derart souverän-lässigen Manier interpretierte, als wäre sie selbst eine Zeitgenossin dieser legendären Künstlerinnen gewesen. Und mit ihrer Interpretation von Edith Piafs "La vie en rose" reflektierte die in Georgia geborene Peyroux die Zeit ihrer Adoleszenz, die sie in Paris verbracht hatte - sie lebte dort von ihrem dreizehnten bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahr. In den zehn Jahren, die seitdem verstrichen sind, hat sie sehr viel Lebenserfahrung gesammelt, die sie in ihre künstlerische Arbeit einfließen lassen konnte. Den Beweis dafür erbrachte sie schon 2004 mit ihrem zweiten Album "Careless Love" und nun noch mehr auf ihrem neuesten Werk "Half The Perfect World".

"Half The Perfect World" wurde einmal mehr in fantastischer Weise von Larry Klein produziert und ist sowohl eine Ergänzung als auch ein Kontrapunkt zu seinem Vorgänger "Careless Love", der sich weltweit über eine Million Male verkaufte. "Dieses Album unterscheidet sich von 'Careless Love' schon insofern, als hier eine freudige Grundstimmung herrscht", meint Peyroux über ihr neues Opus. "Es eröffnet mir gewisse neue Horizonte."

Während die mittlerweile 32jährige Peyroux bei ihren ersten beiden Alben vorwiegend auf das Material von Songwritern und Sängern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgriff, stammt der größte Teil der Songs von "Half The Perfect World" von zeitgenössischeren Künstlern wie Leonard Cohen, Tom Waits, Fred Neil und Joni Mitchell. Der Schlüssel zum Erfolg dieses Album ist einmal mehr Peyroux' Geschick bei der Auswahl der Songs: Es scheint, als wären sie ihr eigens auf den Leib geschrieben worden. Nicht weniger wichtig ist aber auch ihr eigenes Songwriting-Talent, das kontinuierlich weiterreift: Für "Half The Perfect World" schrieb sie mit einigen Partnern vier Stücke, die sich nahtlos in das musikalische Gesamtbild des Albums einfügen. Gemeinsam mit Larry Klein und Steely Dans Walter Becker verfaßte sie die Eröffnungsnummer des Albums, das wunderbar eingängige "I'm All Right". Die anderen Originale schrieb sie im Team mit Jesse Harris und Larry Klein, das auch schon für den Single-Hit "Don't Wait Too Long" von "Careless Love" verantwortlich gezeichnet hatte. Abgerundet wird das Album durch Interpretationen von Standards, die aus den Federn von Johnny Mercer, Charlie Chaplin und Serge Gainsbourg stammen.

"Diese Liebeslieder sind allesamt extrem persönlich", merkt Peyroux an, "und ermöglichten mir so, sie auf eine sehr intime Weise zu interpretieren." Viele der Songs dieses Albums beschäftigen sich mit romatischen Beziehungen und betrachten diese meist aus einer dezidiert weiblichen Perspektive.

Das neue Album spiegelt auch Peyroux' gewachsenes Selbstvertrauen wider. Dieses ist sicherlich nicht zuletzt ein Resultat der engen Zusammenarbeit mit dem Produzenten Larry Klein und den Musikern ihrer Begleitband (Gitarrist Dean Parks, Bassist David Piltch und Schlagzeuger Jay Bellerose), die sie vor zwei Jahren bei den Aufnahmen für "Careless Love" begann. Auf "Half The Perfect World" gesellen sich zu dieser Kernband außerdem noch Keyboarder Sam Yahel, Drummer Scott Amendola und so exzellente Gastmusiker wie Saxophonist Gary Foster, Pedal-Steel-Gitarrist Greg Leisz, Trompeter Till Brönner und Larry Goldings, der diesmal Celesta spielt.
"Auf diesem Album unternehme ich in jedem Song einige gewagte Sprünge. Das liegt teilweise daran, daß diese Stücke ganz anders sind, als die, die ich zuvor aufgenommen habe", meint Peyroux. "Dadurch daß ich mit einem Team von Musikern zusammenarbeitete, die ich schon kannte und von denen ich bereits wußte, wie großartig sie sind, konnte ich den Songs die Tiefe geben, die diese Sprünge wiederum erst ermöglichte. Die Intensität der Zusammenarbeit und die Selbstdarstellung aller Musiker untereinander ist es, die die Essenz dieses Albums definiert."

Das Album enthält jede Menge sublimer Momente. Das von Leonard Cohen und Anjani Thomas geschriebene "Blue Alert" ist ein psychologisch komplexer und erotisch aufgeladener Song, bei dem Madeleine Peyroux den aus männlicher Sichtweise geschriebenen Text beibehielt. Die dadurch entstandene Verschlingung der Geschlechter "gibt dem Lied eine Tiefe, die es ansonsten wohl nicht hätte", meint Peyroux. Mit der Duett-Partnerin k.d. lang gibt Madeleine Peyroux auch Joni Mitchells Klassiker "River" einen völlig neuen Dreh. Und bei Charlie Chaplins "Smile" wirft Till Brönners gedämpfte Trompete einen kunstvollen Schatten auf Peyroux' Stimme. Zwei absolute Höhepunkte des Albums sind der Serge-Gainsbourg-Standard "La javanaise" und der von Madeleine selbst verfaßte Song "Once In A While", für die Mark Orton ergreifende Streicherarrangements schrieb.

"Half The Perfect World" ist ein Album, auf dem die Zeit still zu stehen scheint. Es steckt voller Darbietungen, bei denen die Pausen zwischen den Klängen mindestens genauso viel Bedeutung haben wie die Klänge selbst. "Stille", philosophiert Peyroux, "ist nicht nur die Abwesenheit von Klang." Larry Klein unterstreicht diese Aussage, wenn er auf Peyroux' besondere Talente zu sprechen kommt: "Sie schafft eine nahezu unbeschreibliche Art von Poesie. Etwas Ähnliches findet man in Picassos Werken oder auch im Spiel von Miles Davis. Ich würde sagen, daß 90 Prozent von dem, was sie tut, nur Andeutung ist."

Liebhaber eloquenten Understatements werden von Madeleine Peyroux hervorragend bedient. Während "Half The Perfect World" einerseits ein schlagender Beweis für die außergewöhnliche Suggestionskraft dieser Sängerin und Songschreiberin ist, gewinnt man anderseits den Eindruck, daß auch das neue Album - bei all seiner Klasse - doch nur die Spitze des Eisbergs offenbart. Von Madeleine Peyroux darf man in Zukunft getrost noch eine Menge Meisterwerke erwarten.


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