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14.01.2009

Debussy direkt

Nelson Freire, Debussy direkt James McMilan

Claude Debussy war ein Meister im beiläufigen Verpacken musikalischer Ungehörigkeiten. Man nehme beispielsweise „Voiles", das zweite Stück des ersten Heftes der „Préludes", das im Kern auf einer Ganztonleiter aufgebaut ist, einem System, das den Gewohnheiten der abendländischen Funktionsharmonik in herbem Maße widerspricht. Debussy jedoch inszeniert diesen Regelbruch nicht als Avantgarde, sondern als Farbenspiel, das wie nebenbei die eigentliche Radikalität verschleiert. Da wundert es wenig, dass Sammlungen wie die „Préludes" oder auch der mit Stilistiken scherzende „Children's Corner" seit Generation Pianisten fasziniert und inspiriert. Nelson Freire etwa hat sein Anbeginn seiner Karriere Debussy in seinem Repertoire. Nun widmet er dem impressionistischen Intellektuellen ein ganzen Album.

Ende des 19.Jahrhunderts gehörte Claude Debussy zu den wichtigsten Exponenten einer neuen Komponierform in Paris und hatte es mit orchestralen und kammermusikalischen Werken zu Ruhm und Ansehen gebracht. Das Klavier jedoch ließ er lange Zeit scheinbar kaum beachtet. Als Lieblingsinstrument des bürgerlichen Salon-Publikums war es ihm suspekt. Abgesehen von ein paar noch deutlich von der Romantik beeinflussten Jugendwerken wie „Arabesques" (1888), „Suite Bergamesque" (1890) und „Pour Le Piano" (1901) hielt er sich mit Albumblättern und Miniaturen für Klavier lange zurück, um dann zwischen 1903 und 1915 einen Großteil seiner heute bekanntesten und für die Nachwelt bedeutungsvollen Klangimpressionen zu schaffen.

Tatsächlich sind die „Préludes", „Images" und die für seine von ihm abgöttisch verehrte Tochter Chochou geschriebene Sammlung „Children's Corner" das Konzentrat von Debussys sanfter Revolution der Ausdrucksformen, die sich mit dem spätromantischen Pathos nicht mehr zufrieden geben wollten. Harmonik, Melodik, Rhythmik wenden sich ab von der funktionsbezogenen Strenge à la Wagner, aber auch von der romantischen Sentimentalität eines Schumanns oder dem Virtuosentum eines Liszt. Eine der Eigentümlichkeiten von Debussy ist daher bis heute diese Spannung von Konvention und Ablehnung, von Brechung der Form und Schaffung gestalterischer Alternativen, deren visionärer Gehalt sich vor allem in der Tiefe der Auseinandersetzung dokumentiert.

Für einen Pianisten wie den Brasilianer Nelson Freire ist es daher eine lebenslange Herausforderung, dem Klavierwerk des französischen Impressionisten mehr als nur Stimmungen abzugewinnen. Selbst ein Wunderkind am Klavier, gefeiert in den Sechzigern und Siebzigern, dann, nach einer Schaffenspause, umso eindrucksvoller wieder auf internationalen Bühnen präsent, hatte er sich während der vergangenen Jahre beispielsweise als Interpret von Chopin, Brahms und Schumann profiliert oder auch auf Kammermusik konzentriert, unter anderem mit dem Cellisten Misha Maisky und der Pianistin Martha Argerich (an zwei Klavieren) in ausgezeichneten Aufnahmen.

Im Jahr seines 65.Geburtstags nun leistet er sich den längst ausstehenden Debussy, aufgenommen im vergangenen Frühsommer in der Friedrich-Ebert-Halle in Hamburg. Und es ist ihm ein Recital geglückt, das mit weiser Kompetenz zum einen die Geschichte der Aufnahmen der „Préludes" und des „Children's Corner" kommentiert, dabei die Sentimentalität zugunsten der rhythmischer Strukturen hinter sich lässt, andererseits klar die melodischen Schichtungen zu postromantischen Architekturen zusammenfügt und auf diese Weise Debussy im Lichte der analytischen Übersicht einer großen Klavierpersönlichkeit präsentiert. Eine außergewöhnliche Einspielung, zum vielfachen Hören und Entdecken empfohlen.


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