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07.09.2016

Jung und wild, hart und herzlich – das neue Album "Ballet Jeunesse" von Matthias Arfmann

Radikal und angstlos hat der Musikproduzent auf seinem neuen Klassik-Remix-Album die Werke von Debussy und Satie in Popsongs und Dance-Tracks verwandelt.

Matthias Arfmann, Jung und wild, hart und herzlich – das neue Album Ballet Jeunesse von Matthias Arfmann © Gulliver Theis / Decca Records

Darf man das? "Dürfen sich ein paar Hamburger Freigeister über die Kronjuwelen der europäischen Hochkultur hermachen?" (Zeit-Magazin). Die Antwort-Mail der Erben Sergej Prokofieffs hat Matthias Arfmann sich eingerahmt: "Go for it." Historisch. Zunächst gab es ein Dutzend "njets" zu seiner mit Jan Delay bereits fertig produzierten Reggae-Version von Peter und der Wolf. Auf einmal kam dann doch ein Schreiben mit der Erlaubnis.

Arfmann ist der Erste, dem eine solche Prokofieff-Bearbeitung genehmigt wurde

Was bewog die Urenkel des 1953 verstorbenen Komponisten, ihre Meinung zu ändern? In den 1920er Jahren emigrierte der Anfang-30-Jährige Prokofieff nach Paris, wo er Bühnenstücke für das Ensemble der Ballets Russes komponierte. Geführt vom Impresario Sergei Pawlowitsch Diaghilew, revolutionierte die avantgardistische skandalträchtige Tanztruppe die damalige Musikszene, wie später nur der Rock and Roll und der Punk. Sie feierten "das Transkulturelle, das Sinnlich-Fantastische, das Queere" (Arfmann). Die Uraufführung seines "Feuervogels" machte den damals 28-jährigen Igor Strawinski über Nacht zum Star. Und andererseits sagte die brüskierte etablierte Klassik-Szene damals lautstark "njet" dazu!

Mit "Recomposed" wurde Arfmann zum Pionier des Klassik-Remixes

An diesen Freigeist, der damals die Normen brach, möchten Arfmann und seine Mitstreiter anknüpfen. Ganz schön selbstbewusst, gänzlich unbekümmert und mit viel Herzblut hat der im Punkrock, Hip Hop und Dub-Reggae sozialisierte Arfmann ein sieben Jahre lang gehegtes Projekt verwirklicht, dessen Funke bereits 2005 mit seinem "Recomposed"-Album (dem ersten der renommierten Reihe) übersprang, das er mit quasi dem gleichen Team einspielte wie nun "Ballet Jeunesse". Davor, danach, dazwischen produzierte der zweifach Echo-Nominierte die Hamburger Popband Blumfeld, das epochale Hip Hop-Album "Bambule" der Absoluten Beginner und Solo-Alben von Jan Delay. 

Keine Spielerei, sondern Bearbeitungen mit einer eigenen Dramaturgie

Immer noch ist so ein Projekt eine Gratwanderung: Man kann mit dem Etikett Klassik-meets-irgendwas "oft sehr schäbig daherkommen", meint der Produzent Milan Meyer-Kaya, "Das sind wir aber nicht. Wir haben einfach nur aus uns heraus musiziert." Sie gingen zunächst vor wie in einer Hip Hop-Produktion, sampleten das, was am meisten berührte, sezierten die Aura des Werks, puzzleten herum. An einem Punkt stellte sich ein "unaufhaltsamer Prozess ein", sagt Arfmann, "eine Besessenheit, die nicht mehr zu stoppen war." Der Input seines Produzenten-Teams und die gesprochenen und gesungenen neuen Elemente der kenianischen Sängerin Onejiru Schindler, des New Yorker Rap-Champions KRS One und des britischen Indie-Rockers Kele Okereke (Bloc Party), neben dem Hamburger Autoren Schorsch Kamerun und Popstar Jan Delay, spornten Arfmann an, eine Aufnahme so lang zu schleifen, bis daraus schließlich eine Art Popsong entstand, den man mit dem Babelsberger Filmorchester komplett neu aufgenommen und  im Studio neu abgemischt hat. Das Artwork des Albums stammt von der jungen Berliner Malerin Julia Benz.

Die Gralshüter packt das Grauen

Wer weiß, ob die Uraufführung vom "Ballet Jeunesse" beim Hamburger Reeperbahn-Festival ähnlich triumphal ausfällt wie damals beim Feuervogel? Konservative Klassik-Hörer werden angesichts so eines Vergleichs tief Luft holen. "Etwas völlig anderes zu machen, was immer noch total ans Herz geht, zumindest an mein Herz", habe ihm wahnsinnig Spaß gemacht, beschreibt der junge Hamburger Hip Hop-Produzent Chassy Wezar seine Mitarbeit.

Mit stürmend-drängenden, stellenweise brachialen Videos von Zoran Bihac, der bereits Videos für die deutsche Band Rammstein drehte, wird das Projekt diejenigen erreichen, denen der Club und die die Streaming-Playlisten vertrauter sind als der Konzertsaal. Er habe immer das Gefühl gehabt, "dass es da ein Vakuum gibt. Jungen Leuten sagen die großartigen Kompositionen heute nicht mehr viel“, meint Arfmann. Gut möglich, dass die Strahlkraft seiner neuen Versionen dieses unvoreingenommene Publikum in eine ähnliche Aufbruchsstimmung versetzt wie die Originale zur Zeit ihrer Uraufführungen.

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