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23.08.2002

Der Tausendsassa

Mischa Maisky, Der Tausendsassa

Goethe war begeistert. Carl Friedrich Zeitler, der Leiter der Berliner Singakademie und ein alter Freund des greisen Geheimrates, hatte ihm einen zwölfjährigen Jüngling vorgestellt, der außergewöhnlich elegant Klavierspielen konnte. Er hieß Felix Mendelssohn-Bartholdy und sollte in den folgenden Jahren zu einem der produktivsten Komponisten der deutschen Romantik werden.

Felix Mendelssohn-Bartholdy passt nicht in das seit dem Sturm und Drang populären Bild des genialisch leidenden Künstlers, der sich seine Werke im Angesicht des stimulierenden Leides abgewann. Denn er hatte sein Leben lang Glück. Am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren gehörte er zu einer musisch und kulturell interessierten, reichen Familie und war mit Talenten überreich gesegnet. Er wurde wie seine drei Geschwister umfangreich und gründlich in Wissenschaft und Kunst unterrichtet. Er übersetzte flüssig Griechisch und Latein, schrieb inspirierte Prosa und Gedichte, zeichnete und malte ahnsehnlich, spielte virtuos Klavier und verschiedenen Saiteninstrumente. Er dirigierte charismatisch, war in Musik und Literatur seiner Zeit bewandert, pflichtbewusst, seriös, verlässlich. Seine Kindheit verlief glücklich und sorgenfrei, er liebte seine Familie und verehrte vor allem seinen Bruder Paul (der sich nach dem frühen Tod des Komponisten 1847 sorgfältig um die Pflege des künstlerischen Nachlasses kümmerte). Mendelssohn-Bartholdys Romantik hatte nichts mit dem Egozentrik eines Liszt und Berlioz, nichts mit der Finsternis eines Schubert oder Brahms, nichts mit dem Geniegedanken eines Beethoven zu tun. Sie gründete vielmehr im tief empfundenen Protestantismus, in dessen Perfektionsbewusstein und Pflichtversessenheit, die ihn sich regelrecht zu Tode schuften ließ.

 

Insofern taugt Mendelssohn-Bartholdy kaum für Mythologisierungen. Seine Kunst scheint klar und ist doch vielschichtiger, als der erste Blick vermuten lässt. Mischa Maisky jedenfalls beschäftigt sich schon lange mit dem landläufig unterschätzten Komponisten. Für den in Riga/Lettland geborenen Cellisten und internationalen Star seines Instrumentes haben dessen Kunstschöpfungen zahlreiche Facetten, die es aus der Perspektive der Gegenwart zu entdecken gilt. Zum Beispiel in den kammermusikalischen Werken, von denen er einige herausragende Stücke für sein Duo mit dem venezulanischen Pianisten Sergio Daniel Tiempo ausgesucht hat: "Mir gefällt etwa die zweite Sonate gut, und ich spiele sie auch oft. Aber die erste Sonate finde ich besonders reizvoll. Aus ihr spricht eine gewisse Naivität, ein besonderer Charme. Ich spiele sie sehr gerne, und gerade jetzt, nach der Aufnahme, hoffe ich, das noch viel häufiger tun zu können". Maisky und Tiempo nehmen sich aber nicht nur den konzertanten Glanzstücken der Repertoires an, sondern widmen sich auch musikalischen Miniaturen wie mehreren "Liedern ohne Worte", die der Cellist zum Teil eigens für die Aufnahme arrangiert hat. So entsteht ein außergewöhnliches Komponistenalbum mit unentdeckten Seiten eines Genies, das sich immer dagegen gewehrt hätte, als solches bezeichnet zu werden.


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