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28.10.2014

Biografie Nemanja Radulovic

Mit seinen üppig wallenden Locken, seinem Gothic-Styling und seiner atemberaubenden Technik wirkt Nemanja Radulović wie ein romantischer Virtuose vergangener Zeiten. Und er ist einmalig in der Welt der klassischen Musik. Während andere sich mithilfe von Werbegags verkaufen, lässt Nemanja lieber die Musik für sich selbst sprechen – und seine Geige das Reden für ihn übernehmen. "Ich versuche, den Klang der menschlichen Stimme zu finden", erklärt er. "Für mich ist die Geige das beste Mittel, das ich gefunden habe, um mich auszudrücken."
Als ehemaliges musikalisches Wunderkind hat Nemanja, mit nicht einmal 30 Jahren, alle möglichen Widerstände überwunden, und die bedeutendsten internationalen Konzertpodien erobert.

1985 geboren, begann er eher zufällig im Alter von sieben Jahren in seiner Heimatstadt Niš in Nordserbien mit dem Geigenspiel. An einer Musikschule erkannte man, dass der Junge das absolute Gehör hatte, und gab ihm seine erste Geige. Zwei Wochen später setzte er seine Lehrer in Erstaunen. "Ich hatte bereits das Ende des dreijährigen Kurses erreicht", gesteht er verlegen.

Seine Eltern zogen in die Landeshauptstadt Belgrad, damit er seine Ausbildung fortsetzen konnte. Nur sechs Monate, nachdem er seine ersten Töne auf einer Geige gespielt hatte, gab er sein Debüt bei einem Konzert in seiner neuen Schule – als siebenjähriger Solist in einem Vivaldi-Konzert.

Öffentlich aufzutreten wurde ihm von da an zur Passion. "Ich liebte die Bühne sofort. Dieser erste Kontakt mit dem Publikum im Konzertsaal war wundervoll. Ich erkannte, dass ich Menschen zum Lachen bringen konnte. Ich spürte, dass ich Menschen zum Weinen bringen konnte. Ich habe nie etwas anderes entdeckt, wo man so viel Emotion empfinden kann.

Offenkundig war ein Star geboren. Doch ein Sturm braute sich zusammen: Die Vereinten Nationen verhängten ein Wirtschaftsembargo gegen die neu gegründete Bundesrepublik Jugoslawien, und die Hyperinflation machte selbst die einfachsten Dinge unerschwinglich in Belgrad.

"Es war schwer, während der Blockade ohne elektrischen Strom oder Wasser zu sein und kein Essen kaufen zu können", erinnert er sich. "Meine Mutter war Ärztin. Sie leistete humanitäre Arbeit an der Front, rettete Menschenleben, und daher war uns der Krieg sehr bewusst. Musik war das Lebenselixier nicht nur für mich, sondern für meine ganze Familie. Sie half uns, weiterhin ein normales Leben zu führen und schenkte uns echtes Glück. Damals erkannte ich erstmals die Macht der Musik. Ich habe das nie vergessen."

Das erste Ensemble, mit dem der erst achtjährige Nemanja auftrat, war ein Trio mit seinen beiden älteren Schwestern Jelisaveta und Danica, die beide Cello spielten. "Musik war immer sehr wichtig in unserer Familie. Mein Vater sang und meine Mutter spielte zu Hause Akkordeon. Wir hatten immer Musik bei unseren Essen mit Freunden, und alle hörten Musik – Rock, Pop, Rap und Klassik."

Trotz der schwierigen Verhältnisse in seinem Land gelang es Nemanja, zu Musikwettbewerben in ganz Europa zu reisen. "Die Botschaften in Belgrad waren alle geschlossen. Also mussten wir mit dem Zug oder dem Auto nach Budapest fahren und dort mehrere Tage warten, bis ein Visum erteilt wurde."

An seinem ersten internationalen Wettbewerb nahm er in Stresa (Italien) teil, als er neun Jahre alt war. Dabei spielte er zum ersten Mal Paganini.

Über die Wettbewerbe kam er in Kontakt mit Musikern, die ein ganz anderes Leben führten. "Es war toll für mich, junge Leute zu treffen, die nicht diese Probleme hatten. Ich konnte mit ihnen über andere Dinge sprechen und nicht nur über den Krieg."

Als Nemanja 14 war, zog er mit seiner Familie nach Paris, wo er seine musikalische Ausbildung bei Patrice Fontanarosa fortsetzte.

Er ist schon in der ganzen Welt aufgetreten, in einigen der bedeutendsten Konzertsäle und mit einigen der besten Orchester. Wo immer er spielte, war seine Mission dieselbe – die klassische Musik einem neuen jungen Publikum nahezubringen.

"Ich spiele gern für jedes Publikum", erklärt er. "Ich versuche nicht, Geschichtsunterricht zu erteilen oder zu zeigen, wie man Geige spielt – ich möchte nur, dass die Zuhörer wahre Emotionen empfinden durch die Musik, die ich bei einem Konzert spiele. Und ich hoffe, das kann ihnen helfen, einige Probleme ihres Alltagslebens zu vergessen.
Ich spiele einfach so, wie ich mich fühle. Ich versuche Glück zu schenken, wenn ich mich glücklich fühle, oder Traurigkeit, wenn ich traurig bin. Manchmal spreche ich hinterher zu den Zuhörern und sie erzählen mir, wie sie sich bei der Aufführung gefühlt haben – und es ist immer so, wie auch ich mich beim Spielen fühlte. Das ist mein Ziel."

Diese Emotionalität hat natürlich ihre Ursprünge in seinem persönlichen Leben. "In den letzten Jahren habe ich neun Menschen verloren, die mir sehr nahestanden, unter anderem meine Mutter und meine Schwester innerhalb eines Jahres", berichtet er. "Das gibt einem Gefühle, die man mit den Instrumenten und der Musik ausdrücken kann.

Radulović, der jetzt in der Nähe von Paris lebt, übt täglich zwei Stunden. "Ich spiele immer gern etwas Bach und Mozart", sagt er. "Bach hilft mir, mit beiden Füßen auf dem Boden und gut geerdet zu bleiben, und Mozart schenkt mir Glück und echte Gefühle."

Mai 2014


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