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24.02.2010

"Hang Cool Teddy Bear"

Eine Kurzgeschichte von Kilian Kerwin

I

Granatsplitter waren eine schmerzhafte Angelegenheit. Allerdings nicht so, wie Patrick sich das vorgestellt hatte. Es war nicht dieser schneidende Schmerz, wie wenn er sich beim Schneiden der Tomaten den kleinen Finger bis auf den Knochen aufgeschlitzt hatte, damals, als er noch in der Pizzabude jobbte. Auch nicht wie bei seinem Besuch auf der Baustelle des alten Feeney, wo einmal ein münzgroßer Nagel seine Chucks durchbohrt hatte. Nein, das hier war eher ein Brennen, als ob ihm einer das funktionale Ende eines Brandeisens in die Rippen drücken würde. Es tat weh wie Sau. Aber Patrick war immer noch besser dran als sein Kamerad Tennessee Tommy. Tommys Körper lag einen Steinwurf entfernt auf dem steinigen Boden, mit dem Gesicht nach unten, vollkommen regungslos und in unnatürlicher Stellung. Was von seinem Tarnanzug noch übrig geblieben war, war vollkommen zerfetzt. Ein stattlicher Knochen – womöglich sein Schienbein – ragte in die Wüstenluft. Ein Anblick, bei dem Patrick sich am liebsten sofort übergeben hätte.
Patrick wusste nicht, was er nun empfinden sollte, da sein Freund tot neben ihm lag. Er hatte es nicht nur genossen, mit ihm abzuhängen – die beiden hatten sich bei diesem letzten Einsatz richtig gut angefreundet –, sondern da war auch noch die Tatsache, dass Tommys Frau gerade schwanger war. Er hätte schon in neun Tagen nach Hause gehen können. Der Novemberhimmel war orangefarben; ein Farbton, der nach Krieg aussah, lag in der Luft. Der beißende Geschmack sorgte dafür, dass Patrick noch schlechter wurde. Ganz gleich, wie viele Einsätze er schon hinter sich gebracht hatte: Es war dieser Gestank, an den er sich am wenigsten gewöhnen konnte. Wie so oft fragte er sich nun, wie es hier wohl ohne die ganzen Panzer und Hubschrauber, ohne den Tod und die Zerstörung aussehen würde. Er stellte sich vor, wie es vor zweitausend Jahren gewesen sein musste, als Alexander der Große hier einmarschierte. Oder wie es aussehen würde, wenn weitere zweitausend Jahre ins Land gegangen sind... würden dann wohl immer noch die Kameldornbäume existieren, die in der sonst so tristen Hochebene von Kandahar vereinzelt herumstanden? Höchstwahrscheinlich schon. Unter Patrick bildete sich eine dunkelrote Lache. Blut – sein Blut – sickerte in den Stoff seines Anzugs; seine Boxershorts klebten unangenehm auf der Haut. Patrick war eigentlich alles andere als zimperlich, doch jetzt fühlte er sich etwas benommen. Vielleicht war es einfach die Sonne, die ihm an die Nieren ging.
Seine M16 lag unweit von ihm und zur Hälfte vom Sand verdeckt in einem Graben. Patrick wusste noch, dass er das Gewehr in den Händen hielt, als die Mörsergranate in die Luft flog. Vielleicht hatte er es weggeworfen. Vielleicht war es auch umgekehrt gewesen. Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Obwohl er davon überzeugt war, dass er eine erstklassige Ausbildung genossen hatte, wusste er nicht, wie er mit der plötzlichen Orientierungslosigkeit umgehen sollte. Die Berufssoldaten in der Rekrutierungsstelle hatten ihm das alles als ein großes Abenteuer verkauft. Und Patrick gefiel die Idee, den Nervenkitzel-Faktor in seinem Leben ein wenig zu steigern – was in seinem konkreten Fall nicht sonderlich schwer war. Er hatte kein Problem damit, im Baumarkt zu arbeiten – das Gehalt war ganz akzeptabel, obwohl es kein wirklicher fester Job war; er konnte jeden Tag mit dem Bus fahren, und das ohne Umsteigen – doch in letzter Zeit hatte das alles irgendwie an Reiz verloren.
Patrick stellte nicht gerade besonders hohe Ansprüche ans Leben. Und sein Leben wurde diesen geringen Ansprüchen bereitwillig gerecht. Eigentlich war da nur die Vorfreude auf die Baseball-Saison in der Amateurliga. Die Tickets waren billig, er kannte sämtliche Verkäufer, und erst letzte Saison hatte das Team ein paar gute Schlagmänner verpflichten können. Da konnte man nicht meckern.
Hin und wieder fragte sich Patrick, ob er zu Höherem berufen sei, ob er eine große Zukunft haben würde. Aber es gab keine eindeutige Antwort auf diese Frage, und so fand er sich zunehmend mit seiner Situation ab, wurde immer sesshafter. Er dachte sich, dass er als Soldat diesen Kreislauf durchbrechen könnte.
Mann, wie sehr doch diese Granatsplitter brannten.
Hierfür, dachte sich Patrick, hierfür habe ich mich nicht verpflichten lassen. Unter sengender Sonne zu verbluten, darauf zu warten, dass irgendwer oder irgendwas auftaucht, um dir den letzten Rest zu geben. Umgeben von nichts als kaputter Erde und deinem besten Freund, der zerfetzt neben dir liegt. Zu Hause würde man sagen: Das ist echt Scheiße.
Patrick versuchte mit aller Kraft, seinen Kopf zu wenden. Keine fünfzig Meter nördlich von ihm befand sich eine Erhebung: Wenn er es bis dorthin schaffen könnte, wäre es vielleicht möglich, dass ein vorbeifahrender Convoy ihn entdeckt. Sein Trupp würde sicherlich bald bemerken, dass er und Tommy fehlten; aber ohne Sichtkontakt würden sie ihn niemals finden. Die Sonne ging so schnell unter, dass Patrick etwas unternehmen musste.  
Er machte eine Checkliste: Vorbeugen, dann über den Boden kriechen. Es bis zum Gewehr schaffen, es dann als Krücke verwenden. Dann vorsichtig über die Felsen bis ins gelobte Land. Und zwar jetzt gleich, sagte er sich, sonst bist du tot.
Er hatte genügend Kraft, sagte er sich. Er musste nur den ersten Schritt machen. Doch aus irgendeinem Grund konnte er nicht.
Zu Hause würde man auch sagen: Tja.
Aus heiterem Himmel überfiel ihn der Hunger. Er würde also ganz ohne Henkersmahlzeit sterben müssen. Scheiß drauf, dachte er sich, und sein Gesicht verzog sich fast schon zu einem gequälten Lächeln. In dem Moment wurde Patrick klar, dass er seine wahre Berufung doch noch gefunden hatte: Er sollte langsam und elendig verrecken. Das Blut tropfte noch immer von seinem Kopf herunter, verlor sich unter ihm, größtenteils im Wüstensand. Seine Atmung war schwerfällig. Er konnte sich kaum noch konzentrieren. Seine Augenlider wurden immer schwerer.
Er hielt einen Augenblick lang inne; ein Gefühl von Gelassenheit, Frieden, fast schon wie Schlaf.
In seinem Gehirn war ein imaginäres Leuchtfeuer, das die unterschiedlichen Regionen durchsuchte, die hintersten Ecken seiner Erinnerung durchforstete, auf der Suche nach irgendetwas – ganz egal was.
Der Tod war in greifbare Nähe gerückt. Patrick entspannte sich, wartete auf den berühmten Moment, in dem sich Leben rückwärts vor seinem inneren Auge abspulen würde. Er wartete, der Lichtstrahl suchte immer weiter... doch geschah nichts.
Er holte tief Luft und öffnete die Augen wieder. Klar und deutlich, schlagartig in die Realität zurückgeholt, ließ sich die bittere Wahrheit nicht länger von der Hand weisen: Er hatte kein Leben gehabt. Jene bedeutenden Momente, die sein Leben einzigartig machten, gab es bei ihm nicht, zumindest war da nichts, was kurz vor seinem Tod noch einmal aufblitzen sollte.
Er war ein überflüssiges Stück Scheiße, weiter nichts.
Es hätte mich treffen sollen, dachte Patrick bei sich. Ich sollte hier tot am Boden liegen, und Tommy sollte derjenige sein, der es vielleicht doch noch schafft, nach Hause zurückzukehren. Tommy hätte sich sofort zu der Anhöhe geschleppt und seinen Arsch gerettet.
Er warf einen Blick auf Tommys Leiche: "Steh auf!", rief Patrick frustriert. "Steh schon auf, du Arsch!"
Mit einem Mal wurde ihm wieder schwindelig, und er verlor die Orientierung. Er drehte sich um und schaute zurück zur Anhöhe. Sie schien ihn immer noch zu sich zu winken, ja ihn fast schon hänseln zu wollen. Komm rüber, Soldat. Komm in Sicherheit.
Dann sank sein Kinn auf die Brust, und er schloss wieder die Augen.  



Sie sah hübsch aus. Das Haar fiel ihr als kastanienbraune Welle in die Stirn; eine Welle, die knapp über den dunklen, verführerischen Augen auslief. Ihr Gesicht war wie gemeißelt. Ihr Hemd war so ein hauchfeines Ding aus Baumwolle mit einem Kragen, und es saß auf der Haut wie ein Handschuh. Die genaue Farbe konnte er nicht sagen, aber er dachte dabei an Pastellfarben, an etwas Edles aus der Boutique, was man vielleicht "fliederfarben" oder "zartlila" nennt.
Am auffälligsten war jedoch ihr umwerfendes Lächeln. Es war nicht übertrieben; einfach nur ein Mund voll Lippen und Zähne, die zusammen das echteste und einladendste Lächeln bildeten, das Patrick je gesehen hatte.
Plötzlich bemerkte Patrick, dass die beiden miteinander schliefen. Er fuhr ihr mit seinen schwieligen Händen unters Hemd und von dort aus abwärts zu ihren festen, nackten Pobacken, die er locker umschließen konnte. Alles an ihr gab ihm neue Kraft. Sie schaute zu ihm auf und warf Patrick noch so ein warmes Lächeln zu. Sein Herz schlug höher und flimmerte regelrecht.   
    


Patrick machte die Augen auf. Er befand sich immer noch in der Wüste, war immer noch am Verbluten.
Wer war diese Frau? Er kannte sie nicht. Wer zum Teufel war sie bloß? Und wo war sie jetzt abgeblieben? Es hatte sich alles wie im Traum angefühlt; vielleicht kannte er sie doch. Doch wenn dem so sein sollte, dann hatte er schon wieder Mist gebaut, schließlich war sie nun fort. Und er kannte nicht einmal ihren Namen.
Er sackte in sich zusammen, das Gesicht fiel abermals in den Dreck.



Patrick fuhr mit seinem Motorrad das ebene Asphaltband entlang, das auf den Namen Highway 7 hört. Jenny saß hinter ihm, hielt sich ganz locker und gemütlich an ihm fest. Plötzlich kannte Patrick ihren Namen; er wusste alles über sie. Natürlich war das so, schließlich waren die beiden beste Freunde. Beziehungsweise es fühlte sich so an. Sein Motorrad dröhnte ganz ordentlich. Vielleicht war es nicht lauter als andere Motorräder, doch konnte er jedenfalls nichts von dem verstehen, was Jenny sagte. In seinem Rücken, die Arme um ihn geschlungen, war ihre Stimme allenfalls wie ein Flüstern zu vernehmen. Aber Patrick kümmerte das nicht weiter. Er fühlte sich warm. Was keineswegs auf die Thermo- und Lederschichten zurückzuführen war, die seinen Körper vor der kühlen Winterluft schützten. Er hatte im Physikunterricht hin und wieder aufgepasst, und es ergab keinen Sinn, dass Jennys Körper, keine fünfzig Kilo schwer, so viel Wärme an seine 90 Kilos abgeben können sollte. Aber so fühlte sich das nun mal an.
Als sie die Brücke am Moss River überquerten, stieg er aufs Gas und sie drückte sich noch enger an ihn. Patrick hatte Jenny noch gar nicht gesagt, dass er nach Hollywood fahren wollte, doch wusste er, dass sie nicht lange fackeln und definitiv mit ihm kommen würde. Er konnte nicht mal genau sagen, weshalb er es noch nicht erwähnt hatte, und nun wurde ihm klar, dass er besser nicht mehr länger abwarten sollte, um nicht zu riskieren, dass sie angepisst reagiert.
"Ich gehe nach Kalifornien", verkündete er. "Und ich möchte, dass du mit mir kommst."
"Was?", rief sie, weil der Motor so laut war, dass sie ihn kaum hören konnte. "Schon gut", sagte er und schüttelte den Kopf. Zufrieden schob sie ihre Hüften noch ein Stückchen näher an seine. Patrick lächelte, er fühlte sich gut und gab noch mal Vollgas.   



Plötzlich überkam Patrick ein Zittern. Möwen kreischten, und er schaute auf und sah, wie sie über ein bewegtes, graues Meer flogen. Jetzt liefen er und Jenny Arm in Arm über einen Landungssteg, auf dem reges Treiben herrschte. Ringsum schoben sich die Leute über die knarrenden Holzbohlen, hielten inne, um Geschäfte mit Verkäufern zu machen oder einen der Spielautomaten auszuprobieren. Es muss wohl ein Feiertag, der vierte Juli gewesen sein. Es passte nicht wirklich zusammen, dass das Wetter so unfreundlich war, aber wie sonst war zu erklären, dass überall US-Flaggen hingen und überall Feuerwerk abgebrannt wurde. Römische Lichter, Knaller, Wunderkerzen – ein buntes Spektakel wohin man auch schaute. Der Lärm störte Patrick nicht weiter. Er ging Jenny hinterher; gemeinsam schoben sie sich durch die Menge.
Patrick bemerkte, dass keine Hymnen oder patriotische Lieder liefen, und das kam ihm seltsam vor. Eigentlich hätte eine Blaskapelle die ganze Zeit über im Hintergrund spielen sollen, doch fiel ihm das Fehlen der Musik erst jetzt auf.
Jenny entdeckte einen Stand, an dem Zuckerwatte angeboten wurde und ging geradewegs auf die rosafarbenen Strähnen zu, die aus der Maschine tanzten. "Möchtest du auch?", fragte sie. "Geht auf meine Kappe. "Patrick schüttelte den Kopf. Jenny nahm ihn bei der Hand und führte ihn rüber zum Eisstand, wo es Eis mit Sirup gab. "Ich weiß genau, dass du auf die hier stehst!" Wie so oft lag sie damit richtig. Patrick bestellte ein großes Eis und zeigte auf den Kirschsirup.  
Der Mann hinter dem Stand füllte das geschabte Eis ein; dann ließ er Sirup drüber laufen. Das ging jedoch endlos so weiter, als ob er die Maschine nicht mehr ausschalten könne. Patrick warf ihm einen Blick zu, aber der Mann ließ einfach so lange Sirup über das Eis laufen, bis die Mischung mehr Sirup als Eis enthielt.
Patrick schaute dabei zu, wie der Sirup alles überschwemmte und hatte schon gar keine Lust mehr auf Eis. "Ist schon okay", sagte Jenny und führte ihn weg.



Die schmuddelige Tür des Aufzugs öffnete sich und Patrick trat in einen dunklen Flur. Der ausgefranste Teppich sah so aus, als ob er eigentlich ins Haus der Großmutter von irgendwem gehörte. Es stank nach abgestandenem Zigarettenrauch und billigem Raumspray. Von oben bis unten lösten sich die ausgebleichten Tapeten, wodurch der verschimmelte, gelbliche Putz zu sehen war.
Patrick ging an einer zerkratzten Tür nach der anderen vorbei, bis er schließlich die Nummer 305 fand. Er schlug ein paar Mal mit seiner Faust dagegen, aber die Musik, die hinter der Tür lief, übertönte sein Klopfen. Er schlug abermals dagegen, so doll, dass seine Knöchel bluteten. Hinter der Tür waren gedämpfte Stimmen zu hören.
Ein Riegel bewegte sich, die Tür ging auf und vor ihm stand ein monströser Kerl mit Glatze, der Jeans trug und am gesamten Oberkörper tätowiert war. "Wo ist Jenny?", fragte Patrick. "Was interessiert dich das?", lautete die Antwort des Hünen.
"Komm, lass mich bitte mit ihr sprechen", und Patrick versuchte, sich bei diesen Worten Zugang zur Wohnung zu verschaffen. Doch Glatzkopf war alles andere als zuvorkommend und stellte seinen Fuß in die Tür. Patrick war der erste, der zum Schlag ausholte, aber das entpuppte sich als ein Fehler: Sein Fausthieb brachte den Typen nicht wirklich aus der Fassung, veranlasste ihn aber dazu, mit einer Kombination zurückzuschlagen, die Patrick im Handumdrehen auf dem Boden landen ließ. Als Zugabe versetzte er Patrick mit seinen Arbeitsschuhen noch ein paar Tritte in die Magengegend.
Patrick stöhnte, ein stechender Schmerz breitete sich in seinem Magen aus, und schon bald verschwamm alles um ihn herum. Er dachte, er hätte Frauenbeine gesehen, die sich neben ihm hinknieten. Aber dann war auch schon alles schwarz.



Patrick fand sich plötzlich im Wald wieder; er war gerade dabei, behutsam einen glitschigen Felsen zu erklimmen, doch genau genommen handelte es sich dabei eher um einen übergroß geratenen Findling. Jenny war vor ihm. Sie breitete die Arme aus, sprang in die Tiefe und stieß einen ausgelassenen Schrei aus, bevor sie mit einem lauten Platscher ins Wasser eintauchte. Patrick sprang ihr sofort hinterher; er tauchte schon ins Wasser ein, als sie noch nicht mal aufgetaucht war. Das Wasser war für die Jahreszeit überraschend kalt, was ihm einen schönen Schock einjagte. Er suchte die dunkelblauen Wassermassen nach Jenny ab, doch konnte er nichts als eine schemenhafte Trübung erkennen, die direkt neben ihm zu erahnen war.
Ihre Köpfe kamen ungefähr zeitgleich an die Oberfläche. Jenny schaute suchend zum Felsen hoch, weil sie Patrick dort oben erwartete, bemerkte dann jedoch, dass er gleich neben ihr im Wasser war. "Du!", rief sie. "Du solltest doch warten!" Sie tat verärgert, aber ihre Freude war nicht zu übersehen.
"Ich kann mich verwandeln", antwortete Patrick. "Ich hab mich kurzerhand in den Wind verwandelt und schwupps war ich auch schon hier unten bei dir." Mit zugekniffenen Augen schaute er hoch zum riesigen Findling, der über den See ragte. Er war schon Tausend Mal von diesem Vorsprung ins Wasser gesprungen, aber heute fühlte es sich trotzdem wie das erste Mal an.
"Wirklich?" Jenny trat im Wasser auf der Stelle und musterte seinen Gesichtsausdruck. "Dann verwandle doch das hier mal..." Sanft drückte sie ihre Handfläche auf seine Stirn und schwamm los in Richtung Ufer. Patrick war nicht gerade der beste Schwimmer – Jenny scheinbar schon –, aber er blieb bis zum Ufer dicht hinter ihr. Sie kletterte aus dem Wasser und ließ sich in den Sand fallen. Im nächsten Moment lag Patrick auch schon an ihrer Seite.
"Das war nicht gerade nett." Er strich ihr die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Wie sehr sie diese Geste zu würdigen wusste, verriet schon ihr Lächeln. "Vielleicht bin ich es auch, die nicht gerade nett ist", schlug sie vor.
"Oh doch, das bist du." Jenny beugte sich zu ihm und legte ihren Kopf auf sein Schulterblatt. "Du bist der tollste Mann, den ich kenne."
Er schloss die Augen und spürte die Sonne auf den Lidern. Die ganze Welt war gelb, und er dachte darüber nach, wie sehr er doch den Sommer liebte. Er wünschte sich, dieser Moment mit Jenny würde nie vergehen.



Der Hollywood Boulevard war noch schäbiger als er im Fernsehen aussieht. Überall auf den Bürgersteigen eingetrocknete Kaugummis und weggeworfene Fastfood-Verpackungen; zu viel Lärm und Dreck lagen in der Luft vom endlosen Strom der Autos, die vorbeirauschten, dazu ganze Heerscharen kostümierter Geisteskranker an jeder Ecke. Patrick passte perfekt ins Bild: getrocknetes Blut klebte in seinem Gesicht, die linke Hand klammerte sich um eine braune Papiertüte; ein improvisierter Verband zierte die andere.     
Er hielt inne, um etwas in einem Schaufenster zu bewundern: Für ein kommenden Kinofilm war dort ein Panorama aufgebaut. Es sah beschissen aus. Kitschig. Wahrscheinlich die Art von Film, auf die Jenny stehen würde. Oder bleibt ein Country-Girl vielleicht doch nicht immer das Country-Girl, fragte er sich.
"Das sieht doch einfach nur wie ein Stück Scheiße aus, oder?", hörte er sie sagen. Doch als er sich umdrehte, war sie nirgends zu sehen.
Patrick stolperte die Straße hinauf und zog dabei die Aufmerksamkeit der knallbunt angezogenen Prostituierten auf sich. Er ging an den Rothaarigen und Blonden vorbei und heftete seinen Blick dann auf eine Brünette, die unter einer Straßenlaterne stand. Ihr Blick war abgewandt, und wie das Licht der Laterne so auf die Seite ihres Gesichts fiel, sah sie Jenny verdammt ähnlich. Patrick kam näher und hielt wieder an, um sie anzustarren, während sie ihre Angelegenheit zu Ende brachte. Schließlich wandte sie sich um und schenkte ihm freundlich ihre Aufmerksamkeit. Aus der Nähe und von vorne betrachtet erinnerte ihr Aussehen überhaupt nicht mehr an Jenny und deren Klasse. Sie bot ihm den Arm an, er nahm ihn und sie zogen zusammen los. Einen Moment lang fühlte sich Patrick so glücklich wie noch nie.



Es fing leicht zu regnen an. Aber Patrick war das egal. Er schaute zu, wie Jenny auf einen schönen Garten zulief; einen Garten, der ihm irgendwie seltsam bekannt vorkam. Als der Regen stärker wurde, ließ er sich auf eine Bank fallen. Auf seiner Stirn sammelten sich ein paar Tropfen und liefen ihm übers Gesicht, wodurch er kaum noch etwas sehen konnte. Mit Gewissheit konnte er es nicht sagen, aber Jenny schien sich umgedreht zu haben und nun zu flüstern: "Sehe ich dich bald wieder?" Patrick nickte, um ihr zu verstehen zu geben, dass daran kein Zweifel bestand.
 


Ein leises Geräusch holte Patrick zurück. Ihm lief der Schweiß übers Gesicht, und sein Körper schien jetzt genauso heiß wie die Wüste zu sein. Er befand sich immer noch in Afghanistan. Die Sonne ging gerade unter und er lag im Sterben. Dann vernahm er das Geräusch ein weiteres Mal. Etwas wie knirschende Schritte im Dreck. Er schaute rüber zu Tommy, Gott hab ihn selig, der nach wie vor entstellt und leblos neben ihm lag. Aus dem Augenwinkel glaubte er ein Wiesel oder eine Wüstenratte erkennen zu können.
Wie ferngesteuert löste Patrick seinen Gürtel und zog ihn langsam heraus. Er knüllte seine Tarnmütze zusammen und drückte sie auf die Wunde, um die Blutung einzudämmen. Dann band er alles mit seinem Gürtel ab und rollte sich auf die Seite.
Er robbte zu seinem Gewehr und konnte sich, darauf aufgestützt, vorsichtig aufrichten. Da war es schon wieder, dieses Geräusch. Oder vielleicht war es dieses Mal etwas anderes gewesen. Patrick warf seinen Kopf zur Seite und nun war es klar: Es handelte sich dabei um das Brummen eines Dieselmotors, der sich den Weg durch die Wüste bahnt.
Mit neuer Kraft bewegte er sich Zentimeter für Zentimeter auf den Kamm des Hügels zu. Dann warf er einen Blick ins Tal, das dahinter lag, und tatsächlich: aus östlicher Richtung, wie er meinte, kam ein Geländewagen der Army auf ihn zu.
Er hob das Gewehr in die Luft, winkte damit wild umher und versuchte einen Hilferuf auszustoßen. Aber seine Stimme machte nicht mit. Dann drückte er den Abzug seiner M16 und sie rief lauter als eine Kanone. Die Explosion schleuderte ihn zu Boden.
Dann wurde Patrick ohnmächtig.  

II

Die Maschinen, die Patrick am Leben hielten, surrten und piepten rhythmisch vor sich hin. Immer noch groggy, fragte er sich, wie lang er wohl geschlafen hatte. Doch dauerte es nicht lange, bis er sich orientieren konnte: Er war irgendwo in einem fernen Land im Krankenhaus. Er war verwundet worden, in der Wüste, durch einen Granatwerfer. Sie hatten ihn gerettet, ihn hierher gebracht. Es fühlte sich an, als wäre er eine ganze Woche lang bewusstlos gewesen, dabei war es wahrscheinlich nur ein Tag oder so.
Doch was hatte es mit diesen Träumen auf sich? Diesen Träumen von Jenny. Waren es überhaupt Träume gewesen? Vielleicht befand er sich ja jetzt gerade in einem Traum. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Und müde sein konnte er schon gar nicht – er war doch gerade erst wach geworden! Dabei war müde noch untertrieben. Und dazu war er ganz schön verwirrt. Vielleicht schlief er ja immer noch. Er grübelte einen Moment lang darüber nach, gerade lang genug, um schon wieder in den Schlaf zu gleiten.



Patrick schielte hoch zum Arzt, der über ihm stand. Er stellte eine Reihe von Fragen, aber Patrick konnte sie nicht beantworten. Das hier war kein gewöhnlicher Doktor; es war ein Psychologe – ein Seelenklempner. Er hätte genauso gut Farsi sprechen können. Patrick beachtete ihn nicht weiter und zog sämtliche Register, um bloß den direkten Blickkontakt mit ihm zu vermeiden.
Er hatte hier nun schon mindestens ein paar Tage verbracht, größtenteils schlafend, nur die Träume waren ausgeblieben. Ihm ging es schlechter denn je. Sie hatten ihm die Jugend geraubt, die Seele auch, und nun hatten sie ihm auch noch die Träume genommen. Er verfluchte den Tag, an dem er sich verpflichtet hatte.
Auch war es nicht gerade von Vorteil, dass das Zeug, was sie in Patricks Venen pumpten, seine mentale Drehzahl noch erhöhte: Jenny. Jenny. Jenny. Doch je stärker er versuchte, sich auf sie zu konzentrieren, desto weniger konnte er sich an ihr Gesicht erinnern.  
Warum hatten sie ihn nicht einfach in der Wüste liegen lassen können? Es hatten doch nur zwanzig Minuten zur absoluten Dunkelheit gefehlt... und selbst wenn seine Verletzungen nicht ausreichend gewesen wären, hätten die Geschöpfe der Nacht ihm sicherlich schon bald den Rest gegeben. Oder vielleicht ein gegnerisches Flugzeug. Das war nun mal sein Schicksal: wimmernd im Sand zu verenden. Warum hatten sie sich nur in sein Schicksal einmischen müssen?
Und was sollte jetzt passieren? Man würde ihn nach Hause schicken, um dort als ein weiterer Fall mit posttraumatischem Stresssyndrom in die Statistik einzugehen. Therapie würde für ihn nicht in Frage kommen, Sympathien hätte er keine verdient.
All diese Gedanken machten ihn müde. Er reckte sich, um einen Blick auf die Uhr zu werfen, aber er konnte nicht erkennen, wie spät es war. Eigentlich war es ja auch ganz egal. Seine Augen fielen zu.



Da war er wieder, rannte mit neuem Elan durch die Farne. Der Garten war größer, als er jemals gedacht hätte. Immer wieder bekam er flüchtig Jenny zu Gesicht, doch jedes Mal, wenn er eine Hecke umrundete, um sie zu überholen, war sie schon wieder weg. Überall lauerten irgendwelche Viecher. Patrick konnte sie nicht genau erkennen – sie hielten sich im Schatten versteckt –, aber er konnte ihre Gegenwart spüren. Auch ungesehen haftete ihnen etwas Dämonisches, Gefährliches an. Patrick hatte Angst um sein Leben.
Unbeirrt rannte er, während Adrenalin durch sein Herz schoss, so lange weiter, bis seine Beine versagten. Er fiel auf den Boden und legte eine Verschnaufpause ein. Er fühlte sich leer – ausgebrannt – mental vollkommen am Ende. Er wollte zusammenbrechen und weinen, aber selbst dafür fehlte ihm die nötige Kraft. Er vergoss unsichtbare Tränen.
Er igelte sich ein und übergab sich seinem Schicksal und dem Willen dieser Viecher.
Er war nun bereit. Bereit zu sterben. Die Dunkelheit verschluckte ihn.
 


Langsam öffnete Patrick die Augen. Er konnte klar sehen, konnte jedes einzelne Detail im nüchternen Krankenhauszimmer ausmachen. Oben an der Wand hing der Fernseher. Die Fernbedienung lag neben ihm auf einem Tisch, aber Patrick hätte niemals die nötige Energie aufbringen können, um sie sich zu holen. Typisch. Wie lange würde dieser höllische Zustand wohl andauern?
Die Tür ging auf, und Patrick machte sich schon auf die nächste Runde mit dem Seelenklempner gefasst. Doch es war sie, die eintrat. Jenny.
Hätte er nicht schon gelegen, wäre er spätestens jetzt umgekippt und auf den Boden gefallen. Er hatte sich alles an ihr eingeprägt, und sie sah genau so aus wie in seiner Vorstellung – mit dem einzigen Unterschied, dass sie nun in einem Schwesternkleid vor ihm stand. Und sie hatte irgendetwas mit ihrem Haar gemacht; es war hochgebunden, fiel ihr nicht wie sonst vor die Augen.
Patrick saugte jede einzelne Falte ihrer frisch gestärkten, weißen Bluse in sich auf. Sie sah aus wie eine Göttin. Sie bemerkte, dass er aufgewacht war, und lächelte ihn an. „Guten Morgen! Wie geht’s uns denn heute?“ Ihre Stimme klang ein wenig anders. Vollkommen gefesselt nickte er. Federleicht bewegte sie sich durch den Raum und hielt an seinem Bett an. Jetzt konnte Patrick ihr Namensschild erkennen: J. Turner.
"Jenny?" Nein, sagte schon ihr Lächeln. "Julia." Patrick war verwirrt. Aber sie war es doch – oder etwa nicht?
"Und du bist Patrick." Sie verstellte irgendetwas an der Infusion.
"Warst du schon mal in Kalifornien?", fragte er mit einer Stimme, die schwächer klang als gewöhnlich. Julia schüttelte den Kopf: "Nein. Aber ich wollte dort schon immer hin." Patricks Herz schlug mit einem Mal höher.
"Alles okay?", fragte sie. Patrick gab ein leichtes Stöhnen von sich, um die Frage zu bejahen. Als Julia näher kam, wollte er ihr eine der unzähligen Fragen stellen, die ihm durch den Kopf schossen, aber seine Stimmbänder wollten da nicht mitspielen.
Julia legte ihre zarten Handflächen liebevoll um seine Hände. "Psst. Nicht so viel reden. Wir können uns später unterhalten. Du hast noch dein ganzes Leben vor dir."
Patrick machte die Augen zu. Während er abermals in den Schlaf glitt, wurde ihm klar, dass er sich zum ersten Mal seit Jahren auf den kommenden Tag freute.


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