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27.03.2002

"Sie können mich mitten in der Nacht aufwecken - ich weiß, was ich singen muss."

Magdalena Kozena, Sie können mich mitten in der Nacht aufwecken - ich weiß, was ich singen muss.

Magdalena Kozená präsentiert auf ihrer neuen CD "Le belle immagini" Arien von Mozart, Gluck und Josef Mysliveãek, einem tschechischen Zeitgenossen Mozarts. Samtig, frisch und fließend schwebt ihre Stimme über dem Orchester. Eine Edelstimme im Aufwind. KlassikAkzente traf die Mezzosopranistin in Paris.

KlassikAkzente: Auf Ihrer aktuellen CD zeigen Sie sich mit völlig unbekannten Arien und wohl bekanntem Repertoire ...

 

Magdalena Kozená: Ich wollte mit meiner neuen CD unbedingt etwas machen, was mit meiner Heimat Tschechien und meinen Wurzeln dort zu tun hat. Musikalisch steht für mich bei der Aufnahme die Musik meines Landsmannes Josef Myslivecek im Vordergrund, einem Mozart-Zeitgenossen. Leider ist er selbst in Tschechien kaum bekannt, steht jedenfalls weit hinter Gluck oder Mozart zurück, die ja beide auch auf der CD zu hören sind. Ich begann mich mit dem verborgenen Schaffen von Myslivecek zu beschäftigen und fand heraus, dass er fast 20 Opern geschrieben hat. Einige Arien kannte ich bereits, sie sind sehr schön. Es ist nicht leicht, an seine Musik heranzukommen, weil sie praktisch nicht gedruckt wurde oder nicht erhalten ist. Es gibt einen alten Dirigenten in Brünn, der bereits eine Menge zu Myslivecek zu Tage gefördert hat, darauf konnte ich aufbauen.

 

Ich denke, die Kombination auf "Le belle immagini" ist gelungen, denn Myslivecek und Mozart waren nicht nur Zeitgenossen, sie waren auch eng befreundet. Mozart besuchte seinen Kollegen, dessen Kompositionen er gut kannte, wie wir aus Briefen wissen, als dieser schwerkrank in München im Krankenhaus lag. Es sind mehrere Briefe von Mozart an seinen Vater Leopold erhalten, in denen er voller Bewunderung von dessen Kompositionen schwärmt.

 

Und der Dritte im historischen Bunde ist Christoph Willibald Gluck, den ich zu Myslivecek in Beziehung setze, da er in Böhmen aufwuchs, dem heutigen Tschechien. Es sind also aus einer bestimmten Perspektive alle drei Komponisten auf "Le belle immagini" im Wirkungskreis von Prag zu sehen. Vor allem die frühen Arien Mozarts sind vergleichbar mit Myslivecek. Ich will aus ihm nicht ein ebenso einmaliges Genie machen, wie Mozart eines war. Aber es gibt durchaus wunderbare, hörenswerte Musik von ihm, und vor allem Arien, die man im Gegensatz zu denen Mozarts noch nicht kennt. Zu guter Letzt habe ich die CD in Prag mit einem Prager Orchester aufgenommen, der Dirigent war ... erraten: aus Prag! Auch die Fotos von mir wurden in Prag gemacht. (lacht)

 

KlassikAkzente: Bereits auf Ihrer letzten CD hatten Sie Repertoire eines Landsmannes gewählt, der zum ersten Mal von der Deutschen Grammophon aufgenommen wurde: Bohuslav Martinu.

 

Magdalena Kozená: Ja, ich war überrascht, das zu hören. Ich mag tschechische Musik, weil ich Tschechin bin, es macht mir wahnsinnig viel Spaß und ist eine Ehre für mich, diese Musik für die Deutsche Grammophon aufzunehmen. Für die meisten ist diese Musik neu, und jeder ist positiv überrascht, was ihm bisher mit dieser Musik entgangen ist. Jeder mag die Arie des "Cherubino" aus Mozarts "Figaro", aber unbekanntes Repertoire, das eigentlich jahrhundertealt und für uns doch neu ist, kann viel spannender sein.

 

KlassikAkzente: Eigentlich war ein kleiner Unfall Schuld an ihrer Gesangskarriere ...

 

Magdalena Kozená: Ich habe mir als junges Mädchen beide Hände gebrochen, als ich gerade kurz vor den Abschlussprü-fungen am Konservatorium stand. Damals wollte ich eigentlich Pianistin werden. Das war irgendwie ein Zeichen für mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen als Musik. Seit meiner frühesten Kindheit sang ich im Kinderchor und spielte sehr viel Klavier. Ich hätte damals aber nie an eine Gesangskarriere gedacht. Meine Stimme entdeckte ich erst viel später. Dieser kleine Unfall war dann der Anlass, um zu sagen: "Okay, ich versuche mich jetzt als Sängerin." Damals war ich ungefähr 14 Jahre alt. Als meine Hände wieder verheilt waren, studierte ich zunächst beides, Klavier und Gesang - damals sehr ungewöhnlich, ich war eine Ausnahme. Während meines Studiums merkte ich dann in zunehmendem Maße, dass Singen für mich etwas Natürliches geworden war. Ich fühle mich besser mit meiner Stimme als meinem Instrument, als mit dem Klavier. Wenn du singst, bist du in direktem Kontakt mit dem Publikum, du siehst die Menschen an. Am Klavier hingegen bist du allein. Du starrst auf die Tasten, das Publikum rechts neben Dir. Viele berühmte Pianisten hassen es, dem Publikum in's Auge sehen zu müssen. Sie vergessen die Menschen, die ihnen zuhören, leben auf der Bühne isoliert in ihrer eigenen, musikalischen Pianisten-Welt. So bin ich nicht, ich brauche das Publikum, um etwas entstehen zu lassen, Spannung aufzubauen. Ich brauche den direkten Draht zu den Menschen, für die ich singe.

 

KlassikAkzente: Wurde Ihnen die Musik in die Wiege gelegt?

 

Magdalena Kozená: Meine Eltern waren Wissenschaftler. Meine Mutter ist Biologin, mein Vater war Physiker, er starb, als ich elf war. Ich fing früh an, alle möglichen Geräusche aus Radio und Fernsehen mit der Stimme zu imitieren, und ich begann eigentlich zu singen, bevor ich richtig sprechen konnte. Als ich drei Jahre alt war, nahm mich meine Mutter mit in den Kindergarten. Dort hörte ich eine Frau Klavier spielen. Ich verliebte mich sofort unsterblich in den Klang und machte mit kindlicher Vehemenz deutlich, dass ich Pianistin werden möchte. Aber es dauerte noch, bis ich sechs Jahre alt war. Erst dann trat ich in den Chor ein und bekam ein Klavier und meinen ersten Unterricht. Eigentlich recht spät, aber ich begann sehr natürlich und nur aus eigenem Antrieb, das Instrument kennen zu lernen.

 

KlassikAkzente: Und diese Natürlichkeit haben Sie sich offenbar bis zum Ende des Studiums und bis heute bewahrt. Noch während der Konservatoriumszeit gaben Sie Ihr Debüt.

 

Magdalena Kozená: Als ich 21 war, im letzten Jahr meines Studiums, gewann ich in Salzburg einen Preis. Dadurch erhielt ich ein Engagement an der Wiener Volksoper, das war der Start meiner Karriere.

 

KlassikAkzente: In Wien haben Sie dann Erfahrung mit dem Genre "Operette" gemacht ...

 

Magdalena Kozená: Ja, in "Gräfin Mariza"!

 

KlassikAkzente: Viele junge Sänger machen heute gern einen Bogen um dieses Repertoire ...

 

Magdalena Kozená: Auch für mich war es nicht wirklich das Wahre. Aber vielleicht war ich zu jung, ich kam mir damals furchtbar albern vor, diese Werke zu singen. Ich habe mit diesen Nebenrollen viel gelernt, aber ich war zu ungeduldig, um mich lange damit zufrieden zu geben. Mein tschechischer Agent fand damals einen Sponsor für eine CD-Produktion, und wir beschlossen, eine CD nur mit Werken von J. S. Bach aufzunehmen. Wir hätten nie geglaubt, damit Erfolg zu haben. Aber über verschiedene Kanäle fiel die CD einem Ex-Direktor von Archiv-Produktion, einem Label der Deutschen Grammophon, in die Hände. Er stellte mich Marc Minkowski und John Eliot Gardiner vor. So wurde ich dann wirklich "entdeckt". Marc Minkowski war der erste große Dirigent, mit dem ich gearbeitet habe. Die erste Rolle, die er mir gab, war in Glucks "Armide". Seitdem engagiert er mich regelmäßig. Wir haben die gleiche musikalische Wellenlänge.

 

KlassikAkzente: Was machen Sie in den letzten Augenblicken vor dem Konzert? Gibt es da bestimmte Rituale, Gebete?

 

Magdalena Kozená: Ich glaube nicht an solche Dinge. Ich bin ein realistischer Mensch. Ich muss an mich selbst glauben, wenn ich auf die Bühne gehe. Mein Gebet heißt: gut vorbereitet sein. Einige Sänger nehmen das lockerer, erfinden Worte, wenn sie den Text vergessen. Ich bin Perfektionistin. Sie können mich mitten in der Nacht aufwek-ken und nach bestimmten Textpassagen fragen, ich weiß in jeder Lebenslage, was ich singen muss. Deshalb bin ich während der Aufführung völlig entspannt.


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