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14.02.2001

Geboren um Bach zu spielen: Mischa Maisky

Mischa Maisky, Geboren um Bach zu spielen: Mischa Maisky

15 Jahre nach seiner preisgekrönten Ersteinspielung der Sechs Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach präsentiert Mischa Maisky eine neue Sicht auf Bachs Meisterwerke für Solo-Cello.

Er ist nicht groß von Wuchs, aber selbst im dichtesten Gedränge ist der heute 51-jährige Meistercellist kaum zu übersehen: Eine graue Lockenmähne umrahmt sein markantes Profil, aufmerksame Augen registrieren alles und jeden sowohl in der näheren als auch in der weiteren Umgebung. Und das elegante Leder-Outfit von Maiskys Lieblings-Designer Issey Miyake - der auch für seine Bühnenbekleidung verantwortlich zeichnet - tut ein übriges dazu. Wer sich bis dahin ob der Person Maiskys noch nicht ganz sicher ist, erkennt den unprätentiösen Cello-Star spätestens an seinem Instrument, das er im schwarzen Leder-Futteral - umarmt wie einen lieben Freund - fast überallhin mit sich führt und das er mit Argusaugen bewacht. Kein Wunder, immerhin handelt es sich hier um ein Montagnana-Cello aus dem Jahre 1720!

 

Beide, das Cello und sein Maestro, sind weitgereist und es dürfte kaum ein musikbegeistertes Publikum selbst in den entferntesten Teilen der Erde geben, das den passionierten Virtuosen noch nicht zu Gesicht bekommen, noch nicht seinem stupenden Spiel gelauscht hat. In diesem Jahr nun aber, so scheint es, will der in Litauen geborene Musiker alle seine bisherigen Auftrittsrekorde brechen: Im Rahmen einer ausgedehnten Tournee - natürlich rund um den Globus, das versteht sich bei Maisky fast von selbst - widmet er sich in mehr als 80 Konzerten dem Solorepertoire für Cellisten schlechthin, den Sechs Suiten für Violoncello Solo BWV 1007-1012. Und obwohl Maisky nahezu die gesamte Cello-Literatur im aktiven Repertoire hat, steht er zu den sechs, vermutlich 1720 in Köthen für den Cellisten Christian Ferdinand Abel komponierten Suiten in einem ganz besonderen Verhältnis.

 

Vor vierzig Jahren, am 20. Juli 1959, verliebte sich Mischa Maisky in diese Musik, als ihm sein Bruder Waleri, selbst Organist und Bewunderer der Bachschen Musik, eine Kopie der Alexander Stogorsky-Ausgabe schenkte, die ein Faksimile des Anna Magdalena Bach-Manuskriptes enthielt. Auf die Titelseite der Partitur hatte sein Bruder geschrieben: "Arbeite daran so viel du nur kannst, dein ganzes Leben lang, um dich dieser großen Musik würdig zu erweisen." Dem geliebten Bruder, der 1981 bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben kam, widmet Mischa Maisky denn auch diese Neuaufnahme.

 

Und wie so häufig bei dem notorisch gut gelaunten Musiker, der zu jeder Tages- und Nachtzeit mit mindestens einer Anekdote aufwarten kann, verdanken wir auch diese, seine zweite Aufnahme der Cello-Suiten, einem glücklichen Zufall. Als er vor einigen Jahren in Zürich am Schaufenster eines Hi-Fi-Ladens vorbeischlenderte, entdeckte der Technik-begeisterte Maisky zwei Lautsprecher, die ihn interessierten. Und so bat er den Verkäufer, ihm die Qualität der Lautsprecher anhand einer klassischen CD zu demonstrieren. "Ich hörte irgendeine Orchestermusik, einen Sänger, einen Geiger und schließlich die Bourrée aus der Cello-Suite in C-Dur. Ich glaubte zunächst, irgendjemand wollte sich einen Spaß mit mir machen, denn es klang wie eine Parodie. Als ich aber entdeckte, daß es sich um meine eigene Aufnahme handelte, war ich geschockt. Ich hatte sie seit Jahren nicht mehr gehört." Die Deutsche Grammophon zeigte sich einverstanden mit seiner Idee einer Neuaufnahme, zumal für das Bach-Jahr 2000. Also ist im persönlichen Auftrittskalender Mischa Maiskys ein Großteil des Jahres 2000 seiner ganz persönlichen Hommage an Johann Sebastian Bach und dessen 250. Todestag vorbehalten. Und das, obwohl Maisky keinen Zweifel daran läßt, daß für ihn "jedes Jahr ein Bach-Jahr" ist.

 

Maiskys Zugang zu den Cello-Suiten ist von zwei grundlegenden Positionen geprägt. Zum einen übten seine Lehrer Mstislav Rostropovich und Gregor Piatogorsky - Maisky ist stolz darauf, als einziger der großen Cellisten ein Schüler von beiden gewesen zu sein - einen entscheidenden Einfluß auf seine Bach-Sicht aus. Auch die legendäre Casals-Einspielung von 1930, die er zunächst als "verrückt" empfand, wurde ihm mit jedem Hören vertrauter. "Ich weiß heute, daß mir Casals wichtige Impulse vermittelt hat.", und Maisky ist bis auf den heutigen Tag dankbar, daß er den großen Musiker noch in seinem letzten Lebensjahr in Israel treffen und ihm vorspielen durfte. Andererseits wird Mischa Maisky nicht müde zu betonen, daß man sich Bach nicht ausschließlich mit heiligem Ernst nähern dürfe. "Ich habe bei dieser Musik immer das unbestimmte Gefühl, daß man Bach wie einen Heiligen betrachtet, um ihn in einem Rahmen an die Wand zu hängen und darunter zu schreiben: Herr Professor. Natürlich war Bach einer der größten musikalischen Geister aller Zeiten, ich glaube jedoch, daß die wirklich großen Komponisten weit mehr waren als nur das. Bach war der größte Romantiker: Er hatte immerhin 20 Kinder, ich bin sicher, er liebte gutes Essen, gute Weine und gutes Bier. Ich stimme mit Pablo Casals überein, der sagte, es gibt kein Gefühl, das nicht in dieser Musik enthalten ist. Und wenn man mich eines romantischen Bach-Spiels bezichtigt, dann nehme ich das als ein Kompliment."

 

Maiskys Interpretation verbindet gleichermaßen Kontinuität und Veränderung gegenüber seiner Ersteinspielung. "Ich habe mich bei den Schnitten auf ein Minimum beschränkt, um damit einer Live-Aufführung so nahe wie möglich zu kommen. Deshalb entspricht diese neue Aufnahme weit mehr meiner Art des Vortrags als die erste. Ich bin heute um der Lebendigkeit der Musik willen bereit, die Perfektion des Musizierens bis zu einem bestimmten Grad zu opfern. Es wird nicht mehr Barock sein, möglicherweise genau das Gegenteil." Das heißt kein spezielles Instrument für die schwierige, auf nur vier Saiten zu spielende 6. Suite, auch kein barocker Bogen für mehr "Authentizität". "Ich bin überzeugt davon, daß Bach - wie so viele große Denker - seiner Zeit weit voraus war! Es ist einfach eine Frage der Klang-Philosophie, wenn man am Ende des 20. Jahrhunderts versucht, dreihundert Jahre zurückzugehen. Das stünde völlig im Widerspruch zu Bachs Mentalität. Deshalb teile ich diese Ansicht nicht, was jedoch keinesfalls heißt, daß ich sie nicht respektierte. Für mich ist es eine Frage des Prinzips. Wobei ich nicht behaupten will, daß meine Sicht die beste oder einzig denkbare wäre. Ich kann alle Arten von Musik akzeptieren bis auf zwei: Wenn man sie häßlich oder langweilig spielt. Denn große Musik ist niemals häßlich oder langweilig."

 

Für ein besseres Verständnis von Maiskys interpretatorischem Ansatz hat die Deutsche Grammophon dieser Neueinspielung eine ihrer mittlerweile bewährten Pluscore-CDs hinzugefügt. Für sie hat der vielbeschäftigte Cellist in mühevoller Kleinarbeit in Hotelzimmern, auf Flughäfen und in Eisenbahnabteilen seine spezielle Edition der Sechs Cello-Suiten vorbereitet, mit sämtlichen persönlichen Vortragsbezeichnungen sowie den individuellen spielpraktischen Ausführungen in allen sechs Suiten. Beispielsweise zum Thema Phrasierung und Ausdruck: "Meine gesamte Bogenführung sowie die Fingersätze basieren einzig und allein auf meinen Vorstellungen von musikalischer Phrasierung und Ausdruck und nicht um der bloßen Spielbarkeit willen. Ich bin fest davon überzeugt, daß die einfachste Art nicht zwangsläufig auch die beste ist. Was die wenigen "Variationen" betrifft, die ich mir an manchen Stellen erlaubt habe, zumeist am Ende einer Phrase - obwohl ich daran festhalte, daß man ein Höchstmaß an Vielfalt und Freiheit durch den Klang und nicht mittels textlicher Veränderungen erreichen kann und sollte - nun, natürlich habe ich in Konzerten (und mehr noch zu Hause!) "experimentiert". Das aber ist nur ein kleiner Teil dessen, was ich für geeignet hielt, schriftlich zu fixieren [...] Das Schöne an CD-Pluscore ist eben, daß jeder mit jedem Element dieser Edition experimentieren und Veränderungen vornehmen kann, bis hin zu einer eigenen Fassung!" Und so lesen sich Maiskys Anmerkungen auf dieser Pluscore-CD wie ein spannender Roman über Johann Sebastian Bach und seine ganz persönliche Rezeption durch einen der größten Cellisten unserer Zeit.

 

Keine Frage: Maiskys neue Bach-Aufnahme ist von der ersten Konzeption bis zum fertigen Band eine Herzensangelegenheit dieses charismatischen Künstlers. Schließlich änderte er sogar noch kurz vor dem bereist fixierten Aufnahmetermin den Aufnahmeort, indem er von der geplanten italienischen Kirche in den wunderbaren, achteckigen Saal der ehemaligen Benediktiner-Abtei im belgischen Sint-Truiden wechselte: Er war der Meinung, daß die warme Akustik dieses Raumes seiner Interpretation den perfekten klanglichen Rahmen bietet. Und so darf man Mischa Maisky getrost beim Wort nehmen, wenn er im Brustton der Überzeugung von sich behauptet: " Wenn ich sage, daß Musik meine Religion ist, dann sind diese sechs Solo-Suiten meine Bibel." Und auf seinem Gesicht macht sich ein verschmitztes Lächeln breit.

 

Lesen Sie auch zum Album den musikalischen Fragebogen - ausgefüllt von Mischa Maisky
Information zu Mischa Maiskys Tour erhalten Sie im Porträt-Hinweis


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