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22.08.2007

Szenen des Barocks

Magdalena Kozena, Szenen des Barocks

Manchmal kann es sinnvoll sein, die Schönheit zu vergessen. Denn beim Singen geht es um Emotionen, um den unmittelbaren Ausdruck von Leidenschaft und Gefühlen, und die haben auf der Opernbühne wie im richtigen Leben nur selten mit Reinheit und Makellosigkeit zu tun. "Als ich begann, mit dem Dirigenten Marc Minkowski zu arbeiten", erinnert sich die Mezzosopranistin Magdalena Kožená an eine wichtige Lektion zum Thema Ausdruck, "lernte ich, wie wirkungsvoll es sein kann, hässlich zu singen. Er sagte: 'Ich möchte, dass es furchterregend klingt, wenn du Wörter wie Tod oder Hass singst". Seitdem hat sie kontinuierlich das Repertoire ihrer Interpretationsfacetten erweitert und zählt inzwischen zu den tonangebenden Solistinnen ihres Fachs. Die Voraussetzungen waren daher gut, sich nach dem Erfolg ihres Mozartalbums nun einem barocken Virtuosen der dramatischen Gestaltung zuzuwenden. Mit "Ah! Mio Cor" zieht Magdalena Kožená ihren Hut vor Georg Friedrich Händel.

Das Grab von Georg Friedrich Händel (1685-1759) liegt in London in Westminster Abbey, gleich neben den wichtigsten Männern, die das britische Empire erlebt hat. Das sagt bereits viel über die Wertschätzung, die der zugewanderte Komponist in seiner englischen Wahlheimat bereits zu Lebzeiten erfuhr. Zwar vergaß man ihn bald darauf bis ins 20. Jahrhundert, um seine Werke dann allerdings umso euphorischer wieder zu entdecken. Schließlich hatte Händel einiges bewirkt. Mit dem frühen Tod Herny Purcells (1659-95) endete eine kurze Zeit musikalische Blüte im englische Kulturleben. Eine ganze Weile folgte kaum etwas Eigenständiges, obwohl das Bedürfnis zumindest nach Unterhaltung durchaus vorhanden war. Vor allen die Oper als Mischung von Bühnenausstattung, Dichtung, Gestik, musikalischer Interpretation und gesellschaftlichem Ereignis hatte im Londoner Bürger- und Hofleben einen festen Platz. Da es jedoch keine englischen Komponisten von Rang gab, musste man die Werke importieren, italienische Singspiele vor allem mit ihrer damals typischen und leicht verständlichen Form. Gegen solche burleske Konkurrenz musste Georg Friedrich Händel  antreten, als er 1710 in London ankam und begann, erste Opern zu veröffentlichen und zu inszenieren.
 
Er machte seine Sache gut, rief 1719 die Royal Academy of Music ins Leben, ein groß angelegtes Unternehmen, das vom König und von einigen Adeligen unterstützt wurde. So hatte er ein Forum, seine Opern zu präsentieren und avanciert bald zum meist geschätzten Komponisten im England dieser Jahre. Die Opernbegeisterung flaute erst in den 1730er Jahre ab. Händel grämte sich zwar, aber nicht zu sehr. Denn er hatte im Oratorium, einer Art Oper ohne szenische Handlung und Kostüme, einen Ersatz gefunden, der seinem zunehmenden Bedürfnis nach ernsten Themen entgegen kam. Und so schaffte er es noch einmal, sich beim Londoner Publikum zu etablieren. Mehr als 40 Opern und 30 Oratorien entstanden im Laufe der Jahre, Auswahl genug also, um ein wirkungsvolles Programm mit Arien des barocken Komponisten zusammen zu stellen. "Nicht jeden Tag erhält man Gelegenheit, Händel-Arien aufzunehmen, deshalb wollte ich unbedingt meine Lieblingsstücke bringen", erinnert sich Magdalena Kožená an die Anfänge der Arbeit an "Ah! Mio Cor". "Natürlich gibt es viele berühmte Glanznummern, aber ich habe versucht, ein möglichst breites Spektrum von Charakteren abzudecken. Es gibt viele Wahnsinnsszenen, viel dramatische Szenen. Ich entschied mich meist für Dinge, die einen innerlich packen".
 
Denn im Kern geht es um Gefühl, zwar nur gespielt im Zusammenhang mit einer Rolle, aber trotzdem beispielhaft für das, was in Menschen vorgehen kann. Und bei Händel ist das häufig mit grandioser theatralischer Wucht in Szene gesetzt. Magdalena Kožená singt Männerrollen wie den Sesto in "Giulio Cesare" oder Titelpartien aus "Ariodante" und "Orlando", aber auch verzweifelte Frauen wie die Melissa aus "Amadigi di Gaula" oder die "Alcina", eine Zauberfürstin, die immer die Herren der Schöpfung an der Nase herumführte, bis sie sich plötzlich selbst verliebte. Dabei durchläuft ihre Stimme ein weites Spektrum der Emotionen, klar und faszinierend wandlungsfähig bis in die angrenzenden Lagen des Soprans. Sie klingt brillant, aufgrund ihrer eigenen Kunst, aber auch weill sie sich beim Venice Baroque Orchestra unter der Leitung von Andrea Marcon auf ein herausragendes Ensemble stützen kann, von dem Magdalena Kožená vorbehaltlos begeistert ist. "Die Musiker sind mit der Musik vollkommen vertraut, sie reagieren auf jedes Wort meiner Arie, denn es ist ihre Muttersprache. Die richtige Atmosphäre zu schaffen ist immer schwierig, wenn man nur eine Szene der Oper herausgreift. Dass das gelungen ist, verdanke ich dem Venice Baroque Orchestra. Ich würde gern bald wieder mit ihnen arbeiten".


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