Backstage
Mike Oldfield BACKSTAGE EXCLUSIV

Aktuelles Album

News

12.03.2008

Kosmische Harmonie

Mike Oldfield, Kosmische Harmonie

Mike Oldfield galt als ein Wunderkind der Rockmusik. In einer Ära, als die dem Lausbubenalter entwachsene Sparte der musikalischen Selbstfindung gerade auf einen Höhepunkt der neuen bombastischen Seriosität zusteuerte, kombinierte der eigenbrötelnde Folk-Junge aus der englischen Grafschaft Berkshire Elemente der Minimal Music, der Rock-Denker-Attitude und des zeittypischen Hangs zur bewusstseinserweiterten Transzendenz zu monumentalen Kompositionen, die nicht selten das Format der Langspielplatte sprengten. Heute sieht er diese experimentellen Anfänge mit einer Mischung aus Nostalgie und Gelassenheit, ohne aber den Ernst, der hinter all seinen musikalischen Bestrebungen steht, zu vergessen. Im Gegenteil: Mike Oldfield knüpft mit "Music Of The Spheres" unmittelbar an diese Jahre an und hat nun endlich zur Verfügung, was ihm damals schon immer vorschwebte: ein großes Orchester und herausragende Solisten wie den Pianisten Lang Lang und die Sängerin Hayley Westenra.

Mike Oldfield muss nichts mehr beweisen. Das hat er bereits vor mehr als dreißig Jahren gemacht. Damals hatte er sich nach mehr oder weniger erfolgreichen Anfängen mit Bands wie Whole World oder auch im Gespann mit seiner Schwester Sally für rund acht Monate in ein Studio zurückgezogen und im Multitrack-Verfahren rund zwei Dutzend selbst gespielte Instrumente zu einer wuchtigen Collage mit dem Titel "Tubular Bells" fusioniert. Die Reaktionen auf dieses Klangepos, mit dem er damals übrigens auch den Start der jungen Plattenfirma Virgin ankurbelte, waren gespalten. Während das Lager der Art-Rock-Gegner den Soundbastler mit Häme überschüttete und ihm von Pink Floyd light bis galoppierender Trivialität diverse Spottsalven entgegen feuerte, priesen anderen Zeitgenossen seine Musik als Meilenstein der Genres und verliehen dem Album Höchstwertungen wie etwa die Jazzkollegen des anspruchsvollen Magazins "Down Beat", das begehrte (und damals durchaus unübliche) fünf Sterne vergab.

Die Verkaufszahlen wiederum dokumentierten, dass Oldfield durchaus den Geschmack des Publikums traf. Vorsichtig geschätzte zehn Millionen verkaufte Exemplare des Albums jedenfalls belegen, dass er nicht ganz daneben gegriffen haben konnte. Für den Komponisten und Musiker wiederum bedeutete das auch, dass er fortan am Maßstab "Tubular Bells" gemessen wurde. Zwar gelangen ihm auch noch andere Hits wie "Shadow On The Wall" und "Moonlight Shadow". Das vertrackte, minimalistische Thema seiner ursprünglichen Klangphantasien aber kehrte immer wieder in seinen Kompositionen zurück. Und mischt sich seitdem mit den nachfolgenden Klangwelten.



Inzwischen ist Mike Oldfield 54 Jahre alt und kann es sich leisten, sich genussvoll auf sich selbst zu beziehen. Schon "Harbringer", die Ouvertüre seiner 14-teiligen Orchestersuite "Music Of The Spheres", nimmt Bezug auf das filigrane Motive des Standardwerks, variiert es und führt es in andere Richtungen. Dazu kommen zahlreiche weitere Einflüsse, Tschaikowsky etwa, den der britische Komponist wegen dessen Klangfarbenvielfalt verehrt, Sibelius auch, dessen musikalische Reinheit er über alles schätzt. Barockes findet sich in der Gestaltung mancher Fanfaren, aber auch keltische Folklore findet ihren Wiederhall in rhythmischen Elementen. Die Orchesterführung erinnert mal an Beethoven'sche Strenge, mal an Dvorak'sches Sentiment, überhaupt ist Oldfield bestrebt, in seine "Musica Universalis" möglichst viel von dem einfließen zu lassen, was ihm selbst am Herzen liegt.

"Die 'Musica Universalis' ist eine alte Theorie, nach der jeder Himmelskörper, die Sonne, der Mond und die Sterne, seine eigene innere Musik hat. Dabei handelt es sich um ein harmonisches und mathematisches Konzept, das sich von den Bewegungen der Planeten und des Sonnensystems herleitet. Die damit gestaltete Musik ist für das menschliche Ohr unhörbar. 'Music Of The Spheres' ist meine Interpretation dieser Theorie".

Damit aus der Idee auch ein beeindruckendes Ergebnis werden konnte, griff Mike Oldfield ordentlich in die Vollen, leistete sich das Sinfonia Sfera Orchestra und ergänzte es um die engelshafte Stimme der neuseeländischen Sängerin Hayley Westenra und die zarten Klavierpassagen des chinesischen Piano-Stars Lang Lang. So entstand ein stellenweise elegisch subtiles, dann wieder orchestral voluminöses Manifest der kosmischen Harmonie, in der individuellen Deutung eines neugierigen Magus der Klänge, der weiterhin konsequent den Weg beschreitet, den er mit "Tubular Bells" einst eingeschlagen hat.


KOMMENTARE

Kommentar speichern