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25.01.2006

Die dunkle Seele

Mischa Maisky, Die dunkle Seele

Als hätte er es geahnt. Wenige Monate nachdem Mischa Maisky sein ergreifend molltrauriges Duo-Konzert mit russischen Melodien im großen Saal von Schloss Elmau aufgenommen hatte, wurde das angesehene Kulturhotel in den Bayerischen Alpen durch eine Großbrand zu weiten Teilen zerstört. Zwar wurde inzwischen mit der Renovierung begonnen, trotzdem verschwand mit der Katastrophe ein Refugium kulturellen Freigeistes, das nur in anderer Form wiedererstehen kann. Und so ist "Vocalise - Russian Romances" nicht nur die Verbeugung eines der größten Cellisten unserer Tage vor den Melodien seiner Heimat, sondern auch ein Epilog auf einen Ort, der über Jahrzehnte hinweg Künstler aller Sparten zu besonderer Inspiration verhalf.

Mischa Maisky hat ein spezielles Verhältnis zu seinem Vaterland. Denn einerseits haben ihm dessen Funktionäre übel mitgespielt. Obwohl Meisterschüler von Mstislaw Rostropovich und eine der großen Hoffnungen der russischen Künstlerkader, avancierte er in jungen Jahren zu einem Staatsfeind, der nach den Regeln der kommunistischen Diktatur verfolgt wurde. Denn nachdem seine Schwester 1969 nach Israel ins Exil gegangen war, erschien Maisky dem Sowjet-System als bedenklich. Er wurde verhaftet, und 1970 in ein Arbeitslager gesteckt. Mehr als zwei Jahre lang konnte er sein Instrument nicht anrühren und schaffte es erst im Winter 1972, sich nach Israel abzusetzen. Seitdem allerdings avancierte er Schritt für Schritt vom Newcomer zu einem der renommiertesten Musiker seines Instrumentes, der sowohl als Solist, wie auch als Partner von Künstlern wie Martha Argerich oder Gidon Kremer deutliche Spuren im musikalischen Leben hinterlassen hat. Insofern sind seine Erinnerungen an Russland vieldeutig, zum einen an ein System, das ihn verjagte, zum anderen an eine melodische und harmonische Vielfalt, die im sonstigen Europa kaum ihresgleichen hat. Und das merkt man auch an den Kompositionen, die er für Vocalise - Russian Romances ausgesucht hat. Alle sind sie molltrunken, traurig , beseelt von einer tiefen Melancholie, aber auch einer keimenden Hoffnung, die den dunkelsten Stimmungen noch einen Moment der Klarheit und des Lichtes abgewinnt: "Ich bin in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen und habe daher eine enge Beziehung zur russischen Musik - ich liebe russische Musik. Für dieses Album habe ich unter anderem Musik von Tschaikowsky, Glinka, Mussorgsky, Anton Rubinstein, Rimski-Korsakow und Glasunow ausgewählt. Und dann ist noch ein Name dabei, den wahrscheinlich niemand kennt: Alexander Guriljow - ein höchst faszinierender Komponist."

Maisky schwelgt, taucht ein in eine Welt, die viele Assoziationen eröffnet. Ihm zur Seite steht Pavel Girilov als erfahrener und langjähriger Begleiter am Klavier. Gemeinsam entwickeln sie musikalische Bilder von eindringlicher Schönheit und sanfter Tristesse, die immer wieder mollverhangen an die Liebe und Vergänglichkeit appellieren. Mal haben sie Titel wie "Versuche mich nicht ohne Not" (Glinka), "Nur wer die Sehnsucht kennt" (Tschaikowsky) oder "Östliche Romanze - Die Rose und die Nachtigall" (Rimski-Korsakow), mal sind es Wiegenlieder, Elegien oder Transkriptionen einfacher Melodien für Klavier. Immer jedoch behalten sie diese besondere Stimmung, das Getragene und Erhabene, das der russischen Musik die spezielle Tiefe gibt. Dreiundzwanzig Kapitel hat Maiskys Klangstreifzug durch die Romantik seiner Heimat und jedes Mal gelingt es ihm, mit seinem eleganten Ton und noblen Strich, die großen Gefühle wachzurufen, die die melancholischen Weisen des Ostens anzusprechen verstehen. So entsteht ein Album, dass ohne vordergründig Virtuosität auskommt, dafür aber umso mehr Faszination im Detail zu bieten hat. Und das die emotionale, ehrliche, unmittelbare Seite eines bedeutenden Musikers präsentiert.


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