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07.01.2005

Leid und Freud

Magdalena Kozena, Leid und Freud

Als Magdalena Kozená ihr erstes Album mit Arien von Johann Sebastian Bach veröffentlichte, stand sie noch am Anfang ihrer Karriere. Trotzdem wurde der jungen Mezzosopranistin aus Tschechien bereits ein Gespür für die Musik des barocken Meisters bescheinigt, das weit über das geläufige Verständnis der Epoche hinausreichte. Im Abstand von acht Jahren wendet sie sich nun erneut der Musik Bachs zu, allerdings unter anderen Prämissen. Denn Lamento ist ein Programm mit Arien rund um den Komponisten herum, das sie gemeinsam mit dem führenden Spezialisten dieses Fachs Reinhard Goebel erarbeitet hat. Und das eine durchaus vielschichtige Sicht auf die barocke Gestaltungskunst zulässt.

Aus heutiger Perspektive erscheint manches makaber, was das 17. und frühe 18.Jahrhundert an Kunstwerken hervorgebracht hat. Man denke nur an die grotesken Totentänze, bei denen Knochenmänner die in voller Blüte ihres Lebens stehenden Menschen bei der Hand nahmen. Oder auch die finstere Lyrik, mit der etwa ein Andreas Gryphius Licht und Schatten der irdischen Existenz nebeneinander stellte. Gewohnt, aus rationalistischer Perspektive Phänomene wie Tod und Vergänglichkeit an den Rand der Alltagserfahrungen zu drängen, wirken solche Darstellungen fatalistisch, wenn nicht gar morbide. Doch die Menschen des Barocks empfanden anders. Sie hatten Katastrophen wie den 30jährigen Krieg erlebt, der Mitteleuropa so nachhaltig entvölkerte wie zuvor nur die Pest im Mittelalter. Sie hatten viele Ungerechtigkeiten ertragen, sahen im Verweis auf das Jenseitige nicht das Ende, sondern auch die Hoffnung, und waren sich der eigenen Endlichkeit wie auch der Lebensfreude nur umso bewusster. Diese Erfahrung war universell und galt auch für die Musik. Magdalena Kozená machte daher eine überraschende Entdeckung, als sie zusammen mit Reinhard Goebel sich der Vorbereitung ihres Lamento-Projektes widmete: "Diese CD ist wirklich sehr optimistisch. In den Stücken geht es zwar immer darum, wie schrecklich es auf dieser Erde ist, aber sie preisen auch die Herrlichkeit des Jenseits. Überall ist die Botschaft der Hoffnung präsent". Denn Leid und Freud liegen eng beieinander, sie sind zwei Seiten einer Medaille und machen das Leben in seiner Gesamtheit erst aus.

So wurde auch Lamento eine im Kern zärtliche, fröhliche Zusammenstellung, die aus genau diesem Wechselspiel der Gefühlslagen ihre Kraft bezieht. Und sie wurde von Goebel und Kozená bewusst kontrastreich konzipiert. Im Mittelpunkt steht Bachs wunderbare Kantate für den sechsten Sonntag nach Trinitatis "Vergnügte Ruh', beliebte Seelenlust" BWV 170, die in sich bereits die Spannung in der ungewöhnlichen, modern erscheinenden Harmonik und Melodik wachsen lässt und die Sängerin in jeder Hinsicht fordert: "Wenn man Bach singt, sollte es wirklich von innen kommen. Es darf nicht oberflächlich sein. Bachs Musik verträgt diese künstlichen Effekte überhaupt nicht, die man bei anderen Barockkomponisten einsetzen kann. Natürlich singe ich auch gerne Händel. Es macht einfach Spaß zu zeigen, wie schnell, lautstark, hoch oder tief man singen kann. Aber bei Bach geht es um etwas anderes, es geht um innere Wahrheit". Er ist der Meister seines Fachs und doch hat er zahlreiche Zeitgenossen und Verwandte, deren Werke gerade im Miteinander ihre Wirkung entfalten können. Kozená stellt der Kantate daher Kompositionen des Cousins von Bachs Vater Johann Christoph Bach ("Ach, dass ich Wasser's genug hätte"), von den Söhnen Carl Philipp Emanuel ("Selma"), Johann Christoph Friedrich ("Die Amerikanerin") und von Francesco Bartolomeo Conti ("Languet Anima Mea") zur Seite. So entsteht ein kontemplatives, getragenes, zugleich aber inwendig schönes Programm, das die Sängerin gemeinsam mit Reinhard Goebel und den ausgezeichneten Musikern der Musica Antiqua Köln in aller Pracht zu gestalten verstehen und das genau die Stimmung trifft, die die vorösterliche Zeit im Jahreskreislauf verträgt.


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