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04.04.2003

Raum im Pathos

Maurizio Pollini, Raum im Pathos

Im Jahr 1960 gewann Maurizio Pollini den Chopin-Wettbewerb in Warschau. Aber anstatt im Anschluss daran den ersten Ruhm auszukosten, zog sich der 18jährige Pianist aus Mailand zurück und perfektionierte seine Ausdruckskunst als Schüler von Arturo Benedetti Michelangeli. Dieser Entschluss machte Sinn. Nach umjubelten Konzerten präsentierte Pollini in den frühen Siebzigern wegweisende Aufnahmen unterschiedlicher Chopin-Werke, unter anderem auch der "Polonaisen".

Polen hatte eine demütigende Zeit zu überstehen. Als politische Manövriermasse wurde das Land in mehreren Teilungen 1772, 1793 und 1795 zwischen den damaligen Großmächten Russland, Österreich, schließlich mit Kongresspolen (1815) auch noch unter Preußen aufgeteilt. Abgesehen von den militärischen Niederlagen, unter denen das Volk existentiell zu leiden hatten, nagte es auch am politischen und kulturellen Selbstverständnis, dass ein eigenständiger Staat von den Anrainern gewaltsam unterdrückt wurde. Im Zeitalter der Nationalbewegungen blieb Polen die Souveränität verwehrt und zahlreiche Intellektuelle verließen daher das Land, um aus der Ferne die Entwicklung zu beobachten oder vielleicht sogar zu verändern. Einer von ihnen war Frédéric Chopin, ein halbadeliger Wunderknabe, der es bereits als Achtjähriger zu pianistischen Ehren gebracht hatte. Als er während einer Konzertreise von den politischen Unruhen in seiner Heimat überrascht wurde, siedelte er nach Paris über, wo er im Februar 1832 sein erstes Konzert gab. Über den Kontakt zur Baronin De Rothschild schaffte Chopin die Aufnahme in die Salons der erlauchten Kreise der Stadt und gehörte von da an zu den Privilegierten der Künstlerszene. Trotzdem konnte er es nicht verwinden, aus der Distanz die Entbehrungen seiner Landsleute miterleben zu müssen. So entstand ein Teil seines überwiegend pianistischen Schaffens im Rekurs auf die nationalen Eigenheiten der Musikkultur.

 

Die "Polonaisen" tragen die Sehnsucht schon im Namen. Ursprünglich waren es aus der aristokratischen Hofkultur entlehnte Volkstänze, deren Eigentümlichkeit darin bestand, dass sie genau genommen Märsche im Dreiertakt waren. Chopin veränderte ihren Charakter und verfeinerte sie zu komplexen Konzertstücken, die lange Zeit wegen ihres naheliegenden Pathos überwiegend heroisch gespielt wurden. Maurizio Pollini jedoch sah ihn ihnen mehr und konzentrierte sich auf die Feinabstimmungen von Tempo und Dynamik. Die Aufnahmen, die im November 1975 im großen Saal des Wiener Musikvereins entstanden, stellten einen Chopin vor, der bei aller Wucht transparent, zerbrechlich wirkte. Das war durchaus ungewöhnlich und sicherte dem Pianisten seinen Platz in Riege berühmter Interpreten. "Angesichts eines so stupenden Klavierspiels", meinte 1977 der Rezensent der Zeitschrift 'Opernwelt', "ist es müßig, das ohnehin sich ein einem solchen Falle schnell erschöpfende hymnodische Vokabular aufs neue zu strapazieren, um der Sache verbal die nötige Referenz zu erweisen. Auch die legitime Überhäufung mit Superlativen scheint auf Dauer frustrierend. Indes lässt sich nicht bestreiten, dass diese dritte Pollinische Chopin-Veröffentlichung in DG-Gelb kaum weniger spektakulär und singulär ist als die voraufgegangenen ('Etüden / Préludes')".

 

Die Referenz:

 

"Vom strahlenden, kraftvoll metallischen C-Dur Einstieg an verblüfft die allen Anforderungen gewachsene Technik des Italieners, der ungeheure Zug innerhalb der motorischen Zielanpeilung und natürlich auch die Disziplin im Ausdruck, die keine artikulatorischen Mätzchen duldet." (Peter Cossé, FonoForum 1985)

 

Näheres zur Referenz-Reihe finden Sie unter referenzaufnahmen.de


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