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19.08.2008

Biografie Melody Gardot

Ein kalter Novembertag in Philadelphia, 2003. Die 19-jährige Modedesign-Studentin Melody Gardot verlässt das Community College an der Spring Garden Street. Sie steigt auf ihr Fahrrad und fährt östlich in Richtung Queen Village, wo sie wohnt. In der Altstadt nimmt ihr ein plötzlich aus einer Seitenstraße herausschießender Jeep die Vorfahrt und überfährt sie. Mit Blaulicht kommt Gardot ins Krankenhaus. Ihre Hüfte ist mehrfach gebrochen, eine gravierende Wirbelsäulenverletzung lähmt ihr Nervensystem. Monatelang liegt die junge Frau auf der Intensivstation. Vor ihrem Unfall hatte sie nebenbei als Pianistin und Sängerin in einer Bar gearbeitet. Nach dem Unfall wird die Musik zu ihrer letzten Bastion.

Gardot leiht sich ein Achtspur-Aufnahmegerät von einem Freund und nimmt zu Hause eine EP mit dem Titel "Some Lessons" auf - ironischer Untertitel: "The Bedroom Sessions". Ironisch, ja, zynisch jedoch nicht. Denn die Musik ist nicht annähernd so düster wie man annehmen könnte. Hört man die Songs, ohne etwas von ihrem Hintergrund zu wissen, so ist man schlicht auch so von ihnen beeindruckt. So geschieht es Helen Leicht, Moderatorin des Radiosenders WXPN aus Philadelphia, als sie 2005 Gardot bei einem Konzert im World Cafe sieht: "Ich verliebte mich in sie. Ich hörte ihre Stimme und dachte: Diese Frau ist unglaublich."

Die Presse wird hellhörig. Das City Paper Philadelphia verleiht ihr einen Preis: "In unseren Augen ist niemand ein inspirierterer, ein talentierterer Kämpfer als das Singer-Songwriter-Phänomen Melody Gardot", formuliert blumig die Zeitung. "Sie machte aus dem Schmerz eines schicksalhaften Autounfalls verblüffend ausgereifte und vollkommen fesselnde Musik." Katherine Wright weiß, warum: "Musik befähigt einen Menschen, sich zu erinnern. Musik ermöglicht einem, sich zu identifizieren. Einen Song zu schreiben, ist die perfekte Konzentrationsübung", erklärt die Spezialistin von der Music Therapy Association of British Columbia. Gardots musikalische Selbsttherapie brachte ein Debüt hervor, das so zwingend ist wie nur wenige der letzten Jahre, umso mehr in ihrem Genre: dem jazzigen Singer-Songwriter-Pop oder dem neuen Vokaljazz, wenn man so will.

Gemeinsam mit dem Grammy-prämierten Produzenten Glenn Baratt (er arbeitete bereits mit Sting und Jill Scott) nahm Gardot ihr Debütalbum "Worrisome Heart" auf. "Das Album hat so eine Mitternachtsstimmung", beschreibt sie es selbst. "So als würdest du nachts aufstehen, weil du nicht schlafen kannst, und eine Platte auflegen." Irgendwo zwischen Billie Holiday und Bessie Smith, zwischen Blues und Jazz singt Gardot mit tiefer Altstimme Stücke, die Cole Porter heute geschrieben hätte, zurückgenommen und dabei voller Soul. Songs wie "Wicked Ride" machen keinen Hehl aus ihrem Trauma, stellen es aber nicht selbstmitleidig in den Vordergrund. "Als Glenn Kontakt mit mir aufnahm und mir anbot, mein Debütalbum zu produzieren, sagte ich ihm, dass ich keinen Produzenten suchte - sondern einen Co-Produzenten. Wir setzten uns zusammen und redeten. Am Ende hoben die Songs im Studio ganz von allein ab, ohne große Vorgaben, das war magisch", erzählt Gardot.

"Ich wollte so viel von mir geben wie nur möglich. Songs wie 'Love Me Like A River Does' erzählen sehr viel von mir, was ich durchmachte, wo ich jetzt bin." Neben ihrem regulären Trio spielen Gitarrist Jef Lee Johnson (Billy Joel, Aretha Franklin), Organist Joel Bryant (Harry Connick Jr.) und Trompeter Matt Cappy (Jill Scott) auf "Worrisome Heart". "Für mich war es natürlich ungewohnt, mit solchen Musikern zu arbeiten", erklärt Gardot. "Mein eigenes Trio kannte die Songs ganz genau, und diese Profis nicht. Aber ich musste ihnen nicht viel dazu erklären, sie konnten meine Gedanken lesen."

Seit dem Unfall ist die inzwischen 23-Jährige wieder zu ihren Eltern gezogen - und lebt zurückgezogen. Ihre Hüftverletzung zwingt sie dazu, sich beim Gehen auf einen Stock zu stützen. Das Wirbelsäulentrauma verursachte einen Tinnitus. Die Sängerin kann nicht mehr weghören, jedes Hintergrundgeräusch dringt in den Vordergrund, so dass sie ständig Ohrenstöpsel tragen muss. "Es bringt mich weg von lauten, nervigen Leuten. Ich kann sie physisch nicht ertragen", sagt sie mit einem Lächeln. Weiteres Symptom ist eine Fotosensibilität, die Gardot dazu zwingt, ständig eine Sonnenbrille zu tragen. Ebenso trägt sie einen kleinen Apparat am Gürtel ("die Leute denken, das sei ein iPod"), der ihre Muskelschmerzen lindert. Bei Konzerten muss sie ihn abschalten, denn er stört die Tontechnik.

"Was bedeutet eigentlich 'disability'?", fragt sich Melody Gardot auf ihrer MySpace-Seite über das englische Wort für Behinderung, wörtlich: "Unfähigkeit". "Trifft dieses Wort nicht auf jeden Menschen zu, wenn es um bestimmte Aufgaben geht? Wie viele Menschen können zum Beispiel überhaupt nicht gut malen? Das Wort degradiert. Ich selbst sehe mich so, dass ich einige Dinge kann und andere nicht. Und ich brauche, was andere nicht brauchen: Einen Gehstock, eine Sonnenbrille, Ohrenstöpsel und schöne Schuhe, was soll sich sagen, ich liebe nun mal Schuhe."


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