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10.01.2007

Meister unter sich

Mischa Maisky, Meister unter sich

Es gibt nicht wenige Bach-Verehrer, für die die "Goldberg-Variationen" zu den wichtigsten Werken des Meisters überhaupt zählen. In jedem Fall steht fest, dass sie wie auch das "Wohltemperierte Klavier" zu den Glanzstücken der abendländischen Musikgeschichte gehören, die trotz mehr als 260jähriger Rezeptionsgeschichte noch immer Geheimnisse in sich bergen. So erschließt sich beispielsweise die komplexe Führung der Oberstimmen bei der Interpretation an Klavier oder Cembalo oft nur für den geübten Hörer. Sie entfaltet hingegen, wenn auf mehrere Instrumente verteilt, auch für Bach-Novizen nachvollziehbare farbliche und interpretatorisch Qualitäten. Und das ist nur einer von vielen Gründen, weshalb die Aufnahme der "Goldberg-Variationen" durch den Cellisten Mischa Maisky und seine Kollegen Nobuko Imai und Julian Rachlin an Viola und Geige zu den herausragenden Einspielungen dieses Klassik-Winters gehört.

Johann Sebastian Bachs erster Biograf Johann Nikolaus Forkel dachte sich gerne Geschichten aus. Also ersann er zu den "Goldberg-Variationen" eine hübsche Anekdote, die zwar frei erfunden war, dem Werk aber immerhin zu seinem Namen verhalf. Demnach habe Graf Hermann Karl von Keyserlingk im November 1741 beim Leipziger Thomaskantor eine Komposition in Auftrag gegeben, die "so sanften und munteren Charakters wären, daß er dadurch in seinen schlaflosen Nächten etwas aufgeheitert werden könnte". Bach nun wiederum soll sie daraufhin für dessen Schüler Johann Gottlieb Goldberg geschrieben haben, der den nimmermüden Aristokraten nächtens am Cembalo unterhielt, und das Werk habe den Auftraggeber derart begeistert, dass er den Komponisten daraufhin mit einem zusätzlichen Geschenk bedachte. Inzwischen haben die Musikwissenschaftler allerdings festgestellt, dass nicht nur Goldberg zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Werkes erst 14 Jahre alt war, sondern auch die Erstausgabe der Noten, untypisch für Auftragsgeschichten, keinerlei Widmung, sondern lediglich den umständlichen Titel "Clavier Übung bestehend aus einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit zwei Manualen" trug. Ungewöhnlich allerdings ist die relativ genaue Angabe des auszuführenden Instrumentes, auf die Bach sonst in der Regel verzichtete, und auch die ungemein kunstvolle Ausführung des Ganzen, die auf eine im Unterschied zur reinen Übung übergreifende Form der Komposition hinweist. Man geht daher inzwischen davon aus, dass die "Goldberg-Variationen" als eigenständiger Teil der "Clavier-Übungen" konzipiert waren, die neben Partiten, italienischem Konzert resp. Französischer Ouvertüre und Orgelchorälen als Fortsetzung einer "Enzyklopädie der Variationskunst" verstanden werden sollten.
 
So oder so sind die "Goldberg-Variationen" ein Kernstück der barocken Musikkultur. Und wie viele andere Werke Bachs wurden auch sie verschiedenen Bearbeitungen unterzogen. Im Falle der Aufnahme des Trios Imai / Maisky / Rachlin stammt die Vorlage von dem Dirigenten und Geiger Dmitry Sitkovetsky. Anlässlich des 300.Geburtstag von Johann Sebastian Bach erarbeitete er die Transkriptionen 1985 und ließ sie noch im selben Jahr im Rahmen des Korsholm-Festivals erstaufführen, dessen Leitung er bis 1993 innehatte. Damals bereits stellte sich heraus, dass sich die "Goldberg-Variationen" außergewöhnlich gut für die Verteilung auf die drei Lagen der Geige, Viola und des Cellos eigneten, da durch die unterschiedlichen Farben und Spielformen der Instrumente die komplexe Linienführung besonders der Kanons, aber auch der übrigen Variationen klar wurden. Sitkovetskys herangehensweise jedenfalls bewährte sich und er wurde daraufhin mit zahlreichen weiteren Aufträgen für Bearbeitungen für Kammermusikensembles bedacht. Die Musikwelt wiederum hatte eine Herausforderung mehr, der sich Nobuko Imai, Mischa Maisky und Julian Rachlin im Februar 2006 in der Dresdner Lukaskirche stellten. Die Aufnahmen dieser Wintertage bestechen nicht nur durch die makellose Virtuosität der Interpreten, sondern vor allem durch das emphatische Miteinander der musikalischen Empfindung, das das Werk trotz der Neuverteilung der Stimmen als ingeniöses Ganzes erscheinen lässt. So treffen neue auf einen alten Meister und ergänzen sich zu einem grandiosen Komplement der künstlerischen Fähigkeiten.


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