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04.02.2015

Marilyn Manson, "The Pale Emperor", 2015

Er wurde während düsterer Seance-Sitzungen unzählige Male zurückbeschworen – auf seinem neuen Album erlebt er heute eine echte Wiedergeburt. Mit dem Album "The Pale Emperor" liefert Marilyn Manson nun eines der stärksten, vielleicht sogar das stärkste Album überhaupt ab.

Mit seinem neunten Studioalbum holt der notorisch gehaßliebte Prophet, Popkultur-Chronist, Schauspieler, Liveperformer und – ach ja - Rock `n Roll-Übergott Marilyn Manson nun zum nächsten Rundumschlag aus. Ein Frontalangriff, bei dem er mit "The Pale Emperor" eine schonungslos ehrliche und hoch explosive Songsammlung abfeuert, die es in ihrer bis ins Letzte ausgearbeiteten Detailverliebtheit mit Leichtigkeit mit seinem 1998er Meisterwerk "Mechanical Animals" aufnehmen kann. "The Pale Emperor" fängt nicht nur perfekt den Zeitgeist ein, sondern versinkt gleichzeitig auch bis zur Halskrause in einem wahren Terror-Sumpf, in den Manson zuvor schon sämtliche Rednecks dieses Planeten und nicht zuletzt auch alle schlangen-verseuchten Baptisten gejagt hatte. Eine Tatsache, die er auch stimmlich demonstriert und immer wieder zwischen feierlichem Prediger und gefährlicher Bestie mit hoch giftigen Fangzähnen wechselt.

Schon seit der Gründung eben jener Band, die auch heute noch seinen gefürchteten Namen trägt, damals in den frühen 90ern an Floridas schmutzigen Nebenflüssen, hat sich Manson immer wieder der Hilfe einer sich ständig verändernden Mitmusikergefolgschaft bedient, um sich der Welt mitzuteilen. Auf "The Pale Emperor" stellt er heute seinen neuesten Mitstreiter vor: Tyler Bates, den er auf dem Set für die Dreharbeiten zu "Californication" kennen lernte. Und auch eine andere TV-Serie war für die Zusammenarbeit des neu gegründeten Teams Manson/ Bates von Bedeutung: Der amerikanische Serienhit "Salem", für den der gemeinsame Song "Cupid Carries A Gun" als Themesong verwendet wurde. "The Pale Emperor" ist der Clash aus Black und Blues, das Ergebnis eines bis in die Extreme ausgelebten Lebens und seiner Konsequenzen. Ein Album, das sowohl Einflüsse von Mansons erklärten Lieblingskünstlern wie Tom Waits, David Bowie, Alice Cooper, Joy Division oder T.Rex vereint; das Ganze allerdings im dunklen Schatten von P.J. Harvey, The Birthday Party und Bauhaus. Verschwörerisch-intim und zugleich von epischer Größe: Der "bleiche Kaiser" verkörpert ein wandelndes Paradoxum.

In Bates hat Manson heute den idealen Mitverschwörer gefunden. Einen Komplizen, mit dem das ungleiche Gespann auf "The Pale Emperor" das perfektioniert, was Manson schon immer zelebriert hat: Storytelling im ganz großen Stil. Soundtrack-Aficionados dürfte der Name Tyler Bates nicht unbekannt sein, wird der aus Los Angeles stammende Produzent und Komponist doch als der momentan angesagteste Composer im Film- und Fernsehentertainment gehandelt. So gehen u.a. die Scores von Streifen wie "300", "The Watchmen" und des Kultfilms "Killer Joe" auf das Credit-Konto des Kaliforniers – für Manson genug aufregende Gründe zu einer Zusammenarbeit. Eine Zusammenarbeit, die grundlegend von der Feinabstimmung der beiden prall gefüllten Terminkalender des dauerbeschäftigten Duos abhing. Während Manson für die neue Staffel von "Sons Of Anarchy" vor der Kamera stand, war Bates seinerzeit für den Score des 2014er Leinwand-Spektakels "Guardians Of The Galaxy" verantwortlich.

Eröffnet wird "The Pale Emperor" vom rostig-rasselnden, düster-schimmernden "Killing Strangers"; einem verstolperten Rocker, der im Kern von einer fast manischen Entschlossenheit getrieben wird. Kein Wesen auf diesem Planeten verfügt über eine auch nur vergleichbare Stimme wie Manson, dessen Tonart ständig zu variieren scheint. Je nach Schwere der Sünden seiner Hörer. So nah und intim, dass es schmerzt. Alleine der Refrain "We`re killing strangers so we don`t kill the ones that we love" lässt "Apocalypse Now" und "Last Tango In Paris" wie den Chorgesang in einer Sträflingskolonie wirken. "Blow us a kiss", lädt Mr. Manson weiter ein, "and we`ll blow you to pieces".

Zum nachfolgenden Glamrock-Brecheisen "The Devil Beneath My Feet" werden sich ab demnächst Konzerthallen in Schweiß getränkte Moshpits verwandeln, wenn Manson ausgesuchte Bibelverse nach seinem Abbild umbaut: "I don't need a motherfucker looking down on me, no motherfucker looking down on me."

Die erste Vorabsingle "Third Day Of A Seven Day Binge" wurde kürzlich zusammen mit den Smashing Pumpkins in London performt und war auf Platz 1 in der Lieblingssongliste des renommierten Rolling Stone, der den Track treffend als "ebenso runterziehend wie catchy" beschrieb. Mit dem Quasi-Titeltrack "The Mephistopheles Of Los Angeles" gibt Manson einen tiefen Einblick in das Grundthema des Albums: Goethes "Faust" und das Geschäft mit dem Teufel. Angefangen beim durchschlagenden Refrain "Are we fated, faithful or fatal?", über Bates dickhosiges Gitarrenriff bis Gil Sharones schmutzigen Drums – this ain`t no genocide, this is Rock and Roll!

Der alles nieder walzende Nackenbrecher "Deep Six" besitzt das Potenzial, eine ganze Armee von Headbangern für ein paar Minuten beschäftigt zu halten; inklusive der augenzwinkernden Frage: "You wanna know what Zeus said to Narcissus? You better watch yourself". Fest steht, dass jeder von Mansons Insiderwitzen am Ende eine echte Punchline hat. Punchlines, die einem gerne mal ohne Vorwarnung direkt ins Gesicht knallen. Ebenso durchschlagend und enigmatisch, wie auch Mansons völlig neu zusammen gestellte Farbpalette, auf der Akzente von schwarz, weiß und selbst grau nur schwer voneinander zu trennen sind. Ein "Stummfilm für das Volk der Blinden", wie Manson selbst sein Album beschreibt. Für Albumartwork und begleitende Visuals arbeitete man einerseits mit dem bekannten Regisseur Willo Perron zusammen und griff ebenfalls auf die eigenwillige Unterstützung diverser anderer Visual Artists zurück.

Und auch die Fashionwelt war schon immer an Marilyn Manson interessiert, der kürzlich mit Größen wie dem französischen Make Up-Artist/ Fotograf Francois Nars, der Fotografin Ellen von Unwerth, dem US-Fotografen Steven Klein, dem britischen Fotokünstler Miles Aldridge, dem italienischen Fotografen und Regisseur Francesco Carrozzini sowie Kult-Fotograf Terry Richardson zusammen gearbeitet hat. Und nicht zuletzt war Manson für Fashion-Visionär Hedi Slimane als Gesicht einer Werbekampagne des französischen Modehauses Saint Laurent zu sehen.

Als angesehener Künstler, dessen Bilder auch in so manchem Museum zu finden sind, wurde Manson im Züricher Cabaret Voltaire ganz offiziell in die Dada-Kunstbewegung eingeführt. Und obwohl er erklärte, dass diese Ehre "an sich eher sehr anti-dada" wäre, so akzeptierte er dennoch letztendlich seine Aufnahme. Neben unzähligen Schulamokläufen, für die er seinerzeit fälschlicherweise verantwortlich gemacht wurde, verkaufte Marilyn Manson mittlerweile weltweit mehr als 50 Millionen Einheiten seiner Alben. Eine Zahl, die die gesamte Musikindustrie heute bis in ihre Grundfeste erschüttert.

Doch das Rad dreht sich weiter. Wieder einmal entpuppt sich Marilyn Manson als ein wahres Monstrum, das der Gesellschaft mit seiner Kunst den Spiegel vorhält und mit "The Pale Emperor" eine weitere Songsammlung vorlegt, die die ungeteilte Aufmerksamkeit des Planeten verdient –ja, verlangt. Bleibt nur noch zu sagen: Fuck y`all. Fickt euch alle.


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