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28.09.2012

Die Milde des Alters - Maurizio Pollinis Neueinspielung der 24 Préludes

40 Jahre nach seiner revolutionären ersten Studioaufnahme der 24 Préludes von Frédéric Chopin gibt sich Maurizio Pollini altersmilde. Seine meisterhafte Neuinterpretation des Werks besticht durch ungebrochenen Scharfsinn und emotionale Sensibilität.

Maurizio Pollini, Die Milde des Alters © Cosimo Filippini / DG

Maurizio Pollinis Name ist untrennbar mit der Musik des polnischen Komponisten Frédéric Chopin verbunden. Dabei hatte sich der Pianist aus Mailand nach seinem Sieg beim 1960er Chopin-Wettbewerb im Alter von nur 18 Jahren vor dem eigentlichen Beginn seiner Weltkarriere vorerst wieder zurückgezogen - aus Angst, zu sehr auf sein Chopin-Spiel festgelegt zu werden. Pollini nahm sich Zeit, erweiterte seinen Horizont, vertiefte sich in aussermusikalische Studien und suchte die Nähe zur musikalischen Avantgarde um die Komponisten Luigi Nono und Pierre Boulez, deren Werke er seither in seinem Repertoire führt.

Meilenstein der Aufnahmegeschichte

In den frühen 1970er Jahren entstanden die ersten, heute legendären Chopinaufnahmen für Deutsche Grammophon. Sie dokumentieren Pollinis neuartige Chopin-Vision und veränderten das Bild des polnischen Komponisten ebenso nachhaltig wie die Interpretation seiner Werke. Insbesondere die Einspielung der Préludes op. 28 vermittelt den überragenden Intellekt des jungen Virtuosen, der mit geschärftem Formsinn, unsentimentalem Zugriff und außergewöhnlichem pianistischem Differenzierungsvermögen verdeutlichte, dass Chopin ein geistiges Kind des großen Polyphonikers Bach und ein harmonischer Visionär war, der weit in die Zukunft blickte.

Neuaufnahme der Préludes

Nach dem ungarischen Pianisten András Schiff, der sich mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten jüngst zur Veröffentlichung seiner zweiten Studioaufnahme des Wohltemperierten Claviers von J. S. Bach entschloss, legt mit Maurizio Pollini ein weiterer Altmeister seine alternative Version einer früheren Einspielung vor: 40 Jahre nach Veröffentlichung seiner bahnbrechenden ersten Studioaufnahme der Préludes erscheint nun Pollinis Neufassung. Während Schiff in seiner ersten Aufnahme Anflüge von Sentimentalität entdeckte, die er zu korrigieren beabsichtigte, zeigt sich Pollini im Jahr seines 70. Geburtstags altersmilde.

Ein gutes Stück romantischer

Vor einigen Jahren zu seinem Chopinspiel befragt, entgegnete Pollini: “Wenn ich mir meine ersten Aufnahmen aus den frühen 1970ern anhöre, mag ich sie noch immer, insbesondere einige Etüden. Jedoch war meine Tempogestaltung damals sehr strikt. Ich denke, dass ich Chopin heute in einer freieren Weise spiele.” Er fügte hinzu: “Noch immer habe ich eine bestimmte Idee, dass zu viel Rubato unserem Bild dieses Komponisten nicht zum Besten gereicht. Daher ist hier eine starke Zurückhaltung geboten. Es ist keine Frage des Wieviel, sondern eine Frage der Qualität des Rubato.

Pollinis frühen Chopin-Aufnahmen wurde häufig eine gewisse Kühle und Distanz vorgeworfen. In seiner großartigen neuen Einspielung stellt der Meisterpianist eine subjektivere und dramatischere Lesart des bedeutenden Miniaturenzyklus’ vor. Maurizio Pollinis Chopin ist ein gutes Stück romantischer geworden.


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