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02.04.2008

Der Moment der Gnade

Maurizio Pollini, Der Moment der Gnade

Es war eine ungemein produktive Phase. In den Jahren 1782 bis 1786 schrieb Wolfgang Amadeus Mozart 15 Konzerte für Klavier und Orchester, das Kernstück eines Genres, das mit diesen Werken eine neue Dimension bekam. Denn im Unterschied zu früheren Kompositionen trat hier das Solo-Instrument in eine wirkliche Kommunikation mit den Orchesterstimmen und verfeinert auf diese Weise die Klangsprache. Virtuoses und Sinfonisches, Dramaturgie und Instrumentation verbanden sich auf eine vollendete Weise, die zwar von der den Romantiker noch weiter ausgefeilt, aber in ihrem Grundgehalt nicht mehr entscheidend verändert wurde. So sind diese Konzerte eine Basis der Repertoires, die auch die Großmeister ihrer Klasse wie Maurizio Pollini stetig zu künstlerischen Stellungnahmen reizen.

Mehr noch. Mozarts Klavierkonzerte können als Maßstab der Interpretationskompetenz schlechthin gedeutet werden. Maurizio Pollini jedenfalls begegnet ihnen mit deutlicher Ehrfurcht, die man bei einem Tastensouverän wie dem 66-jährigen Weltstar aus Mailand zunächst gar nicht vermuten würde. "Genies wie Mozart begleiten Musiker ein ganzes Leben lang. Jedes seiner Konzerte ist ein eigenes Universum. Um ihm gerecht zu werden, muss man als Künstler vielleicht in einem besonderen Zustand der Gnade sein", meint er über seine Beschäftigung mit den Werken des Komponisten, der in seinem genialischen Ansatz, behutsam die Grenzen der zeittypischen Ausdruckskraft zu sprengen, aus heutiger Sicht als Bindeglied zur aufgeklärten Moderne erscheint.

Tatsächlich ist es frappierend, den ersten Satz des C-moll-Konzerts KV 491 zu hören, entstanden als vorletztes der intensiven Schaffensperiode und nur noch von zwei weiteren Stücken seiner Art gefolgt. Die melancholische, stellenweise tragisch anmutende Intensität des Orchestersatzes beeindruckte beispielsweise Kollege Beethoven zurecht so sehr, dass er sich ernsthaft die Frage stellte, ob er jemals diese Unmittelbarkeit würde erreichen können. Demgegenüber steht die noch von juvenilem Übermut geprägte Nonchalance des seltener gespielten A-Dur-Konzerts KV 414, die noch den barocken, unterhaltsamen Überschwang des höfischen Komponierens andeutet, ohne aber bereits den typischen gestalterischen Witz Mozarts vermissen zu lassen.
 
Maurizio Pollini wählte die beiden konträren Exempel der Gattung, um innerhalb eines Programms den Bogen vom Divertimento-Haften bis zum Sinfonischen des Klavierkonzerts spannen zu können. Wie schon bei den im September 2006 entstandenen Aufnahmen der Konzerte KV 453 und KV 467, die unter anderem mit dem Echo Klassik 2007 ausgezeichnet wurden, verzichtet der Pianist auch diesmal auf einen Dirigenten und leitet die Wiener Philharmoniker - ganz nach dem Vorbild des Komponisten übrigens - selbst vom Flügel aus. Die Live-Einspielungen wurden im Juni 2007 im Großen Saal des Wiener Musikvereins festgehalten und dokumentieren einen Künstler, dem von der Nuancierung des Tempos bis in die Details der Phrasierung und Dynamikgliederung die immense Erfahrung eines Lebens für die Musik anzuhören ist.

Dabei erweist sich die Personalunion von Solist und Orchesterleiter als inspirierendes Moment, denn dadurch wird eine Feinabstimmung der Klangwirkung etwa im Zusammenspiel von Flügel und Bläsergruppen wie im dritten Satz des c-moll-Konzertes möglich, die sonst nur nach langer Gemeinsamkeit mit einem Maestro am Pult gelingt. Pollini steht damit in der Tradition der berühmten postromantischen Aufnahmen Alfred Brendels mit der Academy Of St. Martin In The Fields, die er mit der für ihn typischen Leichtigkeit um zahlreiche Farben ergänzt. Ein Glanzstück klassischer Interpretationskunst.


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