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19.10.2004

Muse

Wunderkinder haben es oft nicht leicht – erst Recht in der modernen Rockmusik. Sie werden für ihre Taten mit Lob überhäuft, von den Medien hofiert und ständig daran erinnert, dass sie etwas Besonderes sind. Das schafft Erwartungen, die extrem hoch, ja oft übermenschlich sind und dazu führen, dass sich die dergestalt Gesegneten nicht selten in ewigem Selbstzweifel, Alkohol oder Drogen verlieren. Nicht so Muse: Das brillante Trio aus dem beschaulichen südenglischen Devon weiß um seine Macht, ganz besondere, absolut einzigartige Rockmusik zu schreiben, und bleibt dennoch bemerkenswert klar, aufgeräumt und allürenfrei.

Und das, obwohl sie – um es mit einem Wort zu sagen – einfach immer besser werden. Seitdem vor vier Jahren ihr Debüt „Showbiz“ erschien, gehören sie zu den wichtigsten und einzigartigsten Ausnahmeerscheinungen der britischen Rockmusik.

Damals waren Sänger/Gitarrist/Keyboarder Matthew Bellamy, Drummer Dominic Howard und Bassist Chris Wolstenholme gerade mal 16, 17 Jahre alt. Schmächtige Teenies mit Pickeln und einer naturgegebenen Rotznäsigkeit, wie sie eben typisch ist für pubertierende Burschen in ihrem Alter. Was sie von Altersgenossen unterschied, war ihre Fähigkeit, Rockmusik zu schreiben, die dermaßen ausgereift, eigenständig und unprätentiös klingt, dass man dahinter niemals eine derart junge Bande vermuten würde. Seit ihrem zwölften Lebensjahr hatten die Drei zusammen Musik gemacht, die Grunge-Revolution in ihren Kinderzimmern erlebt und „kontinuierlich daran gearbeitet, dass wir uns stark genug fühlen, um in die Musikszene einzutreten“, wie Matthew damals sagte. Kein Wunder also, dass sie sich aus dem Stand und direkt mit der ersten Single überhaupt, dem flehend traurigen „Uno“, in die Herzen der Alternativerock-Fans und die Top-Positionen der Charts spielten.

Als zwei Jahre später das voluminöse, außerordentlich ausgereifte und unglaublich vielseitige Zweitwerk „Origin of Symmetry“ erschien, war schnell klar: Muse sind keine Eintagsfliege. Im Gegenteil – all das schien erst der Anfang zu sein für eine Karriere, die in der britischen Rockmusik ihresgleichen sucht. Inzwischen waren sie Big Player in ganz Europa, Asien und Nordamerika, mit vier geschickt auf dem Globus verteilten Plattenverträgen, Tourneen mit den Red Hot Chili Peppers, Foo Fighters oder Jane’s Addiction und einem Medienfeedback, wie es nur den wenigsten englischen Rockmusikern zuteil wird. Ihre Konzerte waren furiose Trio-Lehrstunden, magische Gefühlsbäder und kompromisslose, kernige Gitarrenrock-Abfahrten in einem, ihre Singles gingen weg wie nichts, und selbst Musiker wie R.E.M.s Michael Stipe ließen sich zu Äußerungen hinreißen wie: „In Muse sehe ich die Zukunft der Rockmusik. Diese Jungs sind brillant.“

Nach dem ebenfalls famosen letztjährigen Doppel-Livealbum „Hullabaloo“ stehen sie nun in den Startlöchern, um mit dem schwierigen dritten Album zu beweisen, dass bei ihnen in Sachen Kreativität, Intensität, Dynamik und Songwriting noch lange nicht alles ausgereizt ist. Der für sie typische Kontrast aus vertonter Härte und süßer Melancholie zeigt sich hier perfektioniert, es gibt Disco-Beats, verzerrte Bässe, Chanson-Versatzstücke, unbeschreiblich traurige Balladen, catchy Refrains und massiv prügelnde Moshparts sowie in fast jedem Song orgiastische Melancholie-, Sound- und Songwriting-Steigerungen. Es gibt verlorene Pianolinien, vertrauliche Melodien, verträumte Streicher-Arrangements und verstörende Brüche. Es gibt ein atemberaubendes Wechselspiel zwischen laut und leise, Liebe und Hass, Harmonie und Kompromisslosigkeit. Es gibt mehr Muse als je zuvor.

Aufgenommen wurde das neue Album größtenteils in der ‚Grouse Lodge’ in Irland in einem Zeitraum von zwei Monaten, den endgültigen Feischliff erhielt das Album im April und Mai diesen Jahres in den altehrwürdigen ‚Cello Studios’ in Los Angeles. Produziert wurde das bis ins letzte Detail intelligent ausstaffierte, unbeschreiblich facettenreiche Juwel von ihrem Wunschproduzenten Rich Costey, der zuvor u.a. mit Rage Against The Machine, Cave In, Audioslave und Fiona Apple arbeitete. „Es sind all diese unterschiedlichen Erfahrungen, die ihn zu unserem Wunschmann machten“, sagt Matthew. „Die Musik auf dem neuen Album verlangte nach einem Profi, der sich sowohl mit zarter Pianomusik als auch mit massiv drückenden Rockparts auskennt.“ Experiment gelungen, Patient rockt. Und ist derart nah am Ohr des Hörers, dass ihre unkonventionell und kompromisslos ausgelebte Liebe zur Melancholie die Nackenhaare bürstet und mehr als nur eine Träne ins Auge zaubert. „Wir wollten uns ein Stück weit neu erfinden, ohne uns untreu zu werden“, sagt Matthew Bellamy. „Ist uns das gelungen?“ Entscheiden sie selbst. Wir finden jedenfalls: Ja, unbedingt. Und noch viel mehr als das.