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Mika, No Place In Heaven, 00602547620897

No Place In Heaven

(Special Edition)

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22.07.2009

ALBUM „The Boy Who Knew Too Much“ (VÖ 18. SEPTEMBER 2009)

Es ist längst bekannt, dass Mika kein gewöhnlicher Künstler ist. Ehrlich gesagt wäre es mittlerweile sogar an der Zeit, ihm einen Nachnamen zu verpassen: „Ausnahme“ vielleicht. Oder „Überflieger“. In unglaublich originellen Klangwelten beheimatet, die er eigenhändig kreiert, zählt er zu den wenigen männlichen Popstars in seiner Altersklasse, die niemanden imitieren oder vergeblich irgendwelchen Trends hinterherlaufen. Klassisch geschult, mit einer Vielzahl von ethnischen Einflüssen aufgewachsen und bekanntermaßen dazu neigend, körperlich alles auf der Bühne zu geben, steht sein Name vor allem für eines: den atemberaubenden Ausdruck seiner Persönlichkeit. Laut eigener Aussage lässt sich Mikas Musik jedoch ohne Probleme zusammenfassen: „Unterm Strich sind es immer positive Songs, die den Menschen neue Kraft geben und dabei weder an irgendwelche Modeerscheinungen noch an Konventionen angelehnt sind“, sagt er und ruft einem damit ein fast schon vergessenes Konzept des Pop ins Gedächtnis: Eigenständigkeit.

Während sein Debütalbum „Life In Cartoon Motion“ als dreist gestaltete Visitenkarte und überdimensionales Aushängeschild dieser Eigenständigkeit fungierte, überzeugt der Nachfolger mit dem Titel „We Are Golden“ als perfekt ausgereifte Version eines unmissverständlichen Pop-Sounds, den keiner so beherrscht wie er: Da wäre die Stimme, die locker mehrere Oktaven umspannt, das meisterhafte Klavierspiel, die druckvollen Rhythmen und explosionsartigen Höhepunkte, die überlebensgroßen Geschichten, mit denen er menschliche Probleme auf den Punkt bringt, und schließlich die großformatigen Pop-Produktionen, die einem schlichtweg die Schuhe ausziehen. „Als ich mich dieses Mal an die Arbeit machte, lautete mein zentraler Vorsatz: selbst die Initiative ergreifen und mich nicht von außen beeinflussen lassen“, sagt er. „Ich musste noch einmal ganz von vorne anfangen, zu demjenigen Punkt zurückkehren, an dem noch niemand seinen Senf zu meinem individuellen Ansatz dazugegeben hatte.“ Es gibt nur ein einziges Wort, das beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn man den zweiten Teil seines kaleidoskopischen Pop-Traums anhört. Es lautet „waghalsig“.

Mika begann seine Karriere mit der Hit-Single „Grace Kelly“. Weltweit verkaufte sich der Song knapp drei Millionen Mal; zudem war es die zweite Single überhaupt, die in England allein durch Download-Verkäufe an die Spitze der Singlecharts ging. Insgesamt verkauften sich die Singleauskopplungen von „Life In Cartoon Motion“ über sechs Millionen Mal, während das Album selbst ebenfalls über fünf Millionen Einheiten verkaufte. Nominiert und/oder mit Preisen überhäuft wurde Mika bei den BRIT Awards, den Grammys, den Ivor-Novello-Awards, von Capital Radio, vom Q Magazine, bei den World Music Awards, den Vodaphone Live Awards, den BT Awards, den Virgin Media Awards sowie bei den MTV Music Awards in Europa, Asien, Australien und Japan, um nur einige seiner Auszeichnungen zu nennen. Doch diese ganzen Zahlen und Fakten können nur ansatzweise zeigen, wie er die Popwelt in seinen Bann zog, als er sich erstmal ins Getümmel gestürzt hatte – sie beweisen allenfalls, wie einer der größten Außenseiter des Pop es schließlich doch noch geschafft hat, diese schnelllebig-schillernde Welt auf den Kopf zu stellen und zu erobern. 

Bevor er seinen Vertrag bei Casablanca/Island Records unterzeichnete, war Mika von einem Majorlabel nach dem anderen abgelehnt worden – eine Sache übrigens, die im Text von „Grace Kelly“ bestens dokumentiert ist –, so muss man seinen Durchbruch als einen Sieg der Kreativität über bloße Modeerscheinungen interpretieren. Mit Mika hatten Songs mit Substanz letztendlich doch die Oberhand behalten. Und das, obwohl er ganz bewusst den schwierigeren Weg zum Erfolg gewählt hatte: Ihm ging es von Anfang an um Langlebigkeit, die nur erreicht, wer eine klare Linie vertritt und eben nicht den schnellen Hit landen will.

Jetzt, da er sich zurückmeldet, sind die Songs zwar andere, doch die Grundeinstellung ist nach wie vor dieselbe: Mit Stücken wie „We Are Golden“, dessen Refrain im Handumdrehen den ganzen Raum ausfüllt, „Toyboy“, das an Disney-Melodien der Vierziger erinnert, oder auch seiner bewegenden Variante von Achtziger-Power-Pop, die er im Fall von „Touches You“ abliefert, zeichnet sich die LP durch ein gewaltiges Klangspektrum und eine groß angelegte Vision aus, die nicht davor zurückschreckt, auch mal einen Blick auf die Klassiker der Geschichte zu werfen. Von Rollschuh-Disco-Hymnen („Rain“) bis hin zu melancholischen Betrachtungen über seelische Schocks, die er selbst durchleben und verarbeiten musste („Dr. John“), ist sein Sound durchweg untermauert von einer offenen und optimistischen Einstellung zum Leben im 21. Jahrhundert, so widersprüchlich und komplex es auch sein mag. Was noch an Mika auffällt? Er hat keine Angst vor den ganz, ganz großen Gesten. Während die Vertreter der Rockwelt dafür geliebt werden, U2 zu imitieren und dadurch stadiongroße Gefühle auszulösen, gibt es Prunk und Pomp im Pop heute kaum noch, zumindest wenn man von den aufstrebenden Pop-Queens einmal absieht, die in der Regel genügend nackte Haut zeigen, um in einer ganz anderen Art von Magazin abgebildet zu sein... und die niemals ihre eigene Platte kaufen würden. Mika ist gekommen, um diese Lücke zu füllen.

Als sich der Wirbelwind des plötzlichen Erfolgs und das überwältigende Gefühl, die Menschen endlich mit seiner Musik erreicht zu haben, langsam legte, suchte sich Mika eine Wohnung in Los Angeles, um sich erste Gedanken über sein Zweitwerk zu machen. Er fand ein hübsches Plätzchen, gegen das er seine alte Londoner Kellerwohnung eintauschte, um dort mit seinem Kreativpartner und Produzenten Greg Wells die Arbeit aufzunehmen. Und dann schaltete sich seine Mutter ein: „Sie sagte mir, dass ich es mir nicht zu leicht machen sollte“, berichtet er. Weise Worte, die man als Sohn natürlich nicht einfach so ignorieren kann. Also zog er wieder aus und zurück in das billige Hotel, in dem er schon sein Debütalbum komponiert hatte. Als es dann endlich an die Gestaltung des zweiten Teils der fesselnden Mika-Saga ging, fasste er den Entschluss, alles zu vergessen, was er in zwei Jahren im Rampenlicht gelernt hatte. „Ich betrachte das immer noch als ‘Bedroom Music’, als Musik, die im eigenen Schlafzimmer entsteht. Es geht nur darum, am Klavier zu sitzen und das zu singen, was ich unbedingt loswerden will.“

„Mein Debüt betrachte ich als eine Platte über die Kindheit“, sagt er weiterhin. „Sie hatte diese gewisse Unschuld. Dieses Mal haben wir uns zehn Jahre weiter bewegt und den Gemütszustand eines Heranwachsenden eingefangen. Die Jugend ist schließlich eine der schönsten und aufregendsten Lebensphasen. Wenn diese ganzen Erfahrungen – Sex zum Beispiel, oder Drogen und Beziehungen – noch vollkommen neu sind und sie noch keinen schlechten Beigeschmack haben. Diese Erlebnisse in Form von Songs zu verarbeiten war für mich eine Art Garantie, dass ich noch persönlicher werden musste.“ Kurz gesagt: Die Charaktere, die sich Mika für die Geschichten von „Life In Cartoon Motion“ ausgedacht hat, findet man auf Album #2 nicht mehr. „Ich glaube immer noch an Geheimnisse, und ich denke nicht, dass ich mich heute noch für irgendetwas aus meinem Leben großartig rechtfertigen muss. Schließlich sage ich alles ganz offen in meinen Stücken. Songs zu schreiben gibt mir die Möglichkeit, etwas über mich selbst zu erfahren.“

Was jedoch nicht heißen soll, dass er die Idee, Texte in der ersten Person zu schreiben, zunächst nicht etwas beängstigend fand. „Fröhlichkeit und eine positive Sicht der Dinge haben auch ihre Gefahren. Darum ist es so verlockend und gefährlich zu vergessen, wie sich das erste Mal, dass man etwas gemacht hat, wirklich angefühlt hat. Ich musste dieses Mal also damit zurechtkommen, einen Song über mich selbst zu schreiben. Davor hatte ich zunächst wahnsinnige Angst. Und genau aus dem Grund musste ich es machen.“ Zu dieser Überzeugung gesellte sich noch Mikas inzwischen klassischer Grundsatz, der besagt, dass man keine Angst vor den Kritikern haben darf: „Als angesagter Songwriter kann man leicht dem Irrglauben verfallen, man dürfe nicht die Grenzen eines Popsongs sprengen. Wer das tut, könnte sich schließlich dem Spott der Kritiker aussetzen. Ich finde jedoch, dass sich der perfekte Popsong so anfühlen sollte, als habe man endlich genau die Jacke gefunden und übergestreift, die man schon immer besitzen wollte.“

Wahnsinnig spannend an Mikas Musik waren von Anfang an seine Versuche, die eigenen Unsicherheiten und Fehler mit denen seiner Charaktere zu verknüpfen, die er in den Songs zum Leben erweckt. Oftmals weiden sich diese Charaktere an ihrem Anderssein, oder sie haben, wie auch Mika seit seiner Kindheit, regelrecht damit zu kämpfen. Diese oberste Schicht seiner Texte findet man auf dem neuen Longplayer nicht mehr, doch soll das nicht heißen, dass er an großen Gefühlen oder Intrigen gespart hat. Schließlich lebt Popmusik schon immer davon, dass Individuen ihr Anderssein, ihre Besonderheiten zelebrieren und sie sogar noch mit einer gehörigen Portion Glitter unterstreichen und ausschmücken. Bei Mika ist es dieses Mal seine ganz besondere Art von Traurigkeit, die ebenfalls auf dem Album zu finden ist, wobei die emotional aufgeladene Melodie von „Dr. John“ und das Dilemma, das den Mittelpunkt von „Blame It On The Girls“ darstellt, die deutlichsten Beispiele dafür sind.

Da er schon bei seinem Debüt absolut richtig damit lag, einzig und allein auf sich selbst zu hören, hat der Boss seines Labels höchstpersönlich verordnet, dass auch dieses Mal niemand Mika während der Arbeit stören durfte. „Ich wurde abgeschirmt. Jegliche Beeinflussungen wurden von mir ferngehalten, und so war ich einfach nur vollkommen auf mich allein gestellt.“ Selbst wenn er zunächst mit der Abgeschiedenheit zu kämpfen hatte, überwand er diese Probleme schon bald – und zwar auf höchst unorthodoxe Art: „Disziplin war die Lösung. Ich bin jeden Morgen um Punkt 10 ins Studio gegangen, war jeden Tag im selben Laden zum Mittagessen und bin jeden Abend um sieben Uhr in dieselbe Kneipe gegangen.“ Weil Mika dazu neigt, unglaublich viele Dinge auszuprobieren und miteinander zu verknüpfen, ist es besonders wichtig, dass es sich anfühlt, als sei alles mit derselben Kamera gedreht worden. Es muss aus einem Guss sein. Auch dafür hat Mika einen Trick: „Es gibt eine Übereinkunft zwischen mir und den Leuten, mit denen ich arbeite: Sie müssen während der Aufnahmen voll und ganz in meiner Welt sein. Wir hören keine andere Musik. Wir verlieren uns vollkommen in dieser einen Welt.“
Während der Arbeit an seinem zweiten Album „We Are Golden“ hat Mika etwas in sich entfesselt, indem er einen anderen Aspekt seiner Persönlichkeit freigesetzt hat. „Ich fühle mich befreit. Ich habe die nächste Hürde genommen. Das musste ich auch, und ich habe etwas geschafft, was mir sicherlich auch beim dritten und vierten Album helfen wird. Ich habe mich endlich an den Gedanken gewöhnt, dass meine kleinen ‘Bedroom’-Alben keine ‘Bedroom’-Alben mehr sind und dass ich ein Songwriter bin.“

Und ein grandioser, mutiger Popstar noch dazu.


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