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Hier findet ihr alles rund um Newcomer Michael Kiwanuka BACKSTAGE EXCLUSIV

Aktuelles Album

Michael Kiwanuka, Love & Hate, 00602547859051

Love & Hate

(Standard)

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Biografie

30.05.2016

Michael Kiwanuka, "Love & Hate", 2016

"Bei diesem Album dreht sich einfach alles um meine Gefühle. Mein Hauptanliegen war es, Melodien zu finden, die mein Wesen einfangen. Dabei habe ich mir immer wieder diese eine Frage gestellt: Bewegt dich das, was du da hörst?"

Als Michael Kiwanuka vor vier Jahren, im April 2012, sein Debütalbum "Home Again" veröffentlichte, steckte der junge Londoner damit auf Anhieb seinen Claim als die neue Soul-Sensation ab: Er war der Mann der Stunde, der britische Newcomer des Jahres, derjenige Singer/Songwriter, dessen Erstling sich zwar in keine klare Genrekategorie zwängen ließ, aber doch an die großen, unvergessenen Namen der Soulgeschichte anknüpfte. Und der diese Tradition ins Jetzt beförderte.

Nachdem Kiwanuka zwischenzeitlich tief durchgeatmet und sich in seinem ganzen Ansatz als Musiker gefestigt hat, ist er nun zurück mit seinem zweiten Album, das noch eindringlicher klingt: Drehte sich der Vorgänger, wie im Titel andeutet, um eine Rückkehr nach Hause, bewegt er sich mit "Love & Hate" in die entgegengesetzte Richtung. Er lässt diese Heimat hinter sich, tritt hinaus ins Freie – und verlässt damit zwangsläufig auch seine Komfortzone. "Love & Hate" ist vor allem ein Statement: wahnsinnig persönlich, extrem gefühlvoll, untermauert von satten, massiven Soul-Produktionen.

Zwei Jahre hat der im Norden von London aufgewachsene Brite mit ugandischen Wurzeln an dem neuen Album gearbeitet, sich mit neuen Produzenten zusammengetan und so ein Fundament geschaffen, auf dem er nun seine ganze Verletzlichkeit ausbreitet. Waren zuvor immer wieder Namen wie Terry Callier oder Otis Redding als Referenzpunkte gefallen, gepaart mit Begriffen wie "Folk-Soul", bezieht er sich mit seinem schwelenden, manchmal aufflammenden, im Blues getränkten Sound zwischen Soul und Pop auf das Fundament genau dieser Künstler, um darauf etwas Neues zu errichten, das Genre aufzusplitten und ganz andere Energien auf diesem Nährboden zu züchten.

Es überrascht dabei nicht, dass Kiwanuka Kompositionen von Marvin Gaye, Isaac Hayes und John Lennon als Einflüsse anführt, und wenn er dann davon erzählt, was er an diesen persönlichen Helden so sehr liebt (Beispielsatz: "Diese Melancholie, diese absolute Aufrichtigkeit von Gaye: Er versteckt sich einfach nicht hinter seinen Texten."), dann könnte er sich damit genauso gut auf sich und seine eigenen Songs beziehen.

"Besessen" ist das Wort, das Kiwanuka wählt, wenn er von seiner Beziehung zur Gitarre als Heranwachsender erzählt – und seine Anekdote, wie ihn eine Doku über Jimi Hendrix als Teenager, der sich zunehmend seiner Hautfarbe bewusst wurde, vollkommen verändert hat, ist wirklich umwerfend. Und genau jetzt, nachdem er für seinen Erstling schon unzählige Lobeshymnen kassiert hat und längst mit Größen wie Adele auf Tour war, zeigt er uns, was genau er damals alles gelernt hat.

"Dieser Beichtaspekt hat schon etwas Reinigendes für mich", sagt er dann. "Du akzeptierst es, und sobald es im Kasten ist, ist es auch schon draußen in der Welt. Für mich ist das wie eine Therapie. Und inzwischen lebe ich einfach nicht mehr so, dass ich mich für alles entschuldigen würde. Bei meinem ersten Album habe ich mir im Grunde genommen über alles Sorgen gemacht."

Auch musikalisch präsentiert Kiwanuka einen Sound, der kompromissloser und abwechslungsreicher denn je klingt. Daran beteiligt waren zwei neue Produzenten, die er sich an seine Seite geholt hat: Einerseits einen jungen Londoner namens Inflo, mit dem Kiwanuka die erste Single "Black Man In A White World" geschrieben hat. Und dann war da noch ein gewisser Grammy-Gewinner: Brian Joseph Burton, besser bekannt als Danger Mouse, der so sehr von Michaels ersten Aufnahmen angetan war, dass er ihn irgendwann anschrieb und eine Zusammenarbeit vorschlug. Der US-Producer, der unter anderem für seine Arbeit als eine Hälfte von Gnarls Barkley sowie als Produzent für die Gorillaz oder die Black Keys bekannt ist, war schon deshalb ein perfektes Match, weil auch er dafür bekannt ist, das musikalische Erbe vergangener Dekaden in neue Kontexte zu überführen – was ja letztlich auch Kiwanukas Anliegen ist. Mit Danger Mouse hinter den Reglern gelang es dem Briten tatsächlich, noch ganz andere Facetten aus sich herauszuholen...

"Beim ersten Album war das alles sehr viel technischer", meint er rückblickend. "Da lief das so: 'Okay, also wir brauchen ganz genau diesen einen Schlagzeugsound, und dazu ein altes Mikrofon – und dann noch den perfekten Gitarrensound.' Ich liebe diese Sounds natürlich, daran wird sich auch nie etwas ändern, aber durch Brian (Danger Mouse) veränderte sich meine Sicht auf diese Dinge. Mir wurde klar, dass Musik eben nicht nur daraus besteht, die Instrumentierung bis ins kleinste Detail zu dekonstruieren. Es geht ums Feeling. Man muss das fühlen."

Ein neuer Ansatz und ein neues Producer-Team also, wodurch der Sänger neue Energien für die Arbeit anzapfen konnte, nachdem er sich lange Zeit mit intensiven Selbstzweifeln herumgeschlagen hatte. Nun war Schluss damit, die Arbeit konnte beginnen. Und zwar in London, aber auch in Los Angeles. "Ja, ich hatte ja sogar schon ans Aufhören gedacht, nachdem mein erstes Album erschienen war", gesteht er. "Aber diese neue Sichtweise machte mir klar, dass nur das gefehlt hatte: Ein neuer Ansatz, der wirklich widerspiegelt, wo ich heute stehe."

"Love & Hate" ist ein selbstbewusstes Statement: Hier gibt Kiwanuka selbst den Ton an und das Tempo vor, was durchaus auch mal Stillstand bedeuten kann. Bestes Beispiel dafür ist die Single "Black Man In A White World", womöglich der absolute Höhepunkt des neuen Albums. Inspiriert vom alten Südstaaten-Blues von Son House, nimmt er uns einfach mit, während er ganz offen über seine Weltsicht nachdenkt und Themen wie Hautfarbe, Identität in der Diaspora und seine Ängste anspricht: Es ist ein wirklich ergreifender Moment. Pure, vertonte Verletzlichkeit, pure Kraft. Der Bass und der Beat unterstreichen jedes einzelne Wort, wenn er singt: "I'm a black man in a white world/I'm in love but I'm still sad/I found peace but I'm not glad". Drei Zeilen genügen und man weiß, wie sich diese Zerrissenheit für ihn anfühlt.

"In dem Song geht's um die Gefühle meiner Kindheit, diese Traurigkeit, diesen Frust darüber, in einer Gegend wie Muswell Hill aufzuwachsen, wo es sonst kaum Schwarze gab und man sich permanent als Außenseiter fühlte. Es geht darum, irgendwie zu spüren, dass man nie und nimmer ein Rockstar sein kann, weil man immer unter Jazz eingestuft wird. Oder später auf die Royal Academy of Music zu gehen und dort keinen einzigen Farbigen zu sehen – und zu erkennen, wie sehr ich doch ein Schwarzer in einer weißen Welt war."

Seine vielleicht größte Stärke ist es, diese Art von Schmerz wirklich an die Oberfläche zu holen, nichts davon zu verstecken. Im Fall von "Cold Little Heart" baut er eine unglaubliche Spannung auf, die dann in eine herzzerreißende Frage mündet: "Did you ever want it?" Dahingesummtes trifft auf sanfte Klaviermelodien, und mit jeder weiteren Zeile macht er einem klar, dass wir in der Liebe letztlich alle verletzlich sind. Ein Thema übrigens, das er auch auf "Final Frame" aufgreift: Hier geht's um den Moment, wenn man sich für eine Beziehung entschieden hat und sich nun in eine ungewisse, gemeinsame Zukunft stürzt.

"Father's Child" handelt von der Spiritualität, von seiner Beziehung zu Gott: "I've been searching for miles and miles/Looking for someone to walk with me", so seine Worte über den bisher zurückgelegten Weg. Die eingestreuten Ad-libs vergleicht er selbst mit "Reden in Zungen" und blickt dabei wiederum auf seine Kindheit, eine Zeit mit vielen Kirchenbesuchen. "Genau genommen handelt der Song von einer Bestimmung: Davon, an der Seite von einem anderen zu sein. Und diese Ad-libs klingen tatsächlich nach fremden Zungen, es sind Texte, die aus dem Bauch kommen und schon raus sind, bevor sich das Gehirn überhaupt einschalten kann." 

Fragt man ihn abschließend nach dem Punkt, an dem er heute, nach der Fertigstellung des neuen Albums, steht, so sagt er: "Vieles auf diesem Album dreht sich darum, mit den Unsicherheiten zu kämpfen, die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet hatte. Auf dem ersten Album ging es um einen ähnlichen Kampf: mit dem Glauben. Dieses Mal zerbreche ich mir darüber nicht so sehr den Kopf: Ich habe inzwischen akzeptiert, dass er kommt und geht, und jetzt stehe ich da – auf mich allein gestellt."

Unerschrocken und aufrichtig, durchbricht Michael Kiwanuka mit "Love & Hate" den emotionalen Kokon seines Debütalbums und untermauert mit jedem neuen Song seine Position als einer der wichtigsten UK-Songwriter unserer Zeit. Viel ist passiert in der Welt in den letzten vier Jahren, seit "Home Again" erschienen ist. Jetzt bricht Kiwanuka auf in diese neue Welt – die ihm mehr denn je zu Füßen liegt.