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23.09.2005

Manu Katché - Neighbourhood

Manu Katché, Manu Katché - Neighbourhood

Ohne die ungeheuer einfühlsamen, aber dennoch stets groovenden Schlagzeugkünste Manu Katchés wäre die Popwelt (und beileibe nicht nur die) deutlich ärmer. Katché trat zwar schon Ende der 70er Jahre mit Größen wie der damals in Paris lebenden brasilianischen Pianistin und Sängerin Tânia Maria oder dem Jazzpianisten Bobby Few auf, ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit geriet er aber eigentlich erst ab 1986, nachdem er an der Einspielung von Peter Gabriels Pop-Klassiker "So" mitgewirkt hatte. Seitdem hat Katché mit zahllosen Größen der französischen und internationalen Musikwelt zusammengespielt: Sting, Joni Mitchell, Dire Straits, Simple Minds, Tears For Fears, Joe Satriani, Tracy Chapman, Joan Armatrading, Al DiMeola, Jeff Beck, Tori Amos, Youssou N'Dour, Manu Dibango, Gloria Estefan, Noa, Kassav, Stephan Eicher, Nigel Kennedy und und und... Schon dieser gekürzte Auszug aus der Liste der Künstler, die Katché in beinahe zwanzig Jahren begleitete, zeigt zum einen seine geradezu universelle Vielfältigkeit als Drummer, zum anderen aber auch, daß er bei der Auswahl der Musiker, mit denen er zusammenarbeitet, einen ausgesprochen hohen Qualitätsstandard hat.

Besonders intensiv war in all diesen Jahren nicht nur Katchés Kooperation mit den Popstars Peter Gabriel, Sting und Joni Mitchell, sondern auch jene mit dem norwegischen Jazzsaxophonisten Jan Garbarek, der nun auf "Neighbourhood" einer der musikalischen Partner des Schlagzeugers ist. Der Kontakt zwischen Garbarek und Katché kam auf Initiative Manfred Eichers zustande. Eicher war 1988 durch das Solodebütalbum des Ex-The Band-Gitarristen Robbie Robertson auf den außergewöhnlichen Schlagzeuger aufmerksam geworden. Als ECM im darauffolgenden Jahr sein 20jähriges Jubiläum feierte und aus diesem Anlaß einige hochkarätige Konzerte in Paris veranstaltete, lud der Produzent den französischen Schlagzeuger ein. Katché ließ sich die reizvolle Gelegenheit nicht nehmen und trat im Trio mit Jan Garbarek und dem indischen Geiger Shankar im La Cigale auf (dort wird er am 4. Oktober auch sein Soloalbum "Neighbourhood" erstmals live vorstellen).

Garbarek war sofort von Katchés Spielweise begeistert und verglich den Franzosen mit den großen Jazzschlagzeugern vergangener Zeiten, deren Ziel es noch nicht war, sich selbst in den Vordergrund zu spielen, sondern einzig und allein der Musik zu dienen. "Manu hat sehr viele musikalische Qualitäten", so Garbarek. "Er beherrscht auf dem Schlagzeug eigentlich alles, spielt aber sehr oft patternorientiert. Er sucht immer nach exakt dem Schlagzeug-Pattern, das am besten zur Musik paßt, und dabei bleibt er dann auch, variiert aber auf fast schon minimalistische Weise ständig die Dynamik. Anstatt auszubrechen und sich solistisch zu profilieren, erhält er die Atmosphäre, die er kreiert hat, aufrecht. Ich liebe all diese alten Jazzschlagzeuger wie Jo Jones oder Gene Krupa. Sie orientierten sich damals sehr viel mehr an Patterns und spielten nicht so frei und expressiv wie es die meisten der heutigen Jazzschlagzeuger tun. Das ist wirklich etwas, was ich heutzutage vermisse. Manu beherrscht diese alte Spielweise, aber er verfügt auch über eine sehr elegante Spielkultur, eine poetische Einfühlsamkeit."

Im Studio arbeiteten Katché und Garbarek erstmals 1990 zusammen, als der Saxophonist für ECM "Ragas And Sagas" (ECM 1442) und "I Took Up The Runes" (ECM 1419) aufnahm, zwei weltweit begeistert gefeierte, allerdings vollkommen unterschiedliche Alben. Zwei Jahre später ging Garbarek erneut mit Katché ins Aufnahmestudio, um diesmal "Twelve Moons" (ECM 1500) einzuspielen. 1995 folgte "Visible Worlds" (ECM 1585) und im Herbst vergangenen Jahres schließlich "In Praise Of Dreams" (ECM 1880), ein Trio-Album mit der Violaspielerin Kim Kashkashian. Auch Jan Garbareks 2002 erschienene ":rarum"-Kollektion (ECM rarum 8002) enthält natürlich einige Tracks, die mit dem französischen Schlagzeuger entstanden waren.

Außer Garbarek stellte Manfred Eicher, der die Besetzung für dieses Album auswählte, Manu Katché noch drei exzellente polnische Musiker zur Seite: Den Trompeter Tomasz Stanko sowie dessen musikalische Zöglinge Marcin Wasilewski (Piano) und Slawomir Kurkiewicz (Baß). Gemeinsam mit dem Schlagzeuger Michal Miskiewicz haben die beiden Youngster Wasilewski und Kurkiewicz mit "Trio" (ECM 1891) im April 2005 selbst ein brillantes ECM-Debütalbum veröffentlicht und agieren ansonsten schon seit einigen Jahren als Stankos Quartett-Partner (u.a. auf den ECM-Alben "Soul Of Things" und "Suspended Night").

Die Wege von Tomasz Stanko und Jan Garbarek (der übrigens auch polnische Vorfahren hat) haben sich im Laufe der Jahrzehnte desöfteren gekreuzt. Schon in den frühen 70ern jammte der Trompeter mit dem "Tryptikon"-Trio des Saxophonisten. Gegen Ende der 70er Jahre spielten die beiden in Helsinki zusammen in diversen Ensembles des finnischen Bandleaders und Schlagzeugers Edward Vesala sowie beim Frankfurter Jazzfestival in einer All-Star-Band mit Lester Bowie, Kenny Wheeler, John Abercrombie, Eddie Gomez und Jack DeJohnette. Auch auf Gary Peacocks superbem Album "Voice From The Past - Paradigm" tauchten sie 1981 gemeinsam auf. Stanko war damals von Garbareks Vielseitigkeit verblüfft und bescheinigte ihm, "gigantische technische Fähigkeiten" zu haben: der Tenorsaxophonist wechselte scheinbar mühelos vom Vokabular Coleman Hawkins zu dem Albert Aylers oder Archie Shepps. "Wenn wir überhaupt solche Fähigkeiten besitzen, tendieren wir Musiker dazu, sie ständig vorzuführen", merkte Stanko an. "Bei Jan sieht das ganz anders aus - er verbirgt sie eher." Auf seinen eigenen Alben wirkt Garbarek oft kontrolliert und grüblerisch und neigt dazu, ein Destillat seiner musikalischen Gedanken zu präsentieren. Bei anderen ECM-Projekten überrascht er dann manchmal mit sehr viel jazzigeren und extrovertierten Statements. Nachzuhören ist dies unter anderem auf ECM-Alben von Gary Peacock ("Voice From The Past - Paradigm"), Miroslav Vitous ("Star" und "Universal Syncopations") und Kenny Wheeler ("Deer Wan"), sowie nun auch auf Manu Katchés "Neighbourhood".

Emmanuel "Manu" Katché wurde 1958 in St. Maur des Fossés bei Paris als Sohn von Einwanderern von der Elfenbeinküste geboren. Bevor er als Siebenjähriger sein erstes Instrument erlernte, "genoß" er auf Wunsch seiner Mutter zwei Jahre lang Ballettunterricht. Da sich der scheue Junge unter lauter Mädchen aber nicht so recht wohl fühlte, gab er den "Spitzentanz" nach zwei "endlosen" Jahren wieder auf und begann statt dessen Klavierunterricht zu nehmen. Zum Schlagzeugspielen ermunterte ihn, als er dreizehn Jahre alt war, sein Großvater, der ihm die ersten Drumsticks noch selber geschnitzt haben soll. Keine zwei Jahre später besuchte Manu eine Musikschule, um dort in den nächsten vier Jahren fundierten klassischen Schlagzeug- und Perkussionsunterricht zu erhalten. Im Anschluß daran wurde ihm ein Stipendium für das Conservatoire National Supérieure de Musique de Paris angeboten, das Katché aber ausschlug, um - beeinflußt durch Platten von Miles Davis und ECM-Künstlern wie Garbarek, Keith Jarrett und John Abercrombie - seine Karriere als Jazzschlagzeuger zu beginnen. Seinen Schlagzeug-Stil bezeichnete Katché selbst einmal als ein "Amalgam aus afrikanischen Rhythmuskonzepten und klassischem Schlagzeugspiel, illuminiert durch die ad hoc entstehende Interaktion des Jazz".

1992 nahm Manu Katché für die französische BMG sein bislang einziges Soloalbum "It's About Time" auf, an dem neben Gaststar Peter Gabriel u.a. der Saxophonist Branford Marsalis, der britische Trompeter Guy Barker, Akkordeonist Richard Galliano, Keyboarder David Sanscious, die Gitarrist Daniel Lanois und Dominic Miller sowie Bassist Pino Palladino mitwirkten.

Sein neues Album "Neighbourhood" hat Manu Katché, der auch alle Kompositionen schrieb, dem 1999 verstorbenen Pianisten und Freund Michel Petrucciani gewidmet, mit dem er gelegentlich zusammenspielte. Bei einem dieser gemeinsamen Auftritte war auch Jan Garbarek mit von der Partie.


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