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Martha Argerich BACKSTAGE EXCLUSIV

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Martha Argerich, Early Recordings, 00028947960652

Early Recordings

(Vinyl-LP)

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04.01.2004

Clara im Sinn

Martha Argerich, Clara im Sinn

Clara Schumann war eine Autorität. Sowohl für ihren Mann Robert als auch für Johannes Brahms war ihre Akzeptanz eines Werkes das Maß der Dinge. Entsprechend häufig wurde sie daher um Rat und Mithilfe gebeten. Der erste zum Beispiel komponierte ihr 1842 eine Suite aus vier einzelnen Stücken für Klaviertrio, der andere ließ es sich nicht nehmen, ihr 1856 ein Quartett zuzueignen, das sie am 16. November 1861 in Wien uraufführte. Hauptsache Clara war dabei und saß am Flügel.

Mehr als 150 Jahre später übernahm Martha Argerich die Rolle der Virtuosin. Und sie bekam Partner zur Seite gestellt, die auf eine große Aufnahme schließen ließen. Denn den Geigenpart übernahm Gidon Kremer, die Bratsche Yuri Bashmet und am Cello gesellte sich Mischa Maisky dazu. Der Studiotermin wurde zum Gipfeltreffen und er hatte bereits mehrere konzertante Vorläufer. Das Quartett hatte sich am 29. Juli 2001 zum ersten Mal auf der Bühne getroffen und das aufbrausende Stück von Brahms anlässlich des Festivals in Verbier angestimmt. Die Schumann-Miniaturen waren wiederum ohne Bashmet zuvor in Wiesbaden und Lockenhaus zu hören und konnten auf frühere Kooperationen wie etwa bei den Aufnahmen der Tschaikowsky- und Schostakowitsch-Trios bauen. So konnten sich die Musiker mit aller Energie auf die Erarbeitung der Aufnahme selbst stürzen. Vom 23. Februar 2002 an widmete man sich Tag für Tag einem Satz des Quartettes, die Trio-Episoden wiederum wurden an einem Stück auf Bändern festgehalten. Das Ergebnis war betörend, wenn auch nicht alle sogleich überzeugt waren. "Gidon, komm abhören", meinte Martha Argerich nach einem Take des Brahmsschen "Andante con moto". "Ich bleibe da", meinte er. "Warum?". Die Antwort war deutlich: "Weil es nicht gut war". Man nahm wieder Platz und versuchte es solang, bis jeder zufrieden nickte.

 

Und das merkt man den Einspielungen an. Hier wird nicht geflunkert, sondern hart, ernsthaft und voll aufmerksamer Intensität gearbeitet. Wo sonst sich in der Regel drei Streicher eines festen Ensembles einen Pianisten leisten, mit dem sie sich der Klavierliteratur nähern, treffen in diesem Fall vier starke und erfahrene Charaktere aufeinander, die nicht nur die vorhandene Musik, sondern auch ihre eigenen Vorstellungen von Klang, Interpretation und Perfektion unter einen Hut bringen müssen. Dementsprechend konkret gehen sie ans Werk. Brahms wirkt leidenschaftlich, impulsiv, geradezu verschwenderisch, Schumann verhaltener, wenn auch noch immer außergewöhnlich farbig. Beiden Interpretationen ist die Widmung klar, die einst die Komponisten im Kopf hatten. Der Raum für das Klavier bleibt groß und Argerich nützt die Chance, um ihre gewaltige Dynamik und energische Linienführung zu dokumentieren. Trotz allem wirkt jeder Beteiligte in seiner Rolle gleichbedeutend und gerade diese Ausgewogenheit der Darstellung macht die Aufnahme der berühmten Werke zu einem Glücksgriff.


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