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01.10.2008

Unglaublich modern

Maurizio Pollini, Unglaublich modern

Das Oeuvre von Frédéric Chopin begleitet Maurizio Pollini bereits ein künstlerisches Leben lang. Seinen internationalen Durchbruch schaffte er als 18jähriger beim Chopin-Wettbewerb in Warschau, der als einer der strengsten der Welt gilt, und seitdem gehört das Werk des genialen Polen fest zur Repertoire des Mailänder Pianisten, auch wenn er sich lange mit anderen Komponisten beschäftigt hat. Mit der Aufnahme der Klavierwerke op.33-36 und 38, vor allem mit einer spektakulären Version der visionären "b-Moll-Sonate op.35" widmet er sich nun erneut einem Werkkorpus, dessen Vielfalt innerhalb eines Recitals ebenso überrascht wie begeistert.

Inzwischen berufen sich sogar Jazzmusiker, die lange Jahre bevorzugt mit Debussys Farbenspiel kokettierten, auf Chopins kühne Harmonik und seine immens präzise Vorstellung von melodischer Feinarbeit. Für den Pianisten Maurizio Pollini ist das kein Wunder: "Es ist doch verblüffend, dass Chopin fast nur Meisterwerke komponiert hat", meint er in einem Interview zu seiner aktuellen Auseinandersetzung mit dem polnischen Klaviergenie. "Wie sie wissen, war er sehr streng mit sich selbst und mit seinen Werken, hat einige Mazurken ud Walzer, die wir heute spielen, gar nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Und die Werke, die er autorisiert hat (und auch einige, die er nicht autorisiert hat), sind tatsächlich Meisterwerke."
 
Pollini beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten ausführlich mit den pianistischen Miniaturen und Großwerken Chopins und er gibt sich nicht mit einzelnen Fassungen eines Stücks zufrieden, sondern versucht, wenn irgend möglich, alle verfügbaren Notationen, am besten auch Originale zu Gesicht zu bekommen, um eine möglichst präzise Vorstellung von der intendierten Klanggestalt zu bekommen: "Chopin war ja ein äußerst kritischer Mensch, der an jeder einzelnen Komposition sehr lang gearbeitet hat und jeden Note, jeden Akkord unter die Lupe nahm. Zum Beispiel gibt es am Ende der zweiten Ballade drei gleiche Akkorde - und von diesen drei Akkorden gibt es vier Versionen: zwei im Manuskript, eine in der deutschen Edition, eine in der französischen. Chopin hat punktgenau gearbeitet. Er hat so gut wie keine überflüssige Note geschrieben und ist immer sehr konzentriert in seiner Aussage. So entsteht für mich die ungeheure Kraft der Perfektion, die seine Werke bis heute im Konzertsaal ausmacht".
 
In seiner inzwischen vierten Beschäftigung mit Chopin auf CD während der vergangenen Jahre hat sich Maurizio Pollini einem sehr unterschiedlichen Programm zugewandt. Auf der einen Seite stehen die "Ballade op.38", das "Impromptu op. 36", außerdem die "4 Mazurkas op. 33" und "3 Walzer op. 34". Diese stellenweise leicht wirkenden, emotional flirrenden Kompositionen stellt er der großen "b-Moll Sonate, op. 35" gegenüber, deren gravitätische Schwere schon durch den berühmten "marche funèbre" sich deutlich von den anderen Werken unterscheidet. "Sie ist eines seiner größten Werke! Und ich finde es interessant, dass ausgerechnet Schumann, der Chopins Genie bewunderte, über das Finale sagt, dass es keine Musik mehr sei. Ich nehme diese Behauptung gerne als Ausgangsposition. Auch, um zu sehen, wie unglaublich modern Chopins Musik in diesem enigmatischen und revolutionären Ende der Sonate war und ist". Und wie sehr es bis heute selbst einen Meisterpianisten wie Maurizio Pollini dazu bringen kann, über sich hinaus zu wachsen.

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